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Gerard van Swieten (1700-1772)
Arzt, Lehrer, Organisator und Sozialpolitiker
Obwohl die heutige Medizin turmhoch über der Leistungsfähigkeit der Ärzte seiner Zeit steht, ist es doch berechtigt van Swietens anlässlich seines 300.
Geburtstages zu gedenken, denn er hat die Voraussetzungen für diese Entwicklung geschaffen. Er war es, der den Unterricht am Krankenbett von
Leyden nach Wien gebracht hat. Er war es, der dieser Klinik, weit über Leyden hinausgehend, neben der Lehre auch den Auftrag zur Forschung
gegeben hat. Er war es, der deshalb im Bürgerspital einen lichten Raum für allfällige Obduktionen einrichtete und damit das 1761 in Padua begründete
Fach der pathologischen Anatomie auch von Wien aus gefördert hat. Er war es, der ein chemisches Laboratorium eingerichtet hat, um die Säfte der
im Botanischen Garten gezüchteten Pflanzen zu untersuchen. Er war es auch, der einen Schüler dabei unterstützte, bei Haustieren und an sich selbst
die Wirkung dieser Säfte auf den Organismus zu untersuchen. Damit hat er, zwar ganz primitiv, aber doch, eine experimentelle Pharmakologie inauguriert.
Er war es, der den alten Brauch die Medizinstudenten nach einer sechsjährigen Lehrzeit zu promovieren abgeschafft hat, stattdessen aber strenge
Prüfungen verlangte. Wir würden heute sagen, er war es, der damit eine Qualitätssicherung des ärztlichen Nachwuchses herbeiführte.
Daß ihm diese Maßnahmen nicht nur Freunde brachten, steht fest, ihn konnte das aber nicht stören, denn hinter ihm stand eine großartige Frau:
Maria Theresia. Schon im dritten Jahr ihrer Regierung, also1743, hat sie sich mit allen Mitteln bemüht, den 1725 in Leyden promovierten Schüler
Hermann Boerhaaves (1668 - 1738) an ihren Hof zu binden. Die erste Berufung, bei der ihm noch dazu die Bedingungen selbst überlassen wurden,
lehnte er sofort ab. Einem Freund schrieb er damals, daß er es vorziehe, ein kleiner Republikaner zu bleiben, als mit einen pompösen Titel versehen,
an einem Fürstenhof praktisch Sklavendienste zu leisten. Bereits ein Jahr später wiederholte Maria Theresia, diesmal mit einem kostbaren Geschenk
begleitet, ihre Einladung. Dann aber bekam van Swieten einen von der Monarchin eigenhändig geschriebenen Brief, der den Kummer und die Sorgen
am Wiener Hof anschaulich, wie einem Freund gegenüber, schilderte. Am Schluß schrieb sie auch noch, daß sie zwar traurig wäre, wenn er der Einladung
nicht folgen würde, ihm aber keinesfalls die Ruhe rauben wolle und ihm in jedem Falle die selbe bliebe. Das edle Wesen der Schreiberin hat van Swieten
offenbar bezwungen und er schrieb, allerdings nicht an sie selbst, sondern an den Kabinettsekretär "A la fin je me rends" und nahm die Berufung an.
Bald darauf wurde er zu einem Consilium nach Brüssel gebeten. Marianne, die damals 26-jährige Schwester Maria Theresias, war nach einer Totgeburt.
schwer erkrankt. Da sie, der Schilderung nach, Kindbettfieber hatte, mußte damals freilich jede Hilfe zu spät kommen. Obwohl die Patientin starb,
waren die von Königsegg und Kaunitz an den Wiener Hof gesandten Berichte erfüllt von Lob über das edle und honette Benehmen van Swietens,
sogar bei diesem hoffnungslosen Fall.
1745, am 7. Juni, also wenige Tage nach der bei Hohenfriedberg für Österreich verlorenen Schlacht, traf van Swieten am Wiener Hof ein. Es wird
allerdings kein geringes Staunen ausgelöst haben, als der damals 45-jährige Holländer nicht in der dort üblichen Adjustierung erschien. Er trug weder
eine Perücke, noch Degen, noch die unvermeidbare Handkrause. Kurze Zeit später aber lernte er, vielleicht für ihn etwas peinlich, den Ausdruck
theresianischer Überlegenheit kennen: Die Kaiserin schenkte ihm einfach ein Paar eigenhändig verfertigter Manchetten. Da er diese natürlich
tragen mußte, fügte er sich schließlich auch den Kleidungsgepflogenheiten des Wiener Hofes.
Den Mut aber, so extravagant hier aufzutreten, gab van Swieten nur die Tatsache, daß alle wußten, in ihm einen Schüler, ja einen Freund des großen
Boerhaave vor sich zu haben. Bei Lebzeiten wurde dieser schon "totius Europae praeceptor" genannt. Vier Jahre nach dessen Tod aber waren van
Swietens Kommentare zu dessen "Aphorismen", im ersten Band bereits herausgegeben und von allen Ärzten sehr geschätzt.
Boerhaaves Lehrmethode, die damals vollkommen neu war, die oft mit der Zeit der Aufklärung in Zusammenhang gebracht wird, hat eigentlich
schon Paracelsus (1493-1541) gefordert, sie freilich niemals realisieren können. Sie hieß: Weg vom Buch, hin zum Objekt!
Darum stieg Boerhaave von der feierlichen Lehrkanzel herab und unterrichtete am Krankenbett. Darum verließ er die vielen bunten Kräuterbücher
und ging in den botanischen Garten und führte dazu noch ein chemisches Laboratorium ein.
Die zu dieser Zeit führenden Theorien der Medizin, die der Jatrophysiker und Jatrochemiker, die noch dazu einander bekämpften, lehnte Boerhaave
ab, bzw. nahm von beiden nur die ihm tauglich erscheindenen Meinungen heraus. Er aber schlug den Weg des Suchens nach Tatsachen, unmittelbar
am Kranken ein. So sah die Schule van Swietens aus.
In Wien wurde er als erster Leibarzt und Praefekt der Hofbibliothek bestellt und bezahlt. Sein Gehalt betrug 12.000 Gulden jährlich. Da ihm diese
Entlohnung zu viel für seine Leistung erschien, wollte er sich der Kaiserin gegenüber erkenntlich zeigen und begann ohne Auftrag und Gehalt im
Vorzimmer seiner Hofbiliothek Vorlesungen für Mediziner zu halten. Zwar war er indessen, wie alle in Wien praktizierenden Doktores, Mitglied der
Fakultät geworden, die aber nahm zunächst keinen sonderlichen Anteil an diesen Vorträgen.
Zu diesen Vorlesungen in der Antecamera der Hofbibliothek aber kamen bereits Studierende, die in der Zukunft Bedeutendes leisteten. U.a. waren
Leopold Auenbrugger (1722-1809) der spätere Erfinder der Perkussion, Anton Stoerck (1731-1803), der spätere Pionier der experimentellen Pharmakologie,
Adam Chenot (1721-1799), der Seuchenexperte unter den Schülern.
Schon in Leyden, unter den Augen Boerhaaves hatte zwar van Swieten Studenten um sich geschart und hatte großen Erfolg bei diesen Kursen,
die auch etwas einbrachten. Dies aber wurde von seinen Neidern dort abgestellt, indem sie herausfanden, daß er katholisch war, und an der
Universität nur Protestanten lehren durften. Da seine Hörer ihn aber drängten, beschwichtigte er sie dadurch, daß er anfing seine Vorlesungen
zu publizieren.
In diesen Jahren aber war es um die Wiener medizinische Fakultät nicht sonderlich gut bestellt. Wie schon gesagt, gehörten ihr alle etwa 70 in
Wien praktizierenden Ärzte an, und die drei lehrenden Mitglieder fielen kaum auf. Sie verdienten auch nur rund 200 Gulden im Jahr und die Vorlesungen
waren nicht sonderlich gesucht. Promotionen fanden ohnehin nur alle 5-6 Jahre statt, dafür aber dann mit barockem Prunk, und das konnte den
Kandidaten an die 1000 Gulden kosten. Die Fakultät hatte ihre eigene Finanzgebarung und eigene Jurisdiction, sie war also ein Staat im Staate.
Wegen all dieser Umstände zogen es viele Studierende vor, ihre Ausbildung im Ausland zu machen und sich dann nur mit dem sogenannten
Repetitionsakt nostrificieren zu lassen. Die gewissenmaßen verselbständigte Fakultät mußte aber von Zeit zu Zeit ihre Privilegien vom Hof bestätigt
und erneunert bekommen. Im Jahre 1747, als van Swieten bereits zwei Jahre in Wien war, suchte die Fakultät gerade wieder um Erneuerung ihrer
Priviligien an. Da Maria Theresia alle Referate der Hofkanzlei gewissenhaft durchsah, fiel ihr auf, daß eine große Anzahl der zukünftigen Wiener Ärzte
im Ausland studiert hätten. Daraufhin hat sie 1748, statt die Privilegien zu bestätigen, den Befehl gegeben, ihr zu erklären, warum die Wiener Universität
von den Studenten oft geradezu gemieden wurde. Dies schade ihrer Ehre und sei auch für die staatlichen Finanzen kein Vorteil.
Die Antwort war zwar ehrlich, aber niederschmettend: Es hieß, daß für Mathematik, Chemie und Experimentalphysik jede Anleitung fehle, die Anatomie
hätte weder ein Lokal noch Instrumente. Ferner sei die Promotion im Ausland leichter zu erreichen und vor allem spielten die 1000 Gulden Promotionskosten
eine große Rolle. Außerdem käme es vor, daß, wenn ein Kandidat Pech hätte, er nach Beendigung seines Studiums noch fünf bis sechs Jahre auf die
nächste Promotion warten müßte.
Zunächst wünschte die Kaiserin nur, daß van Swieten in der Fakultät einen Kommissionsbeschluß bekäme, daß alljährlich Promotionen stattfinden müßten.
Dieses Ziel aber wurde nicht erreicht, da man in den häufiger promovierten Jungärzten eine Konkurrenz fürchtete. Erst jetzt, als van Swieten lange genug
in Wien war, um die Lage zu übersehen, beauftragte die Kaiserin ihren Leibarzt einen Reformplan für den medizinischen Unterricht auszuarbeiten. Damit
aber traf sie die Stelle seiner höchsten Begabung. Jetzt zeigte er sein Organisationstalent. Am 17. Jänner 1749 legte van Swieten den 31 Seiten fassenden
"Plan pour la faculté de medicine" handschriflich in französischer Sprache vor.
Bereits am 7. Februar 1749 bekam, nachdem die Kaiserin alle Seiten genau studiert hatte, wie ihre wiederholten Randbemerkungen beweisen, der
Vorschlag van Swietens ihr "placet". Mit diesem Gesetz wurde die medizinische Fakultät, wie wir heute sagen würden verstaatlicht. Das Recht
Professoren zu berufen, wurde der Fakultät entzogen und dem Staatsoberhaupt vorbehalten. Die Besoldung der Professoren übernahm ebenso
der Staat. Die Verleihung des Doktorgrades solle wie schon gesagt nicht von der Anzahl der Studienjahre abhängen, sondern ausschließlich auf
Grund der vorher abgelegten Prüfungen erfolgen. Diesen Prüfungen aber habe, um alle Unregelmäßigkeiten zu verhindern, eine dem Staat gegenüber
verantwortliche Person beizuwohnen. Diese war natürlich zunächst van Swieten selbst. Auch bei den Chirurgen, Apothekern und Hebammen hatte er
das letzte Wort zu sprechen. Vielleicht ist hier der Platz, daran zu erinnern, daß er als hart, unerbittlich, ja als gefährlich bezeichnet wurde. Er stellte nämlich
zum Beispiel als Beisitzender zu den Prüfungen auch noch zusätzliche Fragen.
Auch für eine akademische Ausbildung der Chirurgen setzte sich van Swieten ein, eine Gleichstellung mit den Ärzten ist freilich erst Joseph II. gelungen.
Die von diesem Gesetz betroffene Fakultät war natürlich über die Neuerungen entsetzt und brachte einen förmlichen Protest ein. Sie beteuerte ihre
Leistungsfähigkeit, erinnerte daran, daß aus ihr bedeutende Männer hervorgegangen seien und van Swieten bekam Gelegenheit sich entsprechend
zu äußern. Was die Leistungsfähigskeit betreffe, fand er heraus, daß in mehrenen aufeinander folgenden Jahren von den 600 im Bürgerspital
aufgenommenen Kindern 580 gestorben seien. Im Übrigen zeigte er sich kaum beeindruckt, weil er wußte daß er das vollkommene Vertrauen der
Kaiserin besaß.
Drei Jahre später, 1752, regte van Swieten den Bau des eines Universitätsgebäudes an. Ein Jahr später 1753 erfolgte seine Erhebung in den
Freiherrenstand. Wieder ein Jahr später, 1754, erfolgte die wohl folgenschwerste der neuen Professoren-Berufungen: Anton de Haen (1704-1776),
der nur um vier Jahre jüngere, ehemalige Mitschüler bei Boerhaave wurde der erste Chef der Wiener medizinischen Klinik. Sie bestand zwar nur aus
zwölf Betten im Bürgerspital (sechs für Männer und sechs für Frauen), aber de Haen hatte das Recht, sich aus allen Wiener Spitälern Patienten
auszusuchen, die ihm für den Unterricht geeignet schienen.
Die Bedingungen für de Haens Berufung (die Originale sind alle in der ÖNB aufbewahrt) sind charakteristisch für die Beziehung des Leibarztes zu
der Kaiserin. Als Jahresgehalt schlug van Swieten 5000 Gulden bei freier Wohnung vor. Ferner hieß es, daß die Ehefrau de Haens, falls sie ihren Mann
überlebte, eine Pension von 2000 Gulden jährlich erhalten sollte, mit der Auflage, daß sie diese in jedem, ihr beliebigen Lande verbrauchen dürfte. Bei
der Einreise de Haens nach Wien möge keine Zollkontrolle erfolgen und das Gehalt müsse an dem Tag beginnen, an dem er Holland verlassen werde.
Das Original ist in französischer Sprache verfaßt, ebenso die Antwort der Kaiserin, die alle Summen genehmigte und noch dazu schrieb:" zur größeren
Sicherheit sende ich Ihnen dieses unterschriebene Blanco, damit Sie die Bedingungen, die Sie wollen, einsetzen und ihm schicken können". Damit war
die erste medizinische Klinik gegründet, an der später J.P. Frank (1745-1821), Josef Skoda (1805-1881), Hermann Nothnagel (1841-1905) und K.F.
Wenckebach (1864-1940) gelehrt haben.
Unterrichtet wurde selbstverständlich von allem Anfang an in Wien am Krankenbett. Neu war nur, daß, wie schon gesagt, neben der Lehre auch die
Forschung zur Aufgabe der Klinik gemacht wurde. Umwelteinflüsse wurden in diesem Zusammenhang registriert, als ursprünglich Bioklimatologie, später
auch Socialmedicin. Die Fiebertemperatur wurde nicht mehr geschätzt, sondern mit dem Thermometer Fahrenheits gemessen. Die Wirkung der
eingeschlagenen Therapie wurde täglich geprüft. Ferner wurde ein lichter Raum im Hause gesucht, in dem allfällige Obduktionen vorgenommen
werden konnten. Damit hat van Swieten noch unbewußt ein neues Fach mitbegründet, das damals "Anatomia practica" hieß, die spätere pathologische
Anatomie.
Zwei Jahre nach de Haens Berufung, 1756, wurde das Gebäude der Universität, von Jadot errichtet, in Gegenwart des Kaiserpaares feierlich eröffnet.
Es galt seit dieser Zeit als steinernes Denkmal der van Swietenschen Universitätsreform.
Wieder fünf Jahre später,1761, war für die theoretischen und praktischen Grundlagen der Medizin eine neue Zeit angebrochen. wie schon erwähnt,
waren Padua und Wien Orte der Denkumkehr. In Padua stellte Giovanni Bapt. Morgagni (1682-1771) fest, daß die Krankheiten einen Sitz in einem Organ
besäßen: de sedibus et causis morborum, und nicht wie man bisher angenommen hatte, allein von den Säften abhängt. Der autoptische Befund hat ihn
dies gelehrt. Aus diesen, an der Leiche festgestellten optisch gefundenen Organveränderungen entwickelte in Wien Leopold Auenbrugger am Lebenden
ein akustisches Diagnostikum: die Perkussion. Ohne die vorhergegangene Einführung der "anatomia practica" in den Spitälern durch van Swieten hätte
er niemals diese physikalische Diagnostik begründen können. Freilich hat van Swieten selbst die neue Untersuchungsmethode nirgends erwähnt. Zwar
hat er Morgagni im letzten Band seiner Kommentare zu Booerhave genannt, von Auenbrugger und der Percussion ist aber nirgends die Rede. Von den
Medizinhistorikern wurde dies sowohl van Swieten wie de Haen sehr übel angerechnet. Wenn man sein Verhalten hier begründen wollte, bekäme man
wahrscheinlich die selbe Antwort. die er 1761 de Haen gegeben hat: "Werfen Sie sich zu meiner Verteidigung nicht in den Harnisch, wenn man mir Böses
nachsagt; ich bin doch selbst zu faul es zu tun, weil ich keine gute Meinung von mir habe, was mit die tägliche Ausübung meiner Kunst bestätigt".
Zwei weitere Schüler van Swietens haben aber eine große Bedeutung für die Erweiterung auch der Therapie bekommen: Nicolaus Joseph Jacquin
(1727-1817) und Anton von Stoerck (1731-1803).
Jacquin wurde schon als Studierender von van Swieten nach Wien geholt ,um zu seinen Studien der Botanik das Medizinstudium zu beginnen. Von
der Botanik erwartete man sich einen großen Gewinn für die Herstellung von Medikamenten. Jacquin durfte mit Unterstützung von Kaiser Franz I. Stephan
eine Reise nach Westindien unternehmen, von der er eine große Zahl von Belegen der dortigen Flora mitbrachte. Übrigens dürfte der Name "Swieteniana"
für eine Stammpflanze des Mahagoniholzes auch auf diese Zeit zurückgehen. Jacquin richtete den Garten von Schönbrunn ein und gestaltete den damals
fast vergessen botanischen Garten am Rennweg im Sinne Linnés völlig neu. 1768 wurde er Professor für Botanik und Chemie an der Universität Wien.
Stoerck, den van Swieten noch von seiner Vorlesung in der Hofbibliothek her kannte, wurde zum Pionier der experimentellen Pharmakologie. Neben der
häufigen Vertretung van Swietens, sogar als Leibarzt der Kaiserin, begann er die Wirkung der von ihm gefunden Pflanzen an Tier und Mensch experimentell
zu prüfen. U.a. Herbstzeitlose, Bilsenkraut, Stechapfel, Eisenhut, besonders aber Schierling waren die Objekte seiner Untersuchungen. Köstlich ist heute
noch seine Beschreibung einer Atropin-Vergiftung bei seinem Lieblingshund zu lesen. Die freilich eher kritiklos optimistischen Schlüsse für die Heilkunde
bezeichnete de Haen als einen "ausus horrendus" und eine "maledicta hairesis". Van Swieten aber nahm seinen Schüler Stoerck in Schutz. Er hat nämlich
diese Versuche selbst angeregt.
Neben der Überwachung der ärztlichen Versorgung der großen kaiserlichen Familie in- und außerhalb Wiens und seiner Arbeit an einer radikalen
Veränderung des medizinischen Bildungswesens hat sich van Swieten auch der Socialmedizin angenommen. Zu seinen Lebzeiten realisert wurde
freilich nur die sogenannte "Witwensocietät", die den Hinterbliebenen von Ärzten zugute kam. Seine Wünsche nach Findelhäusern, Altersheimen
und den ganz modern anmutenden Arbeiter-Krankenkassen wurden erst von späteren Generationen erfüllt. Er rechnete sich sogar aus, daß wenn
jeder Handwerker wöchenlich 5 Kreuzer einzahlen würde, er dadurch im Krankheitsfalle erstens den vollen Wochenlohn bekommen müßte, und
zweitens die Arzt- und Medikamentenkosten ihm vollkommen zurückerstattet werden könnten.
Noch ein Erbstück van Swietens hat - in des Wortes wahrstem Sinne - die nächste Generation realisiert: sein Sohn Gottfried (1733-1803). Das
Wappen der Freiherrn van Swieten zeigt eindeutig drei Saiteninstrumente. Man sagt, daß Gerard van Swieten in seiner Studienzeit auch von dem
"flagellum eruditorum" der Geißel der Gelehrten (Melancholie und Hypochondrie) erfaßt worden sei und neben anderen Heilmitteln vor allem durch
die Musik aus diesen Gemütszzustand gebracht werden konnte.
Jedenfalls darf man annehmen, daß die Musik in Gerard van Swietens Leben eine nicht unbedeutende Rolle gespielt hat.
Für seinen Sohn Gottfried aber, den ehemaligen Theresianisten und späteren Diplomaten am Hofe Friedrichs des Großen wurde die Musik, als er
schließlich Praefekt der Hofbibliothek in Wien wurde, zu einer zentralen Aufgabe. Alfred Einstein, der Vetter des großen Albert hat in seiner
Mozart-Biographie ausführlich seiner gedacht. Van Swieten hat nicht nur mit Mozart musiziert, ihn finanziell unterstützt, sondern ihn vor allem mit
dem Werk der Familie Bach bekannt gemacht. Dies soll eine Zaesur im Schaffen Mozarts erkennen lassen. Übrigens sprach man damals in Wien
von der "gelehrten Musik" im Norden und der "galanten" im Süden des deutschen Sprachraumes.
Für Haydn, mit dem Gottfried van Swieten befreundet war, verfaßte er die deutschen Texte zur "Schöpfung" und zu den "Jahreszeiten". Beethoven
unterstützte er auch, weshalb ihm dieser sein op 21 in C-Dur, seine erste Symphonie, gewidmet hat.
Am Wiener Maria-Theresiendenkmal steht die Großfigur Gerard van Swietens vor der Nische, in der Gluck, Haydn und Mozart dargestellt sind.
Jaromir Mundy (1822-1894), Socialmediziner, Psychiater und Gründer der Wiener Rettung, aber wünschte schon fünf Jahre vor der Enthüllung
dieses Zumbusch-Werkes, daß van Swieten links von der Kaiserin dargestellt werden müßte, weil er unter allen ihren Beratern, Maria Theresias
Herzen am nächsten gestanden ist. Ferner hat, als wieder rund siebzig Jahre später - 1947 - Wolfgang Denk anregte, man möge neben den kleinen
Spezialistengruppen eine gesamtösterreichische Vereinigung gründen, um eine durchschlagendere Wirkung zu erzielen, Karl Fellinger mit der ihm
eigenen Autorität erklärt, diese müsse van Swietengesellschaft heißen und ihm damit ein zweites Denkmal gesetzt.
Literatur (Auswahl)
Wurz, Ignaz: Trauerrede auf den hochwohlgeborenen Herrn, Herrn Gerard Freyherrn von Swieten. Trattner, Wien 1772
Müller, Willibald: Gerhard von Swieten. Braumüller, Wien 1883
Mundy, Jaromir: Gerhard von Swieten und seine Zeit. Österreichische ärztliche Vereinszeitung (Selbstverlag des Verfassers). Sonderdruck 1883
Wyklicky, Helmut: Zur Kenntnis des Wiener Klinikers Anton de Haen. Wiener Medizinische Wochenschrift 108/1958, S. 596-598
Lesky, Erna: Österreichisches Gesundheitswesen im Zeitlater des aufgeklärten Absolutismus. Archiv für Geschichte (Öst. Akad. d. Wiss.) Heft I, Wien 1959
Lesky, Erna u. Adam Wandruszka (Hrsg.): Gerard van Swieten und seine Zeit. H. Böhlaus Nf. Wien - Köln - Graz 1973
Lesky, Erna: Von Swietens Hypochondrie. Zur Berufskrankheit des Gelehrten und zur Musiktherapie. Clio medica 8/1973, S. 171-190. H. Böhlaus Nf.
Wien - Köln - Graz
Einstein, Alfred: Mozart. Sein Charakter, sein Werk. Pan-Verlag Zürich - Stuttgart III. Auflage, S. 181-187
Helmut Wyklicky
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