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1. Historisches zur Ethnomedizin auf Wiener Boden
Schon bei der Sitzung der Gesellschaft der Ärzte vom 9. Jänner 1920, bei der von K. F. Wenckebach die Übersiedlung des Institutes für Geschichte der
Medizin in die Räumlichkeiten des Josephinums vorgeschlagen wurde, forderte in der Diskussion H. Pollitzer auch die Gründung eines Institutes
für Krankheitsgeographie und -ethnologie. Insbesondere die jüdische Ärzteschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts und des beginnenden
20. Jahrhunderts war sich der hohen Bedeutung der Ethnomedizin für die praktische Medizin bewußt. So verfaßte Adolf Kronfeld, der langjährige
Chefredakteur der Wiener Medizinischen Wochenschrift, neben vielen anderen ethnomedizinischen Arbeiten, gemeinsam mit dem Primarius der
Nervenheilanstalt Klostemeuburg-Gugging, Oskar von Hovorka, das 2-bändige Werk "Vergleichende Volksmedizin", das bis heute ein wichtiges
Nachschlagewerk zur Volksmedizin geblieben ist. Auch Erna Lesky, die nach dem 2. Weltkrieg die Wiener Medizingeschichte wieder aufgebaut hat,
erkannte die Wichtigkeit dieser Fachrichtung und trug ihr durch den Ankauf der relevanten Literatur für die Bibliothek des Institutes Rechnung.
Zusammen mit der Teilbibliothek "Ethnomedizin" der Zentralbibliothek für Medizin, die 1988 gegründet wurde, besitzt das Institut für Geschichte der
Medizin derzeit die umfangreichste Literatursammlung zur Ethnomedizin im deutschen Sprachraum. Mit der Gründung der Abteilung Ethnomedizin
am 23. April 1993 wurde auch erstmals im deutschen Sprachraum dieses Fachgebiet institutionalisiert. Hiermit wurde ein kleiner Schritt in Richtung
der angelsächsischen und frankophonen Universitäten gesetzt, in denen die "Medical Anthropology" bzw. die "Anthropologie medicale" schon seit
Jahrzehnten ein anerkanntes und wichtiges Fachgebiet darstellt. Mit der Gründung der Abteilung "Ethnomedizin" hat die Wiener Universität als
erste deutschsprachige Hochschule eine zukunftsweisende Strukturveränderung gesetzt.
2. Praktische Bedeutung der Ethnomedizin
Die Ethnomedizin ist ein Fachbereich, der sich nicht in der Beschreibung "exo-tischer" Heilweisen erschöpft, sondern ganz konkrete Hilfestellungen
im klinischen Alltag bietet. Nicht nur der Umgang mit Patienten anderer Kulturzonen (etwa von Gastarbeitern) oder die Durchführung von medizinischen
Projekten in Ländern der Dritten Welt wird durch die Ethnomedizin erleichtert, sondern ganz allgemein wird durch ihre Beobachtungen und Analysen
das Verständnis des Arztes und Pflegepersonals für die dem Menschen innewohnenden Vorstellungen zu Krankheit und Therapie geweckt. Es kann
also ganz gezielt auf Bedürfnisse eingegangen werden, die ansonsten von der paramedizinischen Szene zum Nachteil einer adäquaten medizinischen
Versorgung abgedeckt werden. Im Gegensatz zu Behauptungen nichtinformierter Personen, die der Ethnomedizin das Bestreben unterstellen, durch
paramedizinische Vorstellungen und Verfahren die moderne Medizin zu untergraben, fühlt sie sich als "wertfreie" Wissenschaft, die keinerlei Wertung
über Güte und Wirksamkeit von irgendwelchen therapeutischen Verfahren vornimmt.
3. Studentische Akzeptanz der Ethnomedizin
Die seit etwa 15 Jahren abgehaltenen Lehrveranstaltungen zur Ethnomedizin erfreuen sich zunehmender Beliebtheit unter der Studentenschaft. Die
Hauptvorlesung wird von bis zu 100 Hörern besucht und das Seminar § 13 Wahlfachausbildung Medizin muß aus Mangel an personellen Ressourcen
mit 20 Teilnehmern beschränkt werden. Weitere Vorlesungsangebote unserer Abteilung sind Ernährungsanthropologie, Ethnopsychologie,
Ethnopharmakologie, Medical Anthropology, Gynäkologie und Geburtshilfe aus ethnomedizinischer Sicht sowie Methoden der ethnomedizinischen
Feldarbeit. Für die Betreuung der fortgeschrittenen Studierenden werden entsprechende Seminare abgehalten. Auch bei Hochschullehrgängen
"Tropenmedizin" und "Ganzheitsmedizin" in Wien und "Community Health" in Innsbruck wird die Ethnomedizin seit Jahren regelmäßig vorgetragen.
Zunehmend setzt sich auch die Ethnomedizin als Sonderstudium durch, wo die Studierenden ihr eigenes Curriculum entwerfen, um einen spezifischen
Magisterabschluß zu erlangen - ein erster Schritt zur Anerkennung des Faches als eigene Studienrichtung. Derzeit werden etwa 10 Dissertationen und
20 Diplomarbeiten betreut. Außerdem absolvieren zur Zeit im Rahmen des Nord-Süd Dialoges des ÖAD 4 afrikanische Studenten ein
postgraduelles Studium an der Abteilung für Ethnomedizin. In einem eigenen, neu adaptierten Dissertantenzimmer, dem Raum über der Haupttreppe
des Institutes zum Hörsaal, in dem bei der Gründung des Josephinums die geburtshilflichen Wachspräparate untergebracht waren, können bis zu
20 Studierende ihre wissenschaftlichen Arbeiten erledigen.
4. Wissenschaftliche Aktivitäten auf dem Gebiet der Ethnomedizin
Hauptmerkmal der wissenschaftlichen Tätigkeit der Abteilung Ethnomedizin ist die Durchführung und Förderung von Feldarbeiten. Es werden
ständig ein oder mehrere Projekte, finanziert vom Österreichischen Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF), durchgeführt.
Derzeit sind zwei FWF-Projekte ( P-11360 MED "Medizin der Maori" und P-11247 MED "Medizin der Serer"), mit insgesamt drei angestellten
Mitarbeitern, und sechs frei finanzierte Projekte in Tansania, Äthiopien, Sudan, Guatemala, Neuseeland und Nepal in Bearbeitung. Ein weiterer
Schwerpunkt ist die wissenschaftliche Sammeltätigkeit mit dem Ziel, baldigst ein eigenes ethnomedizinisches Museum einzurichten. Mit viel
Enthusiasmus tragen die Mitarbeiter unserer Forschungsprojekte aus der ganzen Welt entsprechende Gegenstände zusammen. Zur Kommunikation
mit der internationalen Fachkollegenschaft wurde im Herbst 1998 ein eigener, englischsprachiger "Viennese Ethnomedicine Newsletter" gegründet,
der dreimal jährlich über Aktivitäten und Ergebnisse unserer Abteilung Ethnomedizin berichtet.
 
Armin Prinz
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