Ernst Peter Pick


Ein Neuanfang mit 66 Jahren

Der Pharmakologe Ernst Peter Pick wurde am 18. Mai 1872 in Jaromer  (heute Tschechische Republik) geboren. Er promovierte am 21. November 1896 an der Carl-Ferdinand Universität in Prag. Nach drei Jahren am physiologisch-chemischen Institut in Strassburg unter Franz Hofmeister, kam er 1899 als Assistent und später als Chef der Biochemischen Abteilung an das staatliche-serotherapeutische Institut in Wien. 1911 wechselte er an das pharmakologische Institut der Universität Wien. Dort wirkte er als Assistent von Hans Horst Meyer an dessen Lehrbuch der Pharmakologie und der österreichischen „Spezialitätenordnung“ mit. 1904 habilitierte er sich für angewandte medizinische Chemie. 1912  wurde er zum a.o. Prof. ernannt. Nachdem 1919 seine Venia auf Pharmakologie und Toxikologie erweitert wurde, war er ab 1924 o. Prof., Leiter des Pharmakologischen Instituts sowie Direktor der experimentell pharmakologischen Untersuchungsanstalt. 1927 heiratete er Margarethe Jannssen. 1932/33 fungierte er als Dekan und von 1933 bis 1937 als Vizedekan der Medizinischen Fakultät Wien. (Universitätsarchiv Wien (UAW), Medizinischen Fakultät, Personalakt Ernst Peter Pick. Siehe auch: H. DECKER, Personalbibliographien von Professoren und Dozenten des Pharmakologischen Institutes der Universität Wien im ungefähren Zeitraum von 1850 bis 1970. Mit biographischen Angaben und Überblicken über die Hauptarbeitsgebiet. Diss., (Erlangen-Nürnberg 1970) 77-94.)
1938 bedeutete das Ende seines Wirkens in Österreich. Am 1. Juni 1938 wurde er auf Grund seiner Religionszugehörigkeit in den „dauernden Ruhestand“ versetzt. (Siehe kurzen Vermerk in Pick’s Personalbogen. In: UAW, Medizinische Fakultät, Personalakt Ernst Peter Pick.) Die genaueren Umstände im Jahr 1938 beschreibt David Lehr in Pick’s Nachruf:  „In 1938 he was exposed to intense mental anguish and physical indignities for no other reason than his Jewish heritage. These indignities, following in the wake of his dismissal, included a house search by the secret police, an abortive arrest and his forced detention in Austria. Only through the energetic intervention of Mrs. Pick in Berlin and subsequently in Vienna and with the aid of trusted Austrian friends, Prof. Pick’s exit permit was finally obtained, enabling him to join his brother in Paris. Mrs. Pick, who stayed behind with the ailing H.H. Meyer, was immediately questioned again by the Gestapo about Prof. Pick’s “unauthorized” departure. It was a rather sad business and is narrated here only because it had a lasting effect upon Prof. Pick.” (D. LEHR, Eulogy for Professor Dr. Ernest Peter Pick. In: Medical Circle Bulletin, Vol. 7 (December 1960) 3-8, 5.)

Ihm gelang es in weiterer Folge, im Gegensatz zu anderen Kolleginnen und Kollegen, mit Hilfe amerikanischer Freunde und ehemaliger Studenten, nicht nur in die USA zu emigrieren, sondern auch auf seinem Gebiet weiter zu forschen, lehren und publizieren. Er war bis 1946 Clinical Professor an der Columbia University und wirkte bis 1960 als Associated Pharmacologists am Mount Sinai Hospital und als Consultant für das Merck Research Institut.
Pick engagierte sich außerdem zusammen mit Carla Zawisch – Ossenitz in der von ihnen gegründeten Austrian University League für emigrierte österreichische Ärztinnen und Ärzte.
Wie Lehr in der oben zitierten Stelle erwähnte, hatten die Ereignisse 1938 einen „lasting effect upon Prof. Pick.“ Tatsächlich war sein Verhältnis zu Wien nach seiner Emigration 1938 nicht ungetrübt. Damit man Pick’s tatsächliche Einstellung zu Österreich nach 1938 begreifen kann, muss man allerdings sehr quellenkritisch sein. Während im amerikanischen Nachruf seine Beziehung zu Wien als problematisch beschrieben wird, wird in einem Artikel der Wiener Klinischen Wochenschrift zu Pick’s 80. Geburtstag Pick’s gutes Verhältnis zur Wiener Medizinischen Fakultät hervorgehoben.  Darin heißt es „Es mag ihm ein Trost gewesen sein, dass alle seine Schüler und sein Nachfolger R. Rößler in unveränderter Treue und Liebe an ihm hingen. Unverbittert und in unveränderter Güte und Hilfsbereitschaft hat er sofort nach Beendigung des zweiten Weltkrieges wieder den größten Anteil am Schicksal der Wiener Medizinischen Fakultät genommen und auch persönlich geholfen, wo er konnte. (F. BRÜCKE, Prof. Dr. Ernst Peter Pick zum 80.Geburtstag. In: Wiener klinische Wochenschrift, Vol. 64 (1952), 614.)
Auf Grund dieser zwei äußerst unterschiedlichen Darstellungen lässt es sich nur schwer nachvollziehen, wie der zur Emigration gezwungen Pick zu Wien und zur Medizinischen Fakultät stand. Tatsache ist, dass ihm von der Universität Wien 1946 eine Honorarprofessur für Pharmakologie angeboten wurde, die er jedoch, nach einigem Überlegen, ablehnte. 1952 wurde ihm im Sinne der Wiedergutmachung das Ehrendoktorat der Universität Wien verliehen. 1957 wurde ihm außerdem im österreichischen Konsulat in New York die Große silberne Ehrenmedaille der Republik Österreich überreicht. Lehr beschreibt in seinem Nachruf die Zeremonie der Verleihung: „Thus at the occasion of the presentation of the Great Honor Medal for his services to Austria at the Austrian Consulate in New York City in 1957, he could not refrain, in accepting the honor, to state publicly how very deeply he was hurt for having been forced to leave his home and his country. He suffered from this festering wound for twenty-two years. He never fully adjusted to his new situation and always felt himself in exile. (LEHR, Eulogy (Anm. 3) 7.)
Ernst Peter Pick starb am 15. Jänner 1960 in New York.

 

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