|
Gall, Franz Joseph G., wurde am 9. März 1758 zu Tiefenbronn in Baden geboren. Nachdem er den ersten Unterricht von einem Onkel, einem katholischen
Pfarrer, den späteren in Bruchsal erhalten hatte, begab er sich mit 19 Jahren nach Strassburg, um Medicin zu studiren und beschäftigte sich unter HERMANN
vorzugsweise mit Naturwissenschaften und Anatomie. 1781 verliess er Strassburg und setzte seine Studien in Wien, namentlich unter VAN SWIETEN, fort.
Dort erwarb er 1785 den Doctorgrad und liess sich als praktischer Arzt nieder. Nebenbei beschäftigte er sich mit anatomischen Untersuchungen und mit den
Grundlagen und dem Ausbau der nach ihm genannten Schädellehre. Zu diesen Zwecke legte er eine Sammlung von Schädeln nebst Gypsabgüssen und
Wachsabdrücken an, welche nach seinem Tode in den Besitz des Jardin des plantes in Paris überging. Die neue Lehre wurde allgemeiner bekannt durch
Privatvorlesungen, welche G. von 1786 an darüber in Wien hielt, und durch "Des Herrn Dr. F. J. Gall Schreiben über seinen bereits geendigten Prodromus
über die Verrichtungen des Gehirns der Menschen und Thiere an Herrn Jos. Fr. v. Retzer" (Neuer deutscher Mercur von WIELAND, 1798, Stück 12: eine
französ. Uebersetzung davon erschien im Journal de la soc. Phrénologique de Paris 1835). Die Vorlesungen wurden durch ein eigenes Handschreiben des
Kaisers vom 24. December 1801 als religionsgefährlich verboten und trotz allseitig günstiger Berichte nur in beschränkter Weise wieder gestattet. Zum Theil
in Folge dessen verliess G. im März 1805 Wien und bereiste mit seinem Schüler und Mitarbeiter SPURZHEIM Deutschland, Dänemark, Holland und die
Schweiz, an zahlreichen Orten Vorlesungen über seine neue Lehre haltend, welche dadurch in die weitesten Kreise drang, aber neben zahlreichen
Zeugnissen der Anerkennung (in Berlin z. B. HUFELAND ; auch wurden hier zwei Medaillen auf ihn geschlagen) auch mancherlei Angriffe erfuhr
(KOTZEBUE z. B. persiflirte die Schädellehre in einem Lustspiel). Ueber diese Reise veröffentlichte G.: " Meine Reise durch Deutschland, nebst
pathognomischen Bemerkungen" (1806).
Im November ging G. nach Paris, wo er sich als praktischer Arzt niederliess, mit der Einladungsschrift:
" Discours d´ouverture lu par M. le docteur Gall ŕ la première de concours public sur la physiologie du cerveau le 15 janvier 1808", auch m. d. Titel:
"Introduction au cours de physiologie du cerveau" (Paris 1808) Vorlesungen im Athenäum eröffnete und mit SPURZHEIM zusammen durch die Schrift:
"Recherches sur le système nerveux en general et sur celui du cerveau en particulier, memoire présenté ŕ l´Institut de France le 14 mars 1808, suivi
d´observations sur le rapport qui en a été fait ŕ cette compagnie par ses commissaires, avec planches" (Paris 1809; dasselbe auch deutsch, Paris und
Strassburg 1809) die französischen Gelehrten zu überzeugen suchte. Indessen blieben deren Ansichten im Allgemeinen G.'s Lehre abgeneigt, so dass,
als er sich nach seiner 1819 erfolgten Naturalisation 1821 um einen Platz in der Akademie auf GEOFFROY SAINT-HILAIRE´S Rath bewarb, er dessen
Stimme allein erhielt. Auch sah er sich genöthigt, durch einen Separatabdruck aus seinem Hauptwerke unter dem Titel: "Des dispositions innées de
l´ame et de l´esprit, du matérialisme, du fatalisme et de la liberté morale avec des reflexions sur l´éducation et sur la législation criminelle" (Paris 1811)
sich gegen den Vorwurf des Materialismus u. s. w. zu vertheidigen.
Sein Hauptwerk hat den Titel: "Anatomie et physiologie du système nerveux en
général et du cerveau en particulier avec des observations sur la possibilité de reconnaitre plusieurs dispositions intellectuelles et morales de l'homme
et des animaux par la configuration de leur tete" (Paris 1810—18, 4 Bde.); es erschien zugleich in 4. und Fol., den ersten Band und die erste Hälfte des
zweiten gab er mit SPURZHEIM zusammen heraus, die übrigen unter seinem Namen allein. Vom ersten Bande erschien zugleich eine deutsche
Uebersetzung (Paris 1810) und unter dem Titel: "Sur les fonctions du cerveau et sur celles de chacune de ses parties" (Tom. I-VI, Paris 1822—26)
eine neue kürzere Ausgabe dieses Werkes, welche im sechsten Bande G.'s Erwiderungen auf die seiner Lehre gemachten Einwendungen enthält,
1823 machte G., aufgefordert von seinen zahlreichen englischen Anhängern, namentlich CROOK, noch eine Reise nach England, erzielte dort aber
nur äusserst geringe Erfolge. Von 1826 an kränkelte er und starb am 22 August l828 auf seinem Landsitze Montrouge bei Paris. Sein Schädel befindet
sich in der oben erwähnten Sammlung. Ausser den bereits erwähnten Schriften existirt nur noch seine Erstlingsschrift: "Philosophisch-medicinische
Untersuchungen über die Natur und Kunst im kranken und gesunden Zustande des Menschen" (Bd. I, Wien 1791, das fertige Manuscript des zweiten
Bandes wurde nie gedruckt), welche, mit G.'s Schädellehre in gar keinem Zusammenhange steht. In seinem Hauptwerke giebt G. die Resultate seiner
anatomischen Untersuchungen des Nervensystems, namentlich des Gehirns, indem er den Faserverlauf der weissen Nerversubstanz vom Rückenmark
aus in´s Gehirn verfolgte und die Punkte zu bezeichnen suchte, wo jeder Nerv im Gehirn verläuft.
Die graue Substanz ist ihm die Matrix der weissen,
sowohl des Gehirns, wie des Rückenmarks und der Ganglienzellen. Diese Untersuchungen bilden für seine Zeit einen bedeutenden Fortschritt und
fanden die verdiente Anerkennung. Ausserdem aber, und darin besteht namentlich die sogenannte Schädellehre, statuirte er einen genauen Zusammenhang
zwischen den einzelnen Geistesthätigkeiten und ihrem Sitz in bestimmten Theilen des Gehirns mit der äusseren Schädelform; er wandte daher seine
besondere Aufmerksamkeit auf die äussere Gestaltung des Schädels und suchte rückwärts von dieser auf die Anlagen und Fähigkeiten des Objectes
zu schliessen. Dieser Theil seiner Lehre bildet also eine völlige Parallele zu LAVATER´S Physiognomik; was dieser aus den beweglichen Zügen des
Gesichtes heraussehen wollte, das wollte jener aus den festeren Formen des Schädels herausfühlen.
Es ist daher begreiflich, dass eine Lehre, welche
der Wahrsagekunst nahe kam, das Interesse und die Neugierde des Publikums in hohem Grade auf sich zog und da sie durch G.'s Vorträge in populärer
Form namentlich auch den Laien zugänglich gemacht wurde, so erklärt dies die allgemeine Verbreitung und die grosse Literatur, welche sie hervorrief.
Daher aber theilte G.'s Lehre auch das gleiche Schicksal mit der LAVATER´S: sie wurde zum Theil direct als eine Art Wahrsagekunst gemissbraucht
und aus gewinnsüchtiger Absicht auch von Solchen angepriesen, welche nicht an die Wahrheit derselben glaubten. Grosses Unrecht aber thut man,
wenn man G. selbst dieser Sorte von Charlatanen und Betrügern zuzählt; er glaubte bis zum letzten Augenblick an die Richtigkeit seiner Ansichten und
vertheidigte dieselben in den 1826 erschienenen Objections noch mit Wärme und Ueberzeugung.

Fossati in Nouvelle biographie générale. — Ersch und Gruber.
P. J. Möbius: Franz Joe. Gall, mit 5 Tafeln und 7 Figuren, Leipzig 1905 [Band VII der ausgewählten Werke von Möbius]. August Froriep:
Die Lehren Franz
Jos. Galls, beurteilt nach dem Stand der heutigen Kenntnisse; Leipzig 1911.
|