2009 durch Lehrveranstaltungsleiter a.o. Univ. Prof. Dr. Klaus Spiess formulierte Lernziele:
PatientInnen werden mittels konkreter Interaktion (Kommunikationsfunktion der Anamnese) zu einer Erzählung über ihre Sicht der Entstehung /Unterhaltung ihres Krank-Seins (Informationsfunktion der Anamnese) motiviert und die gewonnenen Daten integriert (Datenintegrationsfunktion der Anamnese).
Aus insgesamt 30 ('bedside', mit Betroffenen) pro Jahr erlebten Anamnesen pro Studierendem soll durch laufende Reintegration des erworbenen Wissens ein Bild medizinischer, psychologischer und soziokultureller Bedingungen von Gesundheit und Krankheit entwickelt werden, sodass im Laufe zweier Semester erworbene Fähigkeiten zur Datenintegration am Ende auch verstärkt mit den Patienten kommuniziert werden können.
Die biopsychosoziokulturelle Anamnese umfasst körperliche, seelische, soziale, kulturelle Bedingungen von Entstehung und Unterhaltung von Krankheit und berücksichtigt die Fähigkeit der PatientInnen, sich in der bühnenhaften Situation einer Konsultation mittels Sprache und Symbolen darzustellen. Die Rolle der/s Anamneseführenden reicht vom Fragenstellen (Anamnese, Interview) bis zum Anhören der Geschichte (Narrativ) der PatientInnen. Den PatientInnen wird dabei genügend Zeit gegeben, über besonders entscheidend erlebte Punkte ihres Lebens zu erzählen.
Durch die Komplexität des biopsychosoziokulturellen Hintergrundes der PatientInnen ist es sinnvoll, dass sich beim Erlernen einer Anamnese Mitglieder unterschiedlicher Herkunftsdisziplinen unterstützen:
Je nach Herkunftsdisziplin fokussieren die Studierenden daher bei z.B. einer Patientin/einem Patienten mit Myokardinfarkt auf medizinische Risikofaktoren Rauchen, Blutfette und Hochdruck, auf psychologische Risken wie Führungsanspruch (Typ A Verhalten) und Notwendigkeit überproportionaler Leistungssteigerung um sich anerkannt zu fühlen, auf medizinanthropologische Risikofaktoren wie Verlust traditionsgebundener Kultur und Migration, auf sprachliche Besonderheiten wie häufige Verwendung von Ich-Pronomina und choreographische Besonderheiten wie Blutdruckanstieg während der als autoritär erlebten Visite oder Gesprächssituation.
Eine der großen Herausforderungen spezialisierter Medizin wird in Zukunft der verstärkte Einbezug und die Kooperation mit den Kompetenzen anderer Fachrichtungen sein. Eine einzelne Disziplin ist heute nicht mehr in der Lage, den biopsychosoziokulturellen Hintergrund der Entstehung einer Erkrankung angemessen zu erfassen.
Die Teilnahme Studierender unterschiedlicher Fachdisziplinen ermöglicht daher, dass der jeweilige Zugang der einen Fachdisziplin zu den PatientInnen als Modell für die andere Fachdisziplin dient und die später geforderte interdisziplinäre Grundhaltung bereits während des Studiums geübt wird.
Die erstellten Anamnesen werden durch die Teilnahme Studierender mehrerer Fachdisziplinen unter Einbezug des Fachwissens dieser Disziplinen erstellt. Die Zusammensetzung der Gruppen: (Medizin (12), Psychologie (3), Sprach/Literaturwissenschaften (2), Medical Anthropology (2), Kulturwissenschaften (2) ('sozialkompetente Disziplinen' soweit in der OE Public Health verankert). Die 12 Tutoren der Gruppe rekrutieren sich aus der Medizin (7) und Psychologie (2), Medizinische Anthropologie (1), Sprach und Literaturwissenchaften (1), Kulturwissenschaften (1).
Die erhobenen PatientInnendaten, Interaktionsdaten und Grundhaltungen ergeben das Problem und werden anschließend entsprechend des POL Modells in der Kleingruppe kommuniziert, geordnet und reflektiert.
Lernen am Modell der Peers wird vielfach als eine der effektivsten Lernformen im klinischen Unterricht betrachtet. Die Anamneseerstellung in der Peer Gruppe ist eine der wenigen Situationen, in der die Studierenden unter genauer Beobachtung anderer Studierender mit PatientInnen kommunizieren. Durch den Wegfall des prüfungsimmanenten Charakters bei Anwesenheit von ProfessorInnen kommt es zu einer geringeren Labilität der Studierenden, dadurch zu einer geringeren Anfälligkeit für Identifizierungen mit PatientInnen und damit zu einer Entlastung der gesamten Studierenden-PatientInnen Interaktion.
Ziel der Peer Gruppe ist auch die Kompetenzerweiterung im Feld der "Non technical Skills" (interdisziplinäre Kommunikation, Teamfähigkeit, Kritikfähigkeit, Selbstwahrnehmung, u.a.), dies erscheint auch deshalb bedeutsam, da ein großer Teil der Fehler im medizinischen Alltag auf das Versagen in den "non technical skills" in Gruppen zurückzuführen ist.
Ein weiterer Lerneffekt der Peergruppe ist durch Semester- und Genderdiversität gegeben. Jüngersemestrige und Frauen stellen durchschnittlich offenere Anamnesefragen und weniger Leitfragen als Studierende im klinischen Abschnitt und Männer, wodurch mehr psychosozial bedeutsame Antworten und interpersonelle Information erzielt werden. Höhersemestrige verfügen über mehr Vorwissen und damit fachliche Fokussierungsfähigkeit. Die geringere Vorinformation zwingt zu vermehrter Eigenaktivität in der Füllung von theoretischen und praktischen Lücken.
Ein wesentlicher Faktor für das Lernen in der Peer Gruppe und das Erlernen der Anamnese ist die Kontinuität der wöchentlichen Gruppensitzungen über ein Jahr. Wenn die Studierenden ausreichend Zeit zwischen den Sitzungen haben, das Erlebte affektiv und kognitiv zu integrieren, ist ein vermehrter nachhaltiger Effekt gegeben.
Die TutorInnen bitten einmal wöchentlich das Stationspersonal und den diensthabenden Stationsarzt um einen Vorschlag hinsichtlich einer/s geeigneten stationären Patientin/en (deren/dessen Einverständnis dann eingeholt wird). Bei den PatientInnen sollen psychogene Ursachen im Beschwerdebild bedeutsam oder die Art der Krankheitsbewältigung auffallend sein und sie sollten mobil sein. Die Studierenden bitten die/den Patientin/en dann in die Anamnesegruppe, in der ein Studierender eine halbstündige biopsychosoziokulturell orientierte Anamnese erhebt. Nachdem die/der Patientin/Patient auf die Station zurückgebracht wurde, wird die erhobene Anamnese von den TutorInnen mit den GruppenteilnehmerInnen diskutiert. Ein schriftliches Protokoll der gesamten Sitzung kann angelegt und der Station auf Wunsch zur Verfügung gestellt werden.
Auch wenn die pädadogische Letztverantwortung beim Lehrveranstaltungsleiter liegt, handeln sich in der Regel die einzelnen Anamnesegruppen mit dem jeweiligen Abteilungsvorstand/vorständin und Pflegepersonal die Art ihrer Präsenz an der stationären/ambulanten Einrichtung selbstständig aus. Dieser Vereinbarungsmodus ist deklariertes Lernziel der Anamnesegruppen. Solche Verbindlichkeiten einzugehen und einzuhalten setzt eine hohe soziale Kommunikation und Kompetenz voraus. Meist werden eigene Vorerfahrungen, bestehende Netzwerke oder Vorerfahrungen anderer Gruppen und bestehende Verbindlichkeiten mit der jeweiligen Abteilung (Famulatur, Praktikum etc.) für die Wahl der Station genutzt.
Stationen und Einrichtungen: die Integration der einzelnen Gruppen in verschiedene fachliche Abteilungen spiegelt die generelle Integration psychologisch-somatischer Dienste in diesen Abteilungen wider. (Innere Medizin 70%, Neurologie 28%, Chirurgie 25%, Gynäkologie/Geburtshilfe 18%, Psychiatrie 15%, Dermatologie 12%, Orthopädie 7%.)
Neben dem stationären Bereich wurden auch in Einrichtungen wie dem Integrationshaus und der AIDS Hilfe Anamnesen erstellt. Geplant sind verstärkt Risikoanamnesen bei gesunden Personen.
Das Studium der Krankengeschichte der jeweiligen Patienten und fallbezogene Diskussionen mit dem Stationspersonal sollen den Unterrichtswert optimieren.
Im Regelfall sind die Studierenden (gegebenenfalls mit der Hilfestellung der/s verantwortlichen Ärztin/Arztes) in der Situation, die/den Patientin/Patienten zu einer Teilnahme an der Anamnesegruppe zu motivieren und informed consent einzuholen. Dazu haben sie ihn über Ziele und Inhalte der Anamnesegruppe angemessen zu informieren und gegebenenfalls nach der Anamnese Fragen adäquat zu beantworten.
Aus verschiedenen US-amerikanischen Studien geht hervor, dass 1/3 der dazu befragten PatientInnen die Anwesenheit eines Studierenden fordern , 45% wünschen und sogar 70% das (psychosozial orientierte) Gespräch mit Studierenden gegenüber dem mit ÄrztInnen bevorzugen. Auf die geringere Belastung der PatientInnen durch den Wegfall des prüfungsimmanenten Charakters bei Anwesenheit von Professoren wurde bereits hingewiesen.
Der Effekt von Anamnesegruppengesprächen auf Studierende (Reduktion von Bagatellisieren, Fragen stellen und Werturteilen im PatientInnengespräch) wurde ebenfalls gezeigt.
Die Teilnahme an einer Anamnesegruppe ist nur für sozialkompetente Disziplinen möglich, die in ihrer eigenen Fachdisziplin klare ethische Richtlinien im Umgang mit Menschen und von diesen geschaffenen Äusserungen publiziert haben (z.B. http://www.theasa.org/ethics/guidelines.htm, ). Das Verständnis dieser Leitlinien als Basis von informed consent fungiert als deklariertes Lernziel der Anamnesegruppen.
Studierende der Medizin dürfen auf Grund des § 49 Abs. 4 und 5 Ärztegesetz 1998 zu bestimmten, einfacheren, risikoarmen ärztlichen Tätigkeiten wie Anamneseerstellung herangezogen werden, bei denen die Studierenden den Anweisungen und der Kontrolle der ausbildenden ÄrztInnen unterliegen, die in jedem Einzelfall zu beurteilen haben, ob dem betreffenden Studierenden eine bestimmte Tätigkeit auch tatsächlich zugemutet werden kann. Bei der Anamneseerstellung in der Anamnesegruppe handelt es sich allerdings nicht um eine ärztliche Tätigkeit nach § 49 Abs 4 und 5, weil die erhobene Anamnese weder zu diagnostischen oder therapeutischen Zwecken weiter verwendet wird. Die TutorInnen laden PatientInnen jedoch prinzipiell nur nach Einholung des Einverständnisses der/des ärztlichen Abteilungsleitern/leiters und nach Rücksprache mit den zuständigen StationsärztInnen in die Anamnesegruppe ein. Die Zumutbarkeit für die Studierenden aus pädagogischer Sicht wird von den TutorInnen unter der Supervision des Lehrveranstaltungsleiters beurteilt.
Evidenzbasiert ist anzumerken, dass in dem nun 20 jährigen Bestehen der Gruppen in Wien bei mehreren tausend durchgeführten Anamnesen nur positive Rückmeldungen von Seiten der Stationen und der PatientInnen registriert wurden.
Dieses Lernziel wird durch mehrere Maßnahmen verfolgt:
Ein wesentlicher Bestandteil der Anamnesegruppen sind ihre internationale Vernetzung seit 1982. Jährlich werden alternierend von einer der Universitäten mit Unterstützung der anderen Ausbildungstrainings für die TutorInnen und eine internationale Konferenz für mehrere hundert Anamnesengruppenmitglieder veranstaltet. An diesen Konferenzen halten TutorInnen und Studierende sowie fachspezifische DozentInnen Vorträge.
Im Mabuse Verlag Frankfurt/M. wird seit 1985 ein internationales Jahrbuch (POM) mit einer Auflage von 1000 Stück herausgegeben.
Die Organisation dieser Treffen und die Herausgabe des Jahrbuchs nimmt in der Ideenbildung zur Anamneseerstellung und im Zusammenhalt der Studierenden einen wesentlichen Stellenwert ein.
Die Konferenzen sind auch ein geeignetes Medium um das transdisziplinäre Konzept der Anamnese laufend nach internationalem Vorbild weiter zu entwickeln und neueste Entwicklungen (Narrative Medicine, Arts and Humanities in Medicine) in ihrer Auswirkung auf die Praxis der Anamneseerstellung durch die Studierenden darzustellen und zu diskutieren.
Die internationalen Anamnesegruppen unterhalten bereits Websites. Über einige Websites ist Anmeldung und Einteilung zu den Gruppen möglich, auf den meisten Websites finden sich Lernunterlagen und Vorträge.
Dieses Segment soll in Zukunft stärker im Sinne eines e-learning Teils der Lehrveranstaltung ausgebaut werden, die bestehenden Print Skripten ersetzen, vermehrt zur Publikation von Diplomarbeiten genutzt und als gedankliche Austauschbörse zur Anamnese im deutschsprachigen Raum erweitert werden.
Viele der Aktivitäten der Anamnesegruppen sind ohne Fundraising durch die Studierenden nicht durchführbar. Sowohl die internationalen Konferenzen wie die Herausgabe des Jahrbuchs POM ist ohne diese Aktivität nicht möglich und werden durch Inserataktionen etc. finanziert.
Sowohl ein Teil der TutorInnen wie ein Teil der Gruppenmitglieder sind mit diesem Segment befasst.
18. Jan. / Gastvortrag: Mag. Dr. Verena Winkler: Übertragung als diagnostisches Mittel
30. Nov. / Gastvortrag und Diskussion mit Primar Dr. Peter Langer über Psychiatrie im OWS