Studieren an der medizinischen Fakultät 1938
Der „Anschluss“ 1938 betraf nicht nur die Lehrenden, sondern auch die Studierenden. Obwohl es bereits seit 1934 zunehmend zu Veränderungen im Studentenleben kam (Siehe dazu den Beitrag zu Universitäten 1934-1938.), brachten die Ereignisse im März 1938 weitere, teilweise sehr einschneidende, Neuerungen für Studentinnen und Studenten mit sich.
Der „Anschluss“ hatte zunächst vor allem massive Auswirkungen auf das Studium „nichtarischer“ Studentinnen und Studenten. Ein erster Erlass des Unterrichtsministeriums vom 29. März 1938 regelte den zukünftigen Umgang mit jüdischen Studierenden. Darin wurde festgelegt, dass für das laufende Sommersemester 1938 keine weiteren Inskriptionen von Juden vorgenommen werden durften. Die bereits durchgeführten Inskriptionen waren nur bedingt und konnten widerrufen werden. Außerdem sollten jüdische Studierende nicht zu Prüfungen zugelassen werden. Alle „inländischen Inskriptionswerber“ hatten eine Erklärung abzugeben, „dass ich nicht Jude bin und ich nicht als Jude zu gelten habe.“ (Friedrich STADLER, Herbert POSCH, Werner LAUSECKER, Forschungsprojekt „Arisierung“, Berufsverbote und „Säuberungen“ an der Universität Wien (Wien 2003) 27.)Ein nächster Erlass vom 23. April 1938 brachte für jüdische Studentinnen und Studenten noch eine weitere Verschlechterung ihrer Situation. Das Unterrichtsministerium bestimmte darin einen Numerus Clausus von 2% für inländische jüdische Studierende. Im Falle der medizinischen Fakultät bedeutete dies, dass im Sommersemester 1938 maximal 56 jüdische Studentinnen und Studenten zugelassen wurden. (STADLER, Arisierung, s.o. 32.) Es konnten sich für diese Plätze jedoch nicht alle jüdischen Studierenden bewerben. Der Antragsteller/die Antragstellerin musste mindestens im 8.Semester sein und bereits die Studiengebühr eingezahlt haben.
Jüdische Studentinnen und Studenten wurden nicht nur von den Lehrveranstaltungen ausgeschlossen, sondern ab dem 24. April 1938 war es ihnen nur noch mittels eines eigenen Zulassungsscheins möglich die Universität und dessen Einrichtungen aufzusuchen. Nach dem 11. November 1938 durften sie die Universität überhaupt nicht mehr betreten.
Obwohl im Erlass vom 29.März 1938 bestimmt wurde, dass jüdische Studierende keine Prüfung ablegen durften, bot sich für einige noch Möglichkeit bis zum 31. Dezember 1938 zu promovieren. Somit hatten zumindest noch insgesamt 138 jüdische Promovendinnen und Promovenden der Medizinischen Fakultät die Chance ihr Studium abschließen zu können und mit einer fertigen Ausbildung hoffentlich emigrieren zu können.
Der März 1938 brachte allerdings auch Veränderung im Studienalltag „arischer“ Studentinnen und Studenten. Der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund (NSDStB) wurde zur einzigen und obersten Instanz in allen studentischen Angelegenheiten.
Er war zuständig für Studienvergünstigungen, Einteilung des Land- und Fabrikdienstes und dem Gesundheitsdienst. Studentinnen und Studenten wurden unter dem Motto „im Dienst des deutschen Volkes“ zu verschiedenen „freiwilligen“ Arbeitsdiensten herangezogen. Vor allem während der Kriegsjahre stieg die „freiwillige“ Arbeitsleistung der Studentinnen und Studenten. So waren ab 1940 Medizinstudentinnen verpflichtet vor und während des Studiums verschiedene Arbeiten zu verrichten. Vor Beginn des Studiums waren Studentinnen verpflichtet zum Reichsarbeitsdienst zu gehen. Im Juli 1941 wurde im Anschluss daran ein sechsmonatiger Kriegshilfsdienst verordnet. Außerdem sollten die Medizinstudentinnen während ihrer Studienzeit entweder dem Roten Kreuz oder dem Gesundheitsdienst der Hitler-Jugend angehören. (Renate PERTSCHY, Zwischen „wesensgemäßen Einsatz“ und Meldepflicht. Studentinnen im Nationalsozialismus Österreich 1938 bis 1945 (Dipl.Arb. Wien 1989) 55.)
Nach den Ereignissen im März 1938 veränderten sich für die Studentinnen und Studenten teilweise auch der Lehrplan und der Inhalt der Lehre. Für Lehramtskandidatinnen und -kandidaten wurden Fächer wie Volkskunde, Vorgeschichte und Rassenkunde Pflicht. Außerdem wurde das Thema „Rassenfrage“ zu einem beliebten Inhalt der Vorlesungen an allen Fakultäten. (Brigitte LICHTENBERGER-FENZ, Österreichs Universitäten 1930 bis 1945. In: Friedrich STADLER (Hg.), Kontinuität und Bruch 1938-1945-155. Beiträge zur österreichischen Kultur- und Wissenschaftsgeschichte (Münster 2004) 69-82, 77.)

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