Max Sgalitzer


Wien-Istanbul-Denver

Die  Biographie des Röntgenologen Dr. Max Sgalitzer ist wegen zwei Gründen besonders interessant. Zunächst ist die „Wahl“ seines ersten Emigrationslandes eher unüblich. Dr. Sgalitzer musste, wie so viele andere Kolleginnen und Kollegen aus „rassischen“ Gründen Wien  verlassen und ging in die Türkei. Außerdem bietet sich auf Grund der Aktenlage für die Historikerin oder den Historiker die Möglichkeit sowohl die Entlassung von Dr. Sgalitzer, als auch die Aufnahme seines Nachfolgers gut darstellen zu können.
Max Sgalitzer wurde am 20. September 1884 in Prag geboren und promovierte 1909 an der dortigen Karl-Ferdinand Universität. Nachdem er, laut eigenen Angaben, seit 1910 an der 1. chirurgischen Universitätsklinik tätig war, rückte er 1914 an die Front ein und geriet in russische Kriegsgefangenschaft. Nach zwei Jahren kam er als „Austauschinvalide“ nach Wien zurück.  Die Erwähnung seines Kriegsdienstes ist insofern wichtig, da er 1938 glaubte, dank seiner Frontdienstleistung den Posten an der Universitätsklinik sichern zu können. (Brief Max Sgalitzer, 31.März 1938. In: Universitätsarchiv Wien (UAW), Medizinische Fakultät, Personalakt Max Sgalitzer)
1919 begann schließlich seine Tätigkeit als Leiter des Röntgenlaboratoriums an der 1. chirurgischen Universitätsklinik unter Prof. Eiselsberg. 1922 bekam er die Venia für Röntgenologie verliehen und 1931 wurde ihm der Titel a.o. Prof verliehen. Wie aus seiner Personalakte ersichtlich ist, bewarb sich Sgalitzer im Laufe der Jahre immer wieder um andere Posten, wie etwa 1932 um die Vorstandsstelle im Zentralröntgeninstitut des AKH. (UAW, Personalakt Max Sgalitzer.)
1938 kam es schließlich für Max Sgalitzer zur beruflichen Veränderung, die allerdings, wie aus den Akten ersichtlich, bei weitem nicht freiwillig geschah. Im Februar 1938 erhielt er über Vermittlung von Prof. Phillip Schwartz das Angebot Leiter des radiologischen Instituts der Universität Istanbul zu werden. Schwartz setzte sich für die bereits seit 1933 in Deutschland aus rassistischen Gründen verfolgte Wissenschafter ein, und versuchte ihnen vor allem Jobs an der Universität Istanbul zu vermitteln. (Arin NAMAL, Max Sgalitzer (1884-1974). Ein österreichischer Leiter des Radiologischen Instituts der Universität Istanbul. In: Zeitgeschichte. 30 (2003) 37-49, 38.) Unklar ist allerdings, weshalb er bereits im Februar 1938, also noch vor dem „Anschluss“, Sgalitzer ein Angebot unterbreitete.
Das Angebot von Schwartz sah einen drei Jahres Vertrag für die Leitung des röntgenologischen Instituts der Universität Istanbul vor. Sgalitzer erbat sich allerdings einen Monat Bedenkzeit, da er sich vor allem aus familiären Gründen an Wien gebunden fühlte. Sein Sohn war als Operationszögling an der 1. chirurgischen Universitätsklinik tätig,  eine seiner Töchter stand knapp vor der Promotion an der Medizinischen Fakultät.
Die Ereignisse im März 1938 dürften jedoch seine Entscheidung nach Istanbul zu gehen unterstützt haben. Nach dem „Anschluss“ sollte Sgalitzer als „Volljude“ von seinem Wiener Posten enthoben werden. Er suchte daher am 31. März 1938  darum an, weiterhin als Leiter der röntgenologischen Station der 1. chirurgischen Klinik fungieren zu können. Zunächst  begründete er dieses Ansuchen damit, dass er auf seiner Abteilung ein außerordentlich großes Arbeitspensum leiste. Außerdem verwies er in dem Schreiben auf seinen Kriegseinsatz für Österreich im Ersten Weltkrieg und seine Kriegsgefangenschaft. Er hoffte durch seine Leistung für Österreich seine berufliche Karriere in Österreich retten zu können. Im Anhang an diesen Brief vermerkt Doz. Dr. Schürer-Waldheim, kommissarischer Leiter der Klinik, dass die „fachlichen Qualitäten“ von Saglitzer „außerordentlich“ seien und er sich „große Verdienste erworben habe.“ (Brief Max Sgalitzer, 31.März 1938. In: UAW, Personalakt Max Sgalitzer.)
Sein Wunsch in Wien bleiben zu können, wurde allerdings nicht berücksichtigt und Ende Mai erhielt er die Entlassungspapiere. Es ist allerdings wenig überraschend, dass seiner Bitte nicht Folge geleistet wurde. Bereits Mitte März wurde, wie aus dem Aktenmaterial ersichtlich, sein Nachfolger, Dr. Franz Hugo Weiss, bestimmt. (UAW, Medizinische Fakultät, Personalakt Franz Hugo Weiss.)
Max Sgalitzer dürfte es allerdings auch bewusst gewesen sein, dass sein Ansuchen wenig erfolgreich sein wird, und bereits im April unterschrieb er den Vertrag mit der Universität Istanbul. Im September 1938 ging er nach Istanbul und übernahm die Leitung des dortigen röntgenologischen Instituts.
Max Sgalitzer ging jedoch nicht alleine nach Istanbul. Er setzte sich dafür ein, dass Ing. Walter Reiniger, dessen Ehefrau, die Röntgenschwester Margarethe Reiniger und Ing. Weissglass, sowie dessen Familie ihm ans Insititut folgen konnten. Sie alles waren „Nichtarier“ und es war daher für sie überlebenswichtig Österreich verlassen zu können. (Vgl. Arin NAMAL, Vier emigrierte Österreicher am radiologischen Institut der Universität Istanbul 1938-1948. In: www.stiftung-zeitgeschichte.de)
1943 lief der Vertrag zwischen Max Sgalitzer und der Universität Istanbul. Er ging daraufhin in die USA, in der bereits seine Kinder lebten. Ab 1943 lehrte er an der University of Colorado, Denver. Er starb 1973  in Princeton.
Nachdem Dr. Sgalitzer 1938 Wien verlassen musste, ist es von Interesse, nachzuforschen, wer seinen Posten als Leiter der röntgenologischen Abteilung bekam.
Dr. Franz Hugo Weiss wurde zu seinem Nachfolger bestimmt. Er wurde 1902 in Guntersdorf geboren und promovierte 1929 an der Universität Wien. Er war danach im Krankenhaus Rudolfsstiftung tätig und arbeitete seit 1932 in der dortigen Röntgenabteilung. Bis 1938 war außerdem im Zentralröntgeninstitut des AKH und von 1935 bis 1938 als Assistent im Zentralröntgeninstituts des Wilhelminenspitales angestellt. Im März bzw. April 1938 übernahm er nun die Leitung der Röntgenstation der 1.chirugischen Klinik. Es muss dazu bemerkt werden, dass er fachlich sicher schlechter qualifiziert war als Dr. Sgalitzer.
Bei seiner Biographie ist außerdem auffallend, dass er 1942 problemlos die Venia erlangte. Dies geschah, obwohl er lediglich 18 wissenschaftliche Publikationen  beim Einreichen des Verfahrens anführen konnte.(UAW, Medizinische Fakultät, Personalakt Franz Hugo Weiss.)
Um seine Karriereaufschwung besser verstehen zu können, hilft es seine politische Biographie genauer zu betrachten. Weiss war seit 1931 Mitglied der NSDAP und seit 1938 in seiner Funkion alsMitglied der SS.  Nach dem Krieg gibt er an, seit 1931 Parteianwärter gewesen zu sein und 1940/41 das Parteibuch erhalten zu haben.  Er war außerdem seit 1931/32 Mitglied der Zelle in der Krankenanstalt Rudolfsstiftung und war in seiner Funktion als Röntgenfacharzt Mitglied der zivilen SS.
Nach Ende des Krieges forderte der ärztliche Betriebsrat des AKH am 27. April 1945, dass Dr. Weiss auf Grund seiner politischen Einstellung und Tätigkeit suspendiert werden sollte. Prof. Leopold Schönbauer, der damalige Leiter der Universitätsklinik, wollte diese Suspendierung allerdings hinausschieben. Er begründete sein Ansuchen damit, dass Dr. Weiss der einzige Röntgenfacharzt an der Klinik sei, kein anderer zur Verfügung stehe und es außerdem zu viele Patienten gebe. (Brief Schönbauer 8.5.1945. In: Universitätsarchiv Wien, Medizinische Fakultät, Personalakt Franz Hugo Weiss.) Dr. Weiss blieb dann noch tatsächlich bis in den Sommer 1945 hinein an der Klinik tätig. Das genaue Entlassungsdatum liess sich leider nicht eruiere. (Am 3.Juli sucht Schöbauer noch darum an, bis 1.August Ersatz für Weiss finden zu können.) Über seinen weiteren Lebensweg konnte bisher noch nichts erforscht werden.
    

Für den Inhalt verantwortlich: Dr.Ingrid Arias

 

 

 

 

 

 

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