EDUARD PERNKOPF


„bekannt als n.s. Hochschullehrer…“ (Vgl. Ingrid Arias, Entnazifizierung an der Wiener Medizinischen Fakultät: Bruch oder Kontinuität? Das Beispiel des Anatomischen Instituts. In: Zeitgeschichte, 31.Jg., H.6 (Nov./Dez. 2004), 339-369. )

Eduard Pernkopf wurde am 24. November 1888 In Rappottenstein, NÖ geboren. Seine Ausbildung absolvierte er am 2. Anatomischen Institut bei Ferdinand Hofstetter, 1922 erfolgte die Habilitation, ab 1933 wurde er Vorstand der 2.Anatomischen Lehrkanzel. Bereits in seiner Studentenzeit vertrat er als „Schönerianer“ deutschnationales Gedankengut, war Mitglied der Burschenschaft Alemannia  und des alldeutschen Verbandes. Der NSDAP trat er am 27.April 1933 bei, ab 1934 gehörte er der illegalen SA Gruppe „Hardegg“ an, die im Jahr 1934 zum Einsatz des nationalsozialistischen Juliputsches bereitgestellt war. Sofort nach dem „Anschluß“ ernannten ihn die Nationalsozialisten zum kommissarischen Dekan der Medizinischen Fakultät. In seiner Antrittsrede im April 1938 über das Thema  „Nationalsozialismus und Wissenschaft“, die er in SA-Uniform hielt, betonte er die Wichtigkeit der Förderung der „Erbhochwertigen“ sowie die „Ausschaltung der Erbminderwertigen, durch Sterilisation und andere Mittel.“ (Wiener klinische Wochenschrift, 51.Jg., Nr.20, 547-548.)
Pernkopf trug als fanatischer Anhänger der nationalsozialistischen Ideologie zur Umformung der Universität im nationalsozialistischen Sinne bei.
Die Krönung seiner Universitätslaufbahn mit der Ernennung zum Rektor folgte im April 1943. Im Bericht des Gaudozentenführers wird Pernkopf als akzeptable Zwischenlösung vorgeschlagen, da durch seine Bestellung „der Einfluss der Partei auf die Rektorsgeschäftsführung als gesichert angenommen werden kann.“ (Peter Malina, Eduard Pernkopf- Versuch einer “Stratigraphischen Biographie“. In: Gustav Spann(Hg.), Untersuchungen zur Anatomischen Wissenschaft in Wien 1938-1945. Senatsprojekt der Universität Wien. ( Wien 1998), 432.)
Andere Ehrungen, wie die Verleihung des Silbernen Treudienstehrenzeichen, der Ostmarkmedaille, die Ernennung zum Ratsherren oder die Berufung in den Beirat der Nordischen Gesellschaft fügen sich in das Bild eines bedingungslosen Nationalsozialisten ein. Oder wie es in der Nordischen Gesellschaft hieß: „ In den Beirat dieser Gesellschaft werden jene Männer berufen, die bereit ...sind, jenes Bewusstsein, den „Nordischen Gedanken“ schöpferisch zu gestalten, wissenschaftlich zu unterbauen und in ihrem persönlichen und beruflichen Wirkungskreis zu verbreiten und zu verfestigen.“ (Landesgericht für Strafsachen Wien, Akt Eduard Pernkopf  Vg 11b Vr 735/47 Hv 902/48
Wien –Kontor der Nordischen Gesellschaft. Berufung Eduard Pernkopfs in den Beirat. 12.5.1943.)
Im März 1945 setzte sich Pernkopf nach Salzburg ab, wo er im August 1945 von den amerikanischen Militärbehörden verhaftet und im Lager Glasenbach bis 1947 inhaftiert wurde. Nach seiner Entlassung aus Glasenbach wurde er von den österreichischen Behörden neuerlich verhaftet, da ein Verfahren nach dem Verbotsgesetz anhängig war. Bei der ersten Einvernahme am 4.1.1947 versuchte der ehemalige Rektor der Universität Wien Eduard Pernkopf seine Vergangenheit einer Neukonstruktion zu unterziehen, wobei die ehemals so wichtigen Punkte, wie die niedere Mitgliedsnummer bei der NSDAP, oder seine Zugehörigkeit zur SA in ihrer Bedeutung heruntergespielt wurden. Er gab zwar zu sich 1933 bei der NSDAP gemeldet zu haben, aber nie hätte er Mitgliedsbeiträge in der Verbotszeit bezahlt, nie hätte er vor 1938 mit der SA zu tun gehabt, der damals verliehene Rang des SA Sturmbannführers sei ein reiner Ehrentitel wegen seiner Funktion als Dekan der Medizinischen Fakultät gewesen. Auch bei der niederen Parteimitgliedsnummer konnte es sich nur um ein automatisches Weiterleiten seiner Daten, ein eigenmächtiges Vorgehen der Wiener Ortsgruppe ohne sein Wissen gehandelt haben. (LG für Strafsachen Wien, Akte Pernkopf, Vg 11bVr 735/47 Hv 902/48, Einvernahme der Verhafteten am 4.1.1947) Sein Verhalten gleicht damit vielen anderen gleich gesinnten Parteigenossen, die sich der 1938 so begehrten Zugehörigkeiten nun schnellstens zu entledigen und sie zu verleugnen trachteten. Die Sachverhaltsdarstellung der am 23.5.1947 erfolgten Anzeige wegen § 11 des VG ergab nach Einsicht in die Originalunterlagen der NS-Behörden allerdings ein komplett anderes Bild von Pernkopfs parteilichen Verflechtungen, als er es selbst bei seiner Einvernehmung verharmlosend dargestellt hatte. Die bereits 1933 begonnene Parteimitgliedschaft mit niedriger Mitgliedsnummer, der 1934 erfolgte Beitritt zur SA, noch dazu in der für den Juliputsch 1934 bereitgestellten Gruppe des Grafen Hardegg, sein Dienstgrad als Sturmbannführer wurden nach dem Original SA-Akt zitiert. Auch die von Pernkopf stolz in seinem Personalakt von 1938 angegeben wiederholten Einvernahmen im Unterrichtsministerium, welche 1934 auf Grund seiner nationalsozialistischen Gesinnung durchgeführt wurden, tauchten in der Anklageschrift auf. Trotzdem kam es vorerst zu keinem Verfahren. Im Juni 1948 wurde vom Staatsanwalt die Anklage vorbereitet, doch am 27.11.1948 wurde das Verfahren wegen Hochverrats auf Grund der §10 und 11 des Verbotsgesetzes von 1947 (Illegalität, höherer Parteifunktionär bzw SA Zugehörigkeit) gemäß § 227 der Strafprozessordnung eingestellt.

Pernkopf war bereits im Juni 1945 von seinen Funktionen an der Universität enthoben, aber erst 1949 in den Ruhestand versetzt worden.
Ab 1950 scheinen die Vorbereitungen zu einer Wiedereinsetzung Pernkopfs als Leiter des Anatomischen Instituts angelaufen zu sein. Dabei erwies es sich als günstiger Zufall, dass wieder einmal die Besetzung der Lehrkanzel anstand, nach dem der Basler Anatom Wolf-Heidegger nach einem 2-jährigen Intermezzo wieder in die Schweiz zurückkehrte. Erkundigungen wurden im Professorenkollegium, im Bundeskanzleramt, im Bundesministerium getätigt, um die Chancen einer Wiedereinsetzung abschätzen zu können. Pernkopf schrieb im Jahr 1950 im Rahmen einer möglichen Rückkehr zur Universität ein „Curriculum“ mit Erklärungen zu den Vorkommnissen während seiner Amtszeit als Dekan und Rektor. (ÖStA, AVA, Unterricht, Personalakt Nr.612- Eduard Pernkopf, Z. 30699/I/2/1950 „Curriculum“, nicht datiert (vermutlich aus dem Jahr 1950)) Er nahm dabei weder zur radikalen antijüdischen Entlassungspolitik noch zu seiner übertrieben dargestellten nationalsozialistischen Haltung Stellung. Er verlor kein Wort des Bedauerns, oder der Einsicht, sondern versuchte abzuschwächen und sich zu verteidigen. Er habe als Rektor Mischlingen das Studium erlaubt, habe sich bei Besetzungen nicht von politischen Gesichtspunkten leiten lassen, und sei 1938 für die entlassenen Kollegen eingetreten, und habe sich für die Erhaltung der österreichischen Prüfungsordnung eingesetzt. Überhaupt sei er Dekan nur auf Drängen zweier Professoren geworden, nicht auf eigenen Wunsch. Natürlich fand sich auch jemand, der den Einsatz Pernkopfs für die verfolgten Kollegen bestätigte, nämlich der Leiter des Elektropathologischen Museums, Prof.Stefan Jelinek, der durch Pernkopfs Unterstützung 1939 nach England fliehen konnte. (ÖStA, AVA, Unterricht, Personalakt 612- Pernkopf, Z.30699-50 Brief Prof.Jellineks an Sektionschef Skrbensky vom 19.6.1950) Auch hier unterschied sich Pernkopf nicht von anderen Nazis, die sich entweder gegenseitig „Persilscheine“ ausgestellt hatten oder von mindestens einem Widerstandskämpfer oder Verfolgten eine gute Tat attestiert bekamen.

Im Frühjahr 1950 fanden Kommissionssitzungen zur Nachbesetzung des Anatomischen Instituts statt, an denen unter anderem auch die Professoren Schönbauer und Chiari teilnahmen, wo die Überzeugung geäußert wurde, dass „Pernkopf bei weitem der geeignetste Mann wäre, wenn er politisch irgendwie tragbar ist“. (UAW, Dekanatsakten, Medizinische Fakultät, Z. 133-1947/1948, Besetzung des Anatomischen Instituts.) Parallelfälle aus der Tierärztlichen Hochschule wurden herangezogen, wo zwei belastete Professoren ebenfalls wieder mit der Leitung ihrer Institute betraut worden wären. Pernkopf wurde als „einer der besten Anatomen,...der insbesondere imstande wäre, die so sehr ...verfahrene Situation unseres Anatomischen Institutes schlagartig und bestens zu lösen“. Dekan Ernst Lauda erklärte schriftlich Sektionschef Skrbensky vom Unterrichtsministerium die Vorstellungen der Fakultät, demnach sollte Pernkopf, da sich entsprechend geeignete Vorstände der Anatomischen Lehrkanzel schwer finden ließen, diese als „supplierender Leiter, beziehungsweise in einer Art kommissarischen Leitung“ führen. Außerdem war Lauda der Meinung, dass die Fertigstellung des Anatomischen Atlas, an welchem Pernkopf unter erschwerten Bedingungen arbeitete, gefördert gehöre. (UAW, Dekanatsakten, Medizinische Fakultät, Z. 133-1947/1948, Besetzung des Anatomischen Instituts. Brief Dekan Ernst Laudas an Sektionschef Skrbensky vom 25.5.1950) Skrbensky sollte nun herausfinden, wie sich die höchsten Beamten des Bundesministerium für Unterricht und des Bundeskanzleramts zu einer derartigen Lösung stellen würden. Skrbensky antwortete ausweichend, die Verhältnisse der beiden Professoren der Tierärztlichen Hochschule seien anders gelagert, diese auch weniger exponiert gewesen als Pernkopf, eine genaue Überprüfung der Aktenlage seinerseits sei noch nötig. Vom Kanzleramt wurde Skrbensky angedeutet, dass die Weiterverfolgung der supplierenden Leitung Pernkopfs nicht opportun sei, da der Bescheid der Minderbelastung der Salzburger Landesregierung einer Revision möglicherweise nicht standhalten würde und Pernkopf damit wieder in die Kategorie der Belasteten rutschen würde. (UAW, Dekanatsakten, Medizinische Fakultät, Z. 133-1947/1948, Besetzung des Anatomischen Instituts. Aktennotiz: Telefonat mit Skrbensky am 20.6.1950) Im November 1950 riet Skrbensky dem neuen Dekan Fellinger dringend von einer Besetzung der Lehrkanzel mit Pernkopf wegen der damaligen politischen Lage ab.
Trotzdem wurde in einem Referat zur Besetzung der Anatomie vom Jänner 1951 dem Bundesministerium für Unterricht der Wunsch unterbreitet, Pernkopf möge reaktiviert werden. Sollte die Zustimmung erteilt werden wäre damit die Möglichkeit gegeben die Lehrkanzel binnen weniger Tage wieder zu besetzen. Sollte die Zustimmung aus politischen Gründen verweigert werden, wurde für eine Nachbesetzung Prof.Heinrich Hayek vorgeschlagen. Die Präsidialkanzlei lehnte die Wiederberufung Pernkopf mit der Begründung ab, dass Pernkopf wohl die Nachsicht der Sühnefolgen hinsichtlich seiner Berufsausübung als Arzt gewährt worden wäre, aber damit wäre keine Erlaubnis eines neuerlichen Dienstverhältnisses zum Bund oder Länder verbunden. (ÖStA, 04, Pr.K. Z 925/1951- Pernkopf war die Nachsicht der Sühnefolgen nach Artikel III und §18 f,i,k,l,m, gewährt worden, aber nicht nach § 18b. Außerdem fehlte am vorhergehenden Antrag die Unterschrift des Bundesministers. Nach Ansicht des Kabinettsdirektors erschien die Wiedereinstellung aussichtslos. Aktenvermerk vom  25.1.1951)

Im März 1951 setzte sich auch die Fachgruppe Medizin der Hochschülerschaft für die Wiedereinsetzung Pernkopfs, aber auch der Alexander Pichlers, dem ehemaligen NS-Dozentenbundführer und Leiter der Topografischen Anatomie, ein, wobei auf diese hervorragend qualifizierten österreichischen Lehrer hingewiesen wird und die Berufung von im Ausland tätigen Lehrern entschieden zurückgewiesen wird. (Brief des Fachschaftsleiters Roland Jungbauer an den Dekan vom 31.5.1951, sowie Unterschriftenliste mit 250 Namen.) Im April folgten dann nächtliche Schmieraktionen vor dem Eingang der Universität und der Anatomie, bei der die Namen Pernkopf und Pichler auf die Strasse geschrieben wurden. (UAW, Dekanatsakten, Medizinische Fakultät, Z. 133-1947/1948, Besetzung des Anatomischen Instituts.)
Trotz aller Bestrebungen und Interventionen blieb die Ministerialbürokratie bei dem Entschluss, Pernkopf von der Universität fernzuhalten, worauf die Besetzungskommission ihren Vorschlag verwarf und die Anatomische Lehrkanzel mit Heinrich Hayek besetzte.
Pernkopf verstarb am 17. April 1955. Ein Nachruf für Pernkopf erschien bezeichnenderweise im rechtsradikalen Publikationsorgan „Die Aula“, in welchem die Burschenschaft Alemannia den Verlust „eines ihrer besten Alten Herren“ beklagte. (Die Aula, 5.Jg., Folge 8, Mai 1955, V-VI.)

 

 

Für den Inhalt verantwortlich: Dr.Ingrid Arias

 

 

 

 

 

 

 

 

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