Institut für Geschichte der Medizin

JOSEPHINUM , Währingerstrasse 25
A - 1090 Wien
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Die Geschichte des Gebäudes und des Instituts
 

Das Josephinum

Die Geschichte des historischen Gebäudes

Das Institut für Geschichte der Medizin der Universität Wien hat seit 1920 seine Heimstatt im Gebäude der zwischen 1785 und 1874 bestandenen Ausbildungsstätte für Militärärzte, der medizinisch-chirurgischen Josephs-Akademie, dem "Josephinum". Sein kaiserlicher Stifter beabsichtigte dort nach dem Vorbild der Académie Royale de Chirurgie in Paris, die bis dahin nur zunftmäßige Ausbildung der Militärchirurgen auf ein ebenbürtiges akademisches Niveau zu heben wie dasjenige der an der Universität Wien ausgebildeten Mediziner. Überhaupt war sein Ziel die Überwindung der Trennung zwischen Medizinern und Chirurgen und die Schaffung eines einzigen und einheiltlichen ärztlichen Standes, welcher als Graduierung das Doktorat der gesamten Heilkunde erhalten sollte. Gleichzeitig sollte das Josephinum nach dem Muster einer Gelehrtenakademie auch wissenschaftliche Forschungstätigkeit auf dem Gebiete der Chirurgie entfalten.


Kaiser Joseph II, Stifter der
Medizinisch-chirurgischen Josephs-Akademie


In nur zweijähriger Bauzeit erfolgte die Errichtung des schloßartigen Lehrgebäudes durch den Architekten Isidore Canevale als eines der wenigen klassizistischen Baudenkmäler Wiens, dessen Kosten von rund einer Million Gulden aus der kaiserlichen Privatschatulle bezahlt wurden.

Von der einst großartigen künstlerischen Ausgestaltung des Josephinums ist heute freilich nahezu nichts mehr im Originalzustand erhalten. Dies gilt besonders für den Hörsaal mit Portraitfresken der bedeutendsten Chirurgen und bemalter Decke, welcher nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges völlig umgestaltet wurde.

Der Hörsaal im Jahre 1785

Gleiches betrifft auch den ursprünglich kunstvoll gestalteten Lesesaal, dessen rund 10.000 Bände alle bedeutenden medizinischen und naturwissenschaftlichen Werke seit dem Beginne der Buchdruckerkunst aufwiesen. Diese bilden allerdings noch immer den wertvollsten Kern der heutigen Bibliothek des Instituts. Der Verbleib der früher zum Anschauungsunterricht für die militärärztlichen Zöglinge im Josephinum vorhandenen Lehrsammlungen - einem naturhistorischen Kabinett mit Mineralien, Pflanzen und Tieren, einem physikalischen Kabinett, einer Kollektion von chirurgischen Instrumenten sowie Bandagen, Arzneimitteln und pathologisch-anatomischen Präparaten konnte bis heute nicht rekonstruiert werden.

Gabriela Schmidt
 

Die Lehrkanzel für Geschichte der Medizin von 1833 bis 1917 unter den Vorständen Seligmann, Puschmann und Neuburger


Heinrich Ludwig Attenhofer
Die kaiserliche Bewilligung, Vorlesungen aus Geschichte der Medizin abzuhalten, war erstmals im Oktober 1808 an den Schweizer Heinrich Ludwig Attenhofer ergangen, der die Stadt jedoch einige Tage vorher Richtung St. Petersburg verliess. Ab 1809 las dann Joseph Eyerel, ein Schüler Maximilian Stolls, erstmals tatsächlich über dieses Fach. Ihm folgte 1811 Andreas Wawruch (1782-1842) als Dozent für medizinische Literaturgeschichte.


Andreas Wawruch


Seit 1. November 1833 und der damals an Romeo Seligmann (1808-1892) erteilten Bewilligung fanden medizinhistorische Vorlesungen regelmässig statt, es gab also spätestens seit dann, eine dauernd bestehende "Tornister-Lehrkanzel" für einen Dozenten (im damaligen Sinne). Seligmann wird üblicherweise mit den Vornamen "Franz Romeo" genannt, wiewohl im Auszug aus der mosaischen Geburtsmatrik in Nikolsburg "Abraham Romeo" zu finden ist. Er war Freund und Berater Ottilie von Goethes, gehörte zum Freundeskreis Franz Schuberts und Ernst von Feuchterlebens; letzterer war sein Studienkollege, der ihn in den Freundeskreis des "silbernen Kaffehauses" in der Plankengasse eingeführt hatte (Grillparzer, Schwind, Schubert, Bauernfeld, Lenau). Eine Zeichnung Moritz von Schwinds, die im Schubert-Geburtshaus hängt, zeigt Seligmann in dieser Runde, Feuchtersleben neben ihm, Schubert am Klavier. Am 20. August 1848 wurde Seligmann professor extraordinarius, im Juni 1869 Ordinarius.


Romeo Seligmann
Schon als Gymnasiast hatter er begonnen arabisch, persisch und türkisch zu lernen und sich schliesslich mit seiner Dissertation auch als Orientalist präsentiert, mit der ersten Übersetzung des aus dem 10. Jhdt. (= 4.Jhdt. Anno Hegirae), stammenden, islamisch - medizinischen Traktates des Abu Mansur Muwaffaq al-Harawi "kitab al-abniyyat an haq´iq al-adwiyyat" (arabischer Titel, persischer Text) ins Lateinische, Liber fundamentorum pharmacologiae, Wien 1830,1833 und 1859. Auch Seligmanns Vater Isaak und seine zwei Brüder, Franz und Leopold waren Ärzte gewesen. Er selbst war praktischer Arzt und ruht in einem Ehrengrab der Stadt Wien auf dem Döblinger Friedhof (gestorben am 15. September 1892).


Der zweite Lehrstuhl-Inhaber war Theodor Puschmann (1844-1899), der 1879 die Nachfolge Seligmanns antrat. Er hatte eine psychiatrische Ausbildung, wirkte als praktischer Arzt und zeichnete sich ebenfalls durch Übersetzungen aus der mittelaterlichen (byzantinischen) Medizin aus (Übersetzungen des Philumenos aus dem 1., des Philagrios aus dem 4.Jhdt., durch eine bis dahin ungedruckte Abhandlung Alexanders von Tralles), sowie durch Arbeiten zur Geschichte der Medizin in Wien aus. Letztere erschien zur 100-Jahrfeier des Wiener Allgemeinen Krankenhauses im Jahre 1884 und brachte auf mehr als 300 Seiten eine sorgfältige Dokumentation der Leistungen der Wiener Medizin von van Swieten bis Billroth. Er versuchte sich auch in einer Reisebeschreibung sowie als Novellist; ein medizin-historisches Handbuch war in Planung. Krankheitshalber musste Puschmann bereits 1899 sein Amt verlassen und starb noch im nämlichen Jahre. Sein der Domus Iosephina zugedachtes Vermächtnis von 500.000 Mark war zur Errichtung eines Institutes für Geschichte der Medizin in Wien gedacht, ging letztlich allerdings nach Leipzig und erlaubte dort die Gründung des Sudhoff´schen Institutes.

Theodor Puschmann

Max Neuburger (1868-1955) übernahm nach Puschmanns Tode den Lehrstuhl, provisorisch zuerst (zusammen mit Robert von Töply), ab 1904 als tit. a.o. Professor, später Extraordinarius, schliesslich 1917 als Ordinarius. Neuburger war Neurologe. Er wurde Gründer des Institutes für Geschichte der Medizin und besass erstmalig auch ein Domizil. Das Gebäude der josephinischen Akademie sollte 1920 schliesslich als permanente Heimstätte folgen. Vierzig Jahre lagen zwischen seiner Habilitation 1898 und seiner Emigration 1938. Keiner seiner Vorgänger oder Nachfolger hat die Wiener Medizingeschichte vergleichbar stark geprägt wie er. Neuburger darf geradezu als die Personifikation der österreichischen Medizingeschichte gesehen werden, eine Perspektive, die durch die für einen Arzt erstaunlich grosse Zahl prestigeöser ausländischer Orden und Ehren, die ihm verliehen wurden, deutlich gemacht wurde. Im deutschen Sprachraum war er Pendant und Gegenpol zu Karl Sudhoff, eine Konstellation, die Henry Sigerist, sozusagen Schüler beider, in der 1943 zu Neuburgers 75. Geburtstage in London erschienenen Festschrift herausstellt.


Max Neuburger

Unter seinen zahllosen Publikationen ragen schon früh die zwei Bände "Geschichte der Medizin", 1906 und 1911 heraus, für die in der englischen Übersetzung Sir William Osler das Vorwort schrieb; er wurde zusammen mit Pagel der Herausgeber des Handbuches der Geschichte der Medizin und damit Vollstrecker der Intention seines Vorgängers Puschmann. Neuburger schrieb über die Geschichte der Medizin im Allgemeinen, über die Geschichte der experimentellen Physiologie, er übersetzte spanische Traktate, befasste sich mit der arabischen Medizin, gab eine Übersetzung Auenbruggers "Inventum novum" heraus, eine Ausgabe der Briefe Franz Galls; er schrieb viele biographische Artikel und, als Wiener, vieles über die Geschichte des Faches und seiner Vertreter in seiner Heimatstadt. Im Exil sogar war er noch publikatorisch tätig. Kagans Bibliograhie 1943 zählt 188 Opera auf. Neunzehn Jahre nach seiner Habilitation, 13 nachdem er Professor geworden war, wurde er 1917 endlich auch Ordinarius.

Auch Neuburger folgte von Anfang an seinem Vorgänger in dem Bestreben dem "Tornister-Lehrstuhl" ein ständiges Domizil zu verschaffen und bemühte sich um die Gründung eines Institutes für Geschichte der Medizin. Dieser Prozess sollte sich über die ersten zwei Jahrzehnte unseres Jahrhunderts hinziehen. Bezeichnenderweise wurde der erste formelle Antrag vom zuständigen Ministerium weder befürwortet noch abgelehnt, sondern mit der Bemerkung versehen, dass der Gründung eines solchen Institutes nichts entgegenstehe. Zwischenzeitlich benützte Neuburger einen Raum im medizinischen Dekanat zur Aufbewahrung seiner Schätze bzw. "bewohnte" er den Raum unterhalb der Hörsaalstiege im Auditorium der Noorden'schen Klinik. Letztlich stand der Erste Weltkrieg dem Vorhaben einer Domizilierung entgegen und erst Wenckebach, Noordens Nachfolger, vermochte Neuburger und seine Medico-historica in das nun, nach der Auflösung der grossen Armee leerstehende Gebäude der Josephinischen Akademie zu verlegen (Jänner bzw Sommer 1920). Damit war die schon über einhundert Jahre bestehende Tradition der medizinhistorischen Lehrtätigkeit in Wien endlich mit einem gebührenden, zudem historisch ausserordentlich prestigeösen Domizil ausgestattet worden. Das Fach konnte nun in der Fakultät und in der Stadt auch räumlich lokalisiert werden.

Karl Holubar

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Vom Einzug in das Josephinum bis zu Leopold Schönbauer

Das 1914 gegründete Institut für Geschichte der Medizin hatte zwar einen begeistert lehrenden und forschenden Chef aber kein Heim. Zuerst war es notdürftig im medizinischen Dekanat untergebracht. Schließlich bekam es an der I.Medizinischen Klinik jenen halbmondförmigen Raum, der zwischen den amphitheaterartig angeordneten Bänken des Hörsaals und der Hausmauer gelegen ist. Der Chef dieser Klinik, Karel Frederik Wenckebach, hat 1920 in einer fulminanten Rede gefordert, ein seit 1918 funktionslos gewordenes Gebäude, das der ehemaligen medicinisch-chirurgischen Josephsakademie, solle Neuburgers Institut aufnehmen. Auch der Chirurg Julius Hochenegg und Julius Tandler, Anatom und damals gerade Unterstaatssekretär in der Regierung, setzten sich dafür ein.

Damit konnte die Übersiedlung beginnen. Die Notzeit nach dem Ersten Weltkrieg erlaubte freilich keine Anstellung eines Personals. Daher hat Max Neuburger mit seiner Frau und den beiden Söhnen Camillo und Fritz buchstäblich alles eigenhändig bewerkstelligt. Dennoch erklärte 1921 Neuburger glücklich: "Es ist in der Tat der genius loci, der die dem Institut zugewiesenen Räume zu den geeignetsten macht, die überhaupt ausgewählt werden konnten."

Im folgenden Jahr (1922) erschien bereits die umfassende Biographie Hermann Nothnagels. Im selben Jahr entstand eine mehrsprachige historisch-kritische Ausgabe vom "Inventum novum", der Erfindung der Perkussion, die er Leopold von Auenbrugger zum 200.Geburtstag widmete. Gleichzeitig beschäftigte sich Neuburger mit dem Problem der Naturheilkraft in der Geschichte und publizierte darüber zuerst anlässlich des 70.Geburtstages seines Fachkollegen Karl Sudhoff. Drei Jahre später wurde dann eine Monographie daraus, die er dem ihm befreundeten Chirurgen Anton von Eiselsberg gewidmet hat.

Der Lesesaal, die Bibliothek der alten Josephinischen Akademie, erlebte 1928 eine stimmungsvolle Feier zu Ehren des 60.Geburtstages von Max Neuburger. Clemens von Pirquet, Julius Wagner-Jauregg, Karel Frederik Wenckebach, Julius Tandler, um nur einige zu nennen, waren dabei, als der damalige Dekan, der Pathologe Rudolf Maresch, dem Jubilar eine Plakette mit seinem Bild überreichte. Heute noch hat sie im Institut einen Ehrenplatz. Vielsagend schilderte Neuburger damals sein Ringen um die Anerkennung der Medizingeschichte in seinem bisherigen Lebenslauf und sein Wirken, das er mit folgenden Worten charakterisierte: "Lustvolle Arbeit und unablässiger Kampf für eine gute Sache." Besucher aus aller Welt kamen in das Institut. Sogar die Bestände des Hauses wurden schon damals durch sie bereichert. Heute noch erinnert die Sammlung chinesischer Drogen an sie.

Zwei Monographien über verschiedene Zeitperioden der Wiener medizinischen Schule, später Spezialarbeiten u.a. über die Entwicklung der Kardiologie, Dermatologie, Paediatrie, Urologie und über das Problem spezieller Heilmittelwirkungen gingen in den nächsten Jahren laufend aus Neuburgers Feder hervor.

Über das Jahr 1938 ist seither Vieles geschrieben worden. Doch sei an dieser Stelle daran erinnert - weil es allzu oft vergessen wurde -, daß der damals amtierende Bundespräsident Wilhelm Miklas erklärte: "Hitler bedeutet Krieg", und sich weigerte, das ihm vorgelegte Dekret über den Anschluß zu unterschreiben. Er wurde einfach fortgeschafft und dann unter Bewachung gehalten.

Neuburger gelang es, gerade noch rechtzeitig nach England zu fliehen. Der international bekannte Gelehrte wurde in London mit offenen Armen aufgenommen und fand auch dort Gelegenheit, wissenschaftlich zu arbeiten. Der Wellcome Trust hat ihm in seiner Historical Library eine neue Heim- und Forschungsstätte eingerichtet. In kürzester Zeit publizierte er, allem Unglück zum Trotz, wieder über die Wiener medizinische Schule, diesmal aus englischer Sicht (1943). Knapp 10 Jahre später kehrte er in die Wiener Heimat zurück, 1955 ist er hier gestorben.

Als Neuburgers Nachfolger wurde Fritz Lejeune bestellt. Aus Köln stammend, in Greifswald habilitiert, widmete er sich zuerst hauptsächlich der spanischen Medizingeschichte. In Wien wurde er ein begeisternder Lehrer und war bei den Studierenden sehr geschätzt. Daneben diente er als Chefarzt des Standortlazarettes. Aus ihm sprach immer der Praktiker, der auch Geschichtskenntnisse in den Dienst des ärztlichen Wirkens stellen wollte.

Nach 1945 hat der Chirurg Leopold Schönbauer, der 1944 eine ausgezeichnete Monographie über "Das medizinische Wien" vorlegen konnte, die Leitung des Instituts provisorisch übernommen. 1947 gab er eine erweiterte Auflage seines historischen Werkes heraus, doch hat er auch 1944 die bedeutenden Ärzte jüdischer Herkunft schon ausführlich genannt.
Da sich der vielbeschäftigte Chirurg, der zudem auch der Direktor des Allgemeinen Krankenhauses war, sich selbstverständlich keine häufige Anwesenheit im Josephinum gönnen konnte, verwaltete das Haus die 1956 für Medizingeschichte habilitierte Dozentin Dr. Marlene Jantsch. Trotz der schweren Zeit verstand sie, Mitarbeiter an das Haus zu binden, mit denen sie fleißig publizierte.
Helmut Wyklicky

Leopold Schönbauer

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Erna Lesky

Am 3. Oktober 1960 betrat, bereits zum Leiter des Instituts ernannt, die auch 1956 habilitierte, mit dem Altphilologen Albin Lesky verheiratete Dozentin Erna Lesky das Haus. Bezeichnender Weise ging sie, bevor sie ihre Arbeitsräume aufsuchte, in den Lesesaal und begrüßte den genius loci im Sinne Neuburgers. Ihrer unerbittlichen Energie ist eine totale Sanierung des ganzen Hauses und eine völlige Neustrukturierung des Instituts zu danken. Bereits 1965 konnte sie zu ihrer 600-Jahrfeier die Universität in ein neu eingerichtetes Institut einladen und ihr dazu das Handbuch über "Die Wiener Medizinische Schule im 19. Jahrhundert" widmen. Über Auenbrugger, J.P.Frank, Rokitansky und Semmelweis konnte sie durch ihre Archivarbeiten das vorhandene Klischee vielfach korrigieren und das Wissen um diese Ärzte vermehren.

Erna Lesky   ©

Die Einrichtung der beiden "Wiener Säle" des medizinhistorischen Museums geht auf ihre Initiative zurück. Die Josephinische Bibliothek, bestehend aus den nachgelassenen Werken des Josephinischen Akademie, den reichen Geschenken Max Neuburgers und den unter ihrer Leitung des Instituts dazu gekommenen Beständen der I.Medizinischen Universitätsklinik, der Gesellschaft der Ärzte und des Doktorenkollegiums, ist in einem eigenen Katalog mit einer Reproduktion von 10.600 Karteikarten allgemein zugänglich gemacht worden.

Auch die übrige Bibliothek wurde unter ihrer ständigen persönlichen Aufsicht und Mithilfe in einem Schlagwortkatalog von ca. 120.000 Karteikarten erfasst. Für sie bezeichnend war die Bemerkung, daß damit ein "Blüthner-Flügel" zur Verfügung gestellt wurde, auf dem ihre Mitarbeiter und die vielen Gäste des Hauses jetzt spielen sollten.

1962 wurden die Anatomischen Wachspräparate, insgesamt 1192 Einzelstücke, die einst Kaiser Joseph II. privat in Florenz bestellt und der Akademie geschenkt hat, vom Anatomen Konrad Allmer und der Medizinhistorikerin Marlene Jantsch neu katalogisiert. Auch die Renovierung der Präparate und der Rosenholzkästen wurde in Angriff genommen.

Das Bildarchiv, reichlich auf Neuburgers Sammlerfleiß zurückgehend, das Gemälde, Kupferstiche, Aquarelle, Bleistiftzeichnungen, Photographien, Farbdrucke u,ä. umfaßt, wurde in einer Kartei erfasst und damit allgemein zugänglich gemacht.

Die Handschriftensammlung, die neben zahllosen Ärzteautographen auch einen Brief von A. v. Humboldt enthält, wurde neu eingerichtet und katalogisiert.

Erna Lesky selbst besuchte zahlreiche Kongresse und das Institut wirkte mit Leihgaben oft bei Veranstaltungen mit. 1979 suchte sie um vorzeitige Emeritierung an. 1985 konnte sie, die ihren Wohnsitz nach Innsbruck verlegt hatte, zur 200-Jahrfeier des Instituts dem damaligen Bundespräsidenten dessen Schätze vorstellen. Sie, die einst beglückt das Haus betrat, verließ es an diesem Tag einsam, von schwerer Krankheit gezeichnet. Im nächsten Jahr ist sie in Innsbruck gestorben.

Helmut Wyklicky

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Die Nach-Lesky Aera in den letzten beiden Dezennien des Jahrhunderts (1979-1999)

Die Aera Lesky darf nach der Aera Neuburger als zweite Hoch-Zeit in der Geschichte des Hauses betrachtet werden. Dennoch schied Lesky nicht eigentlich in Frieden. Sie ertrug den Gedanken an einen Nachfolger nicht, unbeschadet der Tatsache, dass in Helmut Wyklicky nicht nur ihr eigener Schüler, sondern auch der letzte Polyhistor der grossen Zeit der Wiener Medizin zur Verfügung stand. Sein Rückhalt in der Fakultät war aber auf Grund seines umfassenden Wissens, das ja gutteils auf persönlichen Erfahrungen beruhte und der auch seiner sanften Persönlichkeit zu danken ist, so gross, dass mit Helmut Wyklicky 1979 erstmals ein Professor ordinarius ab ovo bestellt wurde. Keinem seiner Vorgänger, auch nicht Frau Lesky, war dies beschieden gewesen. Wyklicky setzte die Tradition Frau Leskys in der Bearbeitung der medizinhistorischen Viennensia mit grossen Elan fort. Er gestaltete glanzvoll das 200-Jahr-Jubiläum des Josephinums 1985, das in einem grossformatigen Bild-Text-Band gebührend verewigt wurde. Auch nach seiner Emeritierung steht Wyklicky dem Hause in jeder Hinsicht zur Verfügung und sein jüngst erschienener Band über unveröffentlichte Briefe Billroths beweist seine ungebrochene Schaffensfreude.

Helmut Wyklicky
 

1989 folgte als Vorstand Karl Holubar, nach Neuburger wieder ein geborener Wiener, ursprünglich Dermatologe und zuvor Vorstand der Hautklinik an der Hebräischen Universität in Jerusalem, später auch für Geschichte der Medizin habilitiert. Aus diesem Hintergrund mag verständlich werden, dass ein Hauptakzent seiner Arbeit die Geschichte dieses Faches betrifft. Auch zwei weitere Gründe sind dafür massgebend: Gerade in Wien hat dieses Fach eine grosse Tradition, der sich nur die Pariser an die Seite stellen kann. In keinem klinischen Spezialfach gab es, jedenfalls im deutschen Sprachraum, soviele Juden wie in der Dermato-Venerologie. Aus der düsteren Geschichte unseres Jahrhunderts resultiert daraus ein weiterer, zeitgeschichtlicher Schwerpunkt gegenwärtiger wissenschaftlicher Arbeit, die sich besonders im Gedenkjahr 1998 manifestiert hat. Es sei gestattet anzumerken, dass sowohl der erste Professor für Geschichte der Medizin an der Wiener Universität (Seligmann) als auch der Gründer und erste Chef des gleichnamigen Institutes (Neuburger), Juden waren; österreichische Juden, die zum Ruhme ihrer Alma mater und ihres Faches, der Wiener Medizin, unendlich viel beigetragen haben. Seligmann war von 1833 bis 1850 unbesoldet; Neuburger wurde 1938 hinausgeworfen.


Karl Holubar
 

Innerhalb der letzten Jahre wurde das Institut in drei Abteilungen diversifiziert: eine Abteilung für Geschichte der Medizin (Holubar), eine Abteilung für Medizinhistorisches Museum (Skopec) und eine solche für Ethnomedizin (Prinz). Letztere Subdiziplin existierte bisher nur ausserhalb des Sprachraumes.

Ferner konnten drei wunderbare Vermächtnisse dem Hause gesichert werden. Einerseits die sehr wertvollen Bücher von (Dr.) Max und Margareta Wolf, früher Wien, nach 1938 New York, heute als "Max und Margareta Wolf Bibliothek für Geschichte der Dermatologie" permanent etabliert (durch K. Holubar); anderseits die von Prof. Dr. J Reuter, und seinem Sohn Dr. Reuter jun. als Dauerleihgabe gespendete, ebenfalls sehr wertvolle Sammlung endoskopischer Instrumente (durch M. Skopec). Letztere ist als "Nitze-Leiter Museum für Endoskopie" dem Hause inkorporiert. Als Vermächtnis an das Institut, (über die medizinische Fakultät), gehört jetzt auch die Bibliothek des ersten bedeutenden österreichischen Haemostaseologen, Prof. Dr. Erwin Deutsch, zu unseren Beständen.

Eine Sammlung ethnomedizinischer Objekte sowie eine ethnomedizinische Bibliothek wird von Herrn A. Prinz eben komplettiert und wird in naher Zukunft eine zusätzliche Bereicherung des Institutes ausmachen.

Als Prospekt für die ersten Jahre des neuen Jahrhunderts darf eine noch weitergehende museale Dokumentation von medizinischen Fachgebieten erwartet werden, die durch neu allottierte Räumlichkeiten im Hause, die nach dem Auszug der Pharmakognosie frei wurden, möglich scheint. Die Reichhaltigkeit unserer Sammlungen würde besonders die Dermatologie, Orthopaedie, Ophthalmologie als Zielgebiete solcher Dokumentation ins Auge fassen. All dies wird von der Verfügbarkeit finanzieller Mittel abhängen, die für eine solche Präsentation eine Vorbedingung sind.

Karl Holubar
   

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