
Die Jury verleiht die Auszeichnung „Teacher of the Month“ der MUW für Mai den „Anamnesegruppen Wien“ wegen der bisher im Studienplan einzigartigen Verbindung von studentischer Peer Gruppen Arbeit, bedside teaching, Interdisziplinarität und internationaler Vernetzung.
Stellvertretend für etwa 100 TutorInnen, die seit 1986 in den Anamnesegruppen tätig waren, werden hier genannt und ausgezeichnet:
Kathrin Beiglböck, Martin Lugsch, David Mayrhofer, Anna Hetzer, Lisa Brunner, Iris Muhr, Sandra Anders, Sebastian Wernert, Annelies Schimak, Gerald Kottmel, Christina Kulterer und Monika Homschak.
Kontrollierter Zugang zu bedside teaching
Die ‚Anamnesegruppen’ sind ein an der Wiener Medizinischen Universität seit 1986 eingerichtetes Wahlfach, das unter Anleitung von 12 speziell ausgebildeten TutorInnen in 6 Kleingruppen mit jeweils 15 Studierenden bisher etwa 2000 Studierenden einen kontrollierten Zugang zur Anamneseerhebung mit PatientInnen ermöglicht hat.
Die Gruppen kooperieren mit einer Reihe von Abteilungen: AKH – Innere Medizin, Dermatologie, Gynäkologie, Neurologie, Chirurgie und Neuropädiatrie; Otto-Wagner-Spital, Barmherzige Schwestern – Psychosomatik und Hanusch-KH – Kardiologie.
Die PatientInnen werden nach Absprache mit den verantwortlichen ÄrztInnen um ihre freiwillige Teilnahme gebeten. Festzuhalten ist, dass die PatientInnen die respektvolle Aufmerksamkeit, mit denen ihnen die Studierenden begegnen, besonders schätzen.
Anamnese – Informations-, Kommunikations- und Integrationsfunktion
Ein Peer erhebt in Gegenwart der anderen Peers die Anamnese. Die PatientInnen fungieren dabei gewissermaßen als ‚Instruktoren’ und Fokus für problemorientiertes Kontextlernen. Die Peers diskutieren im Anschluss unter Leitung der TutorInnen Informationsfunktion, Kommunikationsfunktion und Datenintegrationsfunktion der erhobenen Anamnese. Das Studium der Krankengeschichte und fallbezogene Diskussion mit dem Stationspersonal sollen den Unterrichtswert optimieren.
Die zweisemestrige Lehrveranstaltung wird mit einer schriftlichen Arbeit abgeschlossen, in der besonderer Wert auf die Reflexion der persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen bei der Anamneseerhebung gelegt wird.
Peers als Modell
Lernen am Modell der Peers wird vielfach als eine der effektivsten Lernformen im klinischen Unterricht betrachtet. Die Teilnahme Studierender unterschiedlicher Fachdisziplinen ermöglicht zusätzlich, dass der jeweilige Zugang der einen Fachdisziplin zu den PatientInnen als Modell für die andere Fachdisziplin dient und der später geforderte interdisziplinäre Teamgeist bereits früh im Studium geübt wird. Jüngersemestrige stellen offenere Anamnesefragen als Studierende im klinischen Abschnitt, wodurch sie mehr psychosozial bedeutsame Antworten bekommen. Höhersemestrige verfügen über mehr Vorwissen und damit fachliche Fokussierungsfähigkeit.
Laufende Weiterentwicklung
Mindestens einmal im Semester findet eine Großgruppe statt, bei der unter Einsatz von Videodokumentationen mit allen Teilnehmern sowie habilitierten Gästen Anamnese- und Peergruppenkonzepte diskutiert und weiter entwickelt werden.
Bedeutsam ist ein laufendes wissenschaftliches Update der ‚klassischen’ Anamnese, wofür Univ. Prof. Dr. Klaus Spiess verantwortlich ist. So werden die TutorInnen neben der wöchentlichen konventionellen Supervision auch entsprechend von ‚Humanities in Medicine’ Programmen in klinisch-narrativer Medizin (http://www.narrativemedicine.org/).
supervidiert; die Anamnesegruppen Wien fungieren diesbezüglich seit Jahren als Impulsgeber für alle deutschsprachigen Anamnesegruppen.
Internationale Vernetzung
Eine Besonderheit ist, dass 20 deutschsprachige Universitäten durch Symposien sowie Trainings der TutorInnen und durch die gemeinsame Herausgabe einer Zeitschrift sowie von Skripten (Wien: Facultas) und Websites verbunden sind. ( www.anamnesegruppen.eu/).
Das offizielle Kommunikationsorgan POM wechselt jährlich die für die Redaktion verantwortliche Universität und erscheint mit einer Auflage von 1000 Stück im Jahr 2008 zum 25. Mal.
Das jährliche ‚Maitreffen’ findet jeweils an einer anderen deutschsprachigen Universität statt und ist ein ausschließlich studentisch organisierter und finanzierter Kongress, der jeweils einen besonderen Themenschwerpunkt setzt. Parallel finden internationale Tutorentrainings mit renommierten Ausbildnern statt. Die laufende Weiterentwicklung der Anamnesegruppen durch die Studierenden selbst ist damit im Programm besonders verankert.
Zu den Anamnesegruppen liegen eine Reihe sprachwissenschaftlicher, pädagogischer und psychosomatischer Publikationen vor, sie haben den Pharmig - Preis gewonnen, wurden vom FWF gefördert und werden vom renommierten Deutschen Kollegium für Psychosomatische Medizin unterstützt.