Institut für Geschichte der Medizin

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PROJEKTE AM INSTITUT FÜR GESCHICHTE DER MEDIZIN
Research Projects in History of Medicine


2003-2004:
"In der Versorgung" Vom Versorgungshaus Lainz zum Geriatriezentrum "Am Wienerwald"
Wissenschaftliche Leitung:
o.Univ. - Prof. DDr. Michael HUBENSTORF, Institut für Geschichte der Medizin der medizinischen Universität Wien
  Anlässlich des 100-jährigen Bestehens des Geriatriezentrums Wienerwald soll erstmals die Geschichte dieser Institution einer Aufarbeitung nach medizin- und sozialhistorischen Gesichtspunkten unterzogen werden. Dies erscheint umso wichtiger, weil der Diskurs um die Bedeutung und die Stellung des alten Menschen in unserer Gesellschaft durch jüngste Ereignisse wieder in Gang gesetzt wurde. Der Umgang der Gesellschaft mit alten Menschen war in den letzten 100 Jahren einem starken Wandel unterworfen und sollte neu zur Diskussion gestellt werden, wofür das Projekt einen Beitrag liefern soll.
Aktueller Forschungsstand:
  Bisher existiert keine umfassende Geschichte des Geriatriezentrum Wienerwald. In den wenigen vorhandenen Veröffentlichungen finden sich lediglich rein deskriptive Ausführungen über den Bau der Anlage und die Gebäudepläne (Jakob DONT, Das Wiener Versorgungsheim. (Wien 1904) Kurzgefasster Führer durch die Wiener öffentliche Armenpflege und das Wiener Versorgungsheim. Herausgegeben vom Wiener Magistrate. Wien 1909). Der Begriff Geriatrie wurde von dem aus Wien stammenden amerikanischen Arzt Ignaz Nascher (1863-1944) geprägt, der 1909 auch das damals hochmoderne Versorgungsheim Lainz besuchte („"(this field of medicine) should be considered apart and distinct from maturity and a special branch of medicine. To such speciality I would apply the term "Geriatrics". Ignaz Leo NASCHER, Geriatrics. In: New York Medical Journal 90, 1909, 358-359.). Das Haus wurde am 12.7.1904 als Versorgungsheim Lainz unter Bürgermeister Karl Lueger eröffnet (Felix CZEIKE, Historisches Lexikon der Stadt Wien. Bd.4. Wien 1995, 540). Nötig wurde der Bau des Versorgungsheimes durch die Heimatgesetznovelle vom Dezember 1896, die vorsah, dass durch einen zehnjährigen Aufenthalt in Wien ein Anrecht auf die Armenversorgung bestand (Jakob DONT, Das Wiener Versorgungsheim. Wien 1904, 11). Den erwarteten Ansturm auf die bereits überfüllten Versorgungsheime erhoffte die Stadtverwaltung durch den Neubau eines Versorgungsheimes in Lainz abzufangen. Innerhalb von zwei Jahren konnte dieser Plan verwirklicht werden. Die Gebäude wurden nach damals modernstem Standard errichtet und waren für ein geschlossenes System der kommunalen Altersfürsorge konzipiert. In diesem Konzept nahm die Unterbringung mittelloser Bürger den größten Raum ein, während nur zwei Krankengebäude für interkurrente Erkrankungen vorgesehen waren.
  1922 wurde das Versorgungsheim von der sozialdemokratischen Stadtverwaltung grundlegend modernisiert und von einem multifunktionalen Unterbringungsort alter und gebrechlicher Menschen in ein ausdifferenziertes, nach modernen medizinischen Kriterien ausgerichtetes Alten- und Pflegeheim umgestaltet (Felix CZEIKE, Historisches Lexikon der Stadt Wien. Bd.4. Wien 1995, 540). Das Versorgungsheim verfügte nunmehr über 10 Krankenabteilungen, eigene Anstaltsbetriebe, eine Schwesternschule, sowie ein „Ehepaarheim".
  Über die Geschichte des Versorgungsheims während des Nationalsozialismus und in der unmittelbaren Nachkriegszeit ist derzeit fast nichts bekannt. In diesen Jahren wurde das Haus als Lazarett genutzt, eine noch nicht bekannte Anzahl hier betreuter Menschen wurde in die Heil- und Pflegeanstalt „Am Steinhof" verlegt. Einzelne Hinweise lassen auch Transporte in die Anstalt Hartheim bei Linz vermuten. Konkrete Schlüsse können derzeit jedoch noch nicht gezogen werden.
  Im Wesentlichen fand das historisch etablierte System der geschlossenen kommunalen Altenpflege auch nach 1945 seine Fortsetzung, bis es durch den gesellschaftlichen Wandel, sowie durch die geänderten medizinischen und pflegerischen Erfordernisse zur Transformation in ein geriatrisches Krankenhaus kam. Die veränderten Anforderungen und das erweiterte Leistungsangebot spiegelten sich auch in der Umbenennung des Namens in „Geriatriezentrum Wienerwald". Durch die in Zukunft zu erwartenden demographischen Veränderungen erhält der Fachbereich der medizinischen Geriatrie, sowie die adäquate und menschenwürdige Versorgung alter Menschen eine herausragende Bedeutung.
Ziele des Projektes:
  Ziel des Projektes ist die Erstellung einer umfassenden Sozialgeschichte des Hauses, die in einer wissenschaftlichen Publikation veröffentlicht und durch eine Präsentation in der Öffentlichkeit ergänzt werden soll.
Verschiedene historische Fragestellungen sollen unter Einbeziehung aller beteiligten Personengruppen beantwortet werden. Untersucht werden Fragen wie zum Beispiel: Wer wurde als PatientIn im Versorgungsheim untergebracht? Von wem wurden die PatientInnen pflegerisch und ärztlich versorgt? Welchen Stellenwert hatte die Versorgung gesellschaftlicher Randschichten im politischen und gesellschaftlichen Denken der Zeit, wobei die zur Verfügung gestellten finanziellen und personellen Ressourcen als Indikator des Wertewandels betrachten werden können. Dabei soll der Umgang mit Kranken und mit alten Menschen im Wandel der Zeit von 1904 bis in die Gegenwart untersucht werden. Besondere Berücksichtigung wird der radikale Bruch von 1938 finden, als es durch die nationalsozialistische Machtergreifung zu großen personellen Veränderungen kam. Die Erforschung eventueller Einbindungen des Versorgungsheims in die Euthanasieaktionen des Dritten Reichs ist ein großes Anliegen des Projekts.
Als thematische Schwerpunkte für die Zeit nach 1945 bieten sich die erschwerten Lebensbedingungen der unmittelbaren Nachkriegszeit für PatientInnen und Personal, sowie die personellen Kontinuitäten oder Diskontinuitäten mit dem komplexen Thema der Entnazifizierung an.
Die Umstrukturierung des Leistungsangebotes und des geänderten Bedarfs führten nach 1945 bereits zweimal zu einer Umbenennung des Hauses, zunächst in „Pflegeheim" dann in „Geriatriezentrum)". Auch hier wäre eine Untersuchung der soziokulturellen Hintergründe des strukturellen Wandels von Interesse. Nicht zuletzt soll auch die heutige Rolle alter Menschen in der Gesellschaft Berücksichtigung finden, wobei die Bedeutung dieser Bevölkerungsgruppe, die ihr in einer „Jugendkult"- Gesellschaft zugeschrieben wird, ebenfalls erörtert werden soll.
Forschungsplan:
  Die Dauer des Projektes soll sich von November 2003 bis November 2004 erstrecken. Im November 2003 wird das Projekt im Geriatriezentrum Wienerwald vor den MitarbeiterInnen im Rahmen einer Kick-off Veranstaltung präsentiert werden. Zwischenergebnisse werden im Frühjahr 2004 vorgestellt und die wissenschaftliche Publikation im Dezember 2004 öffentlich präsentiert. Eine intensive Quellenarbeit in den verschiedensten Archiven erweist sich in Anbetracht der spärlichen Sekundärliteratur als dringend notwendig.
Struktur der Projektes:
Durchführung: Verein für Sozialgeschichte der Medizin in Zusammenarbeit mit dem Institut für Geschichte der Medizin der medizinischen Universität Wien
Projektmanagement: Mag.DDr. Sonia HORN (Leitung), Mag.phil.Dr.med. Ingrid ARIAS (Organisation + historische Recherche) Verein für Sozialgeschichte der Medizin
Wissenschaftliche Leitung: o.Univ. - Prof. DDr. Michael HUBENSTORF, Institut für Geschichte der Medizin der medizinischen Universität Wien
MitarbeiterInnen: Dr. Christine BINDER-FRITZ, cand.phil. Friederike BUTTA-BIECK, Dr. Gabriele DORFFNER, Mag. Martina GAMPER, Mag. Katja GEIGER, Renate GRUBER, Dr. Ruth KOBLIZEK, Mag. Kathrin KOGLER, Mag. Astrid JILGE, Mag. Sophie LEDEBUR, Mag. Monika LÖSCHER, Mag. Karin MARINGGELE (Textbearbeitung, Lektorat), cand.phil. Doris PFABIGAN, Mag. Andrea PRASCHINGER, Mag.Ing. Karl GIESSRIEGL (Ausstellungsgestaltung)





2003-2005:
Strukturen des frühneuzeitlichen Gesundheitswesens im heutigen Burgenland (Arbeitstitel)
Projektleitung:
Univ. - Doz. Mag. Dr.phil. Dr.med. Sonia HORN, Institut für Geschichte der Medizin der medizinischen Universität Wien
  Mit dem sog. „Sanitätsnormativ“ von 1770 war eine Vereinheitlichung und Zentralisierung des Gesundheitswesens in den habsburgischen Ländern beabsichtigt. Vielfach wird dies mit dem Beginn eines organisierten Gesundheitswesens gleichgesetzt. Im Lauf des 16. und 17. Jahrhunderts hatte sich im Einflussbereich der Wiener medizinischen Fakultät jedoch bereits ein weitgehend strukturiertes und zentralisiertes Gesundheitswesen mit der medizinischen Fakultät als kontrollierender Instanz entwickelt. Ausgehend von den Aufzeichnungen der Wiener medizinischen Fakultät kann festgestellt werden, dass sich die verschiedenen medizinischen Berufsgruppen zu diesem Zeitpunkt ausdifferenziert und auf dem „medizinischen Markt“ positioniert hatten. Die medizinische Grundversorgung wurde durch Bader und Wundärzte, Hebammen und wandernde Heilkundige, wie Zahnärzte und Augenärzte gewährleistet. Akademische Ärzte ergänzten dieses Angebot, allerdings nur marginal. Apotheken und Spitäler sind ebenfalls als grundlegende Einrichtungen des Gesundheitswesens zu betrachten. Letztere können gewissermassen als „Sozialmedizinische Zentren“ betrachtet werden, in denen sowohl kranke als auch alte Menschen betreut wurden und, je nach der Art, in der das Sozialwesen am jeweiligen Ort organisiert war, auch Waisen und schwangere Frauen Aufnahme fanden. Der Umgang mit Seuchen, Naturkatastrophen und Krieg kann als dauernde Herausforderung für das Gesundheitswesen betrachtet werden, dem entsprechend wurden auch verschiedene Massnahmen ergriffen - besonders in Grenzregionen. Von der Verwaltung des Gesundheitswesens her können grundsätzlich zwei Bereiche getrennt werden, der „bürgerliche“ und der „grundherrschaftliche“ - wobei der Grundherrin besondere Kompetenzen zugekommen sein dürften, die von der Aufgabenteilung im grundherrschaftlichen Haushalt u.a. für die Apotheke zuständig war. Ein gutes Beispiel für das Engagement der Grundherrin im Gesundheitswesen sind die Aktivitäten von Eva Poppel Bathyany (+1641 )
  Gerade die Region des heutigen Burgenlandes ist für eine Studie über Strukturen des frühneuzeitlichen Gesundheitswesens besonders interessant, da die Quellensituation gut zu bezeichnen ist, wenn auch die Bestände verschiedener ungarischer Archive, vor allem des Ungarischen Staatsarchivs herangezogen werden. Immerhin sind die für diese Region relevanten normativen Quellen sowie die sehr aussagekräftigen Akten der Sanitätskommission noch erhalten. Die Kontrolle des Gesundheitswesens durch die Wiener medizinische Fakultät war für das heutige Nieder- und Oberösterreich seit 1638 vorgeschrieben, für Wien bereits seit 1517. Im Bereich des heutigen Burgenlandes war dies (mit Ausnahmen) nicht der Fall, vielfach erfolgte dennoch eine Orientierung nach Wien, was den Prozess der „noch nicht vorgeschriebenen“ Zentralisierung deutlich macht.
  Im vorliegenden Projekt werden die Strukturen des Gesundheitswesens vor 1770 beschrieben, wodurch verschiedene Aspekte berücksichtigt werden können. Die Durchführung des Projektes erfolgt in mehreren Arbeitsschritten:
1. Aufnahme von verschiedenen „Einrichtungen“ des Gesundheitswesens, einerseits ausgehend von Hinweisen in landeskundlicher Literatur, andererseits jedoch vor allem basierend auf Archivalien in verschiedenen österreichischen und ungarischen Archiven.
2. Erstellung einer Übersicht auf der Projekthomepage. Diese dient zunächst der Unterstützung der Analyse der Ergebnisse der Archivrecherchen. In weiteren Schritten wird diese als Information für eine breite interessierte Öffentlichkeit ausgebaut und soll Hintergrundinformation anbieten - etwa zu den Grundzügen der historischen Landeskunde, der Verwaltungsgeschichte, den rechtlichen Grundlagen des Gesundheitswesens (z.B. Baderordnungen) in Edition uvm. Ziel dieser Form der Präsentation ist es, die Vorteile dieses Mediums zu nützen, um Gleichzeitigkeiten darzustellen z.B. die Strukturen des Gesundheitswesens eines Ortes, eingebettet in die zu diesem Zeitpunkt aktuellen rechtlichen Rahmenbedingungen, die politischen Ereignisse (z.B. Kriegshandlungen) und die aktuellen administrativen Zuständigkeiten (z.B. Grundherrschaft/ Landesfürst/ König/ Sanitätskommission…)
3 Erarbeitung der verschiedenen rechtlichen Rahmenbedingungen, wie z.B. der jeweiligen Baderordnungen und deren Inhalte, wobei nicht grundsätzlich davon ausgegangen werden kann, dass diese immer eingehalten wurden. Die Frage des Umganges mit diesen Normen enthält jedoch interessante Aspekte der sozialen Beziehungen der Heilkundigen untereinander, aber auch zum unmittelbaren Umfeld oder zu verschiedenen kirchlichen und weltlichen Obrigkeiten. In diesem Zusammenhang sind auch Fragen nach dem Umgang mit unterschiedlichen religiösen Bekenntnissen interessant. Der gerade in diesen Berufsgruppen weiträumigen Mobilität und dem damit verbundenen Kultur- und Wissenstransfer soll besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden.
4. Massnahmen im Umgang mit Krisensituationen, wie Seuchen, Krieg oder Naturkatastrophen, sowie deren Auswirkungen sollen ebenso berücksichtigt werden, wie grundherrschaftliches Engagement oder Tendenzen der Zentralisierung bzw. die Auswirkungen von Staatstheorien.
( Vgl. dazu Sonia HORN, Geschichte(n) von Gesundheit und Krankheit zwischen Kameralismus und medizinischer Polizey. Forschungsdesiderata für Österreich und Ungarn in der Frühen Neuzeit. In: Begegnungen. Schriftenreihe des Europa - Institutes Budapest Bd. 19 (2003) 227 - 246 )
5. Gerade im Bereich des heutigen Burgenlandes sind auch die vorhandenen Heilquellen und deren Nutzung bzw. die Bewertung von deren Wirksamkeit in der zeitgenössischen medizinischen Literatur zu berücksichtigen.
  Grundsätzlich ist festzustellen, dass vor allem mit Archivmaterial gearbeitet werden muss, da kaum auf Literatur zurückgegriffen werden kann. Die Recherchen werden in österreichischen und ungarischen Archiven vorwiegend durch Studierende der ELTE Budapest und der medizinischen Universität Wien durchgeführt, die durch mehrere Seminare auf diese Tätigkeit vorbereitet wurden. Für die Sommermonate ist eine Beschäftigung der Studierenden mit Werkverträgen vorgesehen, im kommenden Wintersemester werden die schriftlichen Arbeiten im Rahmen eines weiteren Seminars abgeschlossen. Erste Ergebnisse werden bei den Kulturwissenschaftlichen Gesprächen auf Burg Schlaining im September 2004 vorgestellt. Die Präsentation der Ergebnisse erfolgt sowohl im Internet, als auch als „traditionelle“ Publikation in der Schriftenreihe des Burgenländischen Landesarchivs.
  Das Semmelweis - Museum Budapest hat Interesse an den Ergebnissen gezeigt, die dort in einer Ausstellung präsentiert werden könnten, auch eine Ausstellung im Burgenland selbst, die z.B. als Wanderausstellung konzipiert, nicht nur in Museen sondern auch in Eingangsbereichen von Krankenhäusern oder ähnlichen Einrichtungen gezeigt werden könnte, wäre für das Team wünschenswert.
  ARBEITSPLAN:
  Wintersemester 2003/04: Im Rahmen des Seminars „Strukturen des frühneuzeitlichen Gesundheitswesens I“ wurden den Studierenden die Grundlagen der Schriftenkunde, der Akten - und Archivkunde vermittelt.
  Sommersemester 2004: Übungen im Lesen von lateinischen und deutschen Quellen verschiedener Provenienz, Besuche von Archiven, in denen Recherchen durchgeführt werden, Strukturierung eines Forschungsplanes für die Archivrecherchen in den Sommermonaten (LV Strukturen des frühneuzeitlichen Gesundheitswesens II).
  Juli - September 2004: Weitgehend eigenständige Archivrecherchen der Mitarbeiterinnen, Auswertung der Ergebnisse unter Anleitung. Präsentation von ersten Ergebnissen bei den kulturhistorischen Gesprächen auf Burg Schlaining.
  Wintersemester 2004/2005: Verfassen der schriftlichen Arbeiten, Fertigstellung der Homepage, Publikation ev. auch auf CD - rom

 
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