(Wien, 11-11-2009) Namhafte ExpertInnen der MedUni Wien, die sich seit Ausbruch des H1N1 Virus mit den unterschiedlichen Aspekten dieser neuen Grippe auseinandersetzen, appellieren in einer gemeinsamen Stellungnahme an die österreichische Bevölkerung, sich gegen das H1N1 Virus impfen zu lassen. Dieser Appell richtet sich auch an ÄrztInnen, die damit sich selbst und auch ihre PatientInnen schützen.
Die Zulassung des in Österreich verwendeten Impfstoffes erfolgte am 6. Oktober durch die Europäische Kommission nach Empfehlung der europäischen Zulassungsbehörde EMEA in London, unter anderem auf Basis von Daten zu einem bereits 2008 zugelassenen, ident produzierten „Schwestern“ - Impfstoff gegen H5N1 („Vogelgrippe“). Zu diesem Impfstoff liegen kontrollierte Wirksamkeits- und Sicherheitsdaten aus einigen Studien an mehreren tausend ProbandInnen vor. Die klinischen Studien zum derzeitigen H1N1 Impfstoff starteten Anfang August 2009 an mehreren Zentren, unter anderem an zwei Instituten der MedUni Wien. Diese hat einen wesentlichen Anteil an der Entwicklung bzw. Testung des Impfstoffs beigetragen. Die klinischen Studien wurden gemeinsam von der Universitätsklinik für Klinische Pharmakologie, der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde und dem Institut für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin durchgeführt.
Univ. Prof. Dr. Markus Müller, Vorstand der Uniklinik für Klinische Pharmakologie:
„Bisher liegen kontrollierte Wirksamkeits- und Sicherheitsdaten an mehreren hundert Probanden nach zweimaliger Impfung vor. Die Nebenwirkungen entsprechen jenen, die auch bei üblichen Influenzaimpfungen beobachtet worden sind. Man kann daher davon ausgehen, dass Wirksamkeit und Sicherheit des in Österreich empfohlenen Impfstoffes sehr hoch sind.“
Die Zahl der in Österreich diagnostizierten Infektionen mit dem neuen Influenza Virus (H1N1v; 'Schweinegrippe') hat in den letzten Tagen dramatisch zugenommen, und - in Übereinstimmung mit epidemiologischen Daten - weist alles darauf hin, dass eine durch dieses Virus verursachte Grippewelle in Österreich begonnen hat. Die Symptomatik ist mit jener der saisonalen Grippe vergleichbar, allerdings traten bisher in einem höheren Prozentsatz gastrointestinale Symptome auf. Ein wesentlicher Unterschied besteht in der Altersverteilung, die deutlich in Richtung jüngerer Menschen verschoben ist. Studien aus Australien und Neuseeland weisen darauf hin, dass mit einer signifikant erhöhten Belastung intensivmedizinischer Einrichtungen zu rechnen ist, und weltweit erhobene Daten zeigen, dass etwa 30% aller schwer erkrankten Personen (und auch der Todesfälle) keinerlei Grunderkrankung hatten.
Das Gesundheitsministerium hat in Zusammenarbeit mit einem Expertengremium, das u.a. aus Infektiologen, Virologen, Vakzinologen, Epidemiologen, Internisten, Gynäkologen und Pädiatern bestanden hat, ein Impfvorgehen für die Bevölkerung definiert: angefangen vom Gesundheitspersonal, über Risikogruppen wie chronisch Kranke und Schwangere, die besonders schwer erkranken können, bis hin zu jedem/r, der/die sich schützen will.
O.Univ. Prof. Mag. Dr. Franz Xaver Heinz, Vorstand des Klinischen Instituts für Virologie:
„Der in Österreich verfügbare Pandemieimpfstoff ist nach den strengsten Regeln der internationalen Zulassungsbehörden geprüft worden und frei von Adjuvantien und Konservierungsmitteln. Die bisher vorliegenden Anwendungsstudien bescheinigen diesem Pandemieimpfstoff ein ähnlich gutes Verträglichkeitsprofil wie den saisonalen Impfstoffen“.
SozialmedizinerInnen Univ. Prof.in Dr.in Anita Rieder, Ao.Univ. Prof.in Dr.in Ursula Kunze und O.Univ. Prof. Dr. Michael Kunze vom Zentrum für Public Health:
„Unsere Impfplan sieht vor: Jede/Jeder, der sich und seine Angehörigen schützen will, soll sich impfen lassen. Dies gilt für "alle" Influenzae, also die saisonale und die pandemische. Der in Österreich eingesetzte Impfstoff ist mit modernster Technologie hergestellt, sorgfältig geprüft, und hat ein sehr gutes Sicherheitsprofil. Die Impfung wird den bekannten Risikogruppen empfohlen, aber auch allen anderen, die sich schützen wollen. Sie ist eine Strategie im Rahmen eines umfassenden Pandemie-Plans, dessen Vorarbeiten an der MedUni Wien im Bereich Sozialmedizin geleistet wurden. Heute ist Österreich das am besten vorbereitete Land. Vor allem durch die Virologie hat die MedUni Wien einen wesentlichen Anteil an der Pandemie-Kontrolle, und leistet damit einen wesentlichen Beitrag im Sinne von Public Health.“
Univ. Prof.in Dr.in Ursula Wiedermann-Schmidt, Vakzinologin und Leiterin des Instituts für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin:
„Oftmals wird die Sinnhaftigkeit der 2 Dosen in Frage gestellt. Jeder Totimpfstoff, der erstmals geimpft wird, weil er dem Immunsystem noch fremd ist, muss zweimal im Abstand von 3-4 Wochen gegeben werden. Der Grund dafür liegt in der Antikörperkinetik, die zu einem Anstieg der Antikörper innerhalb von 4 Wochen führt, danach kommt es aber zu einem raschen Abfall. Damit die Antikörper für längere Zeit auf hohem Niveau gehalten werden können, muss in der Regel eine zweite Impfung gegeben werden. Beispiele für dieses Vorgehen sind z.B. erstmalige Impfungen gegen Tetanus/Diphtherie, Hepatitis, sämtliche Kinderimpfungen etc. Solange keine Langzeitstudien vorliegen, die zeigen, dass eine zweite Impfung mit H1N1 nicht notwenig ist, muss an dem 2-Dosen-Schema festgehalten werden. Die derzeitige Zulassung des Impfstoffes lässt auch kein anderes Vorgehen zu.“
Ao.Univ. Prof. Dr. Walter Reinisch, Gastroenterologe an der Universitätsklinik für Innere Medizin III:
„H1N1 betrifft vorzugsweise junge PatientInnen. Aber auch Personen, die an chronischen Erkrankungen leiden, dürften ein gesteigertes Risiko für diese Infektion aufweisen. Dies trifft vorzugsweise für Leiden zu, die eine Unterdrückung des Immunsystems bewirken oder deren Behandlung einer medikamentös vermittelten Immununterdrückung bedarf. All jenen PatientInnen legen wir eine Impfung oder post-expositionelle medikamentöse Prophylaxe dringlich nahe.“
Ao.Univ. Prof. Dr. Herbert Kiss, Universitätsklinik für Frauenheilkunde:
„Schwangeren ab der 15. Schwangerschaftswoche (SSW14+0) wird die Impfung empfohlen. Die bisherige Datenlage zeigt, dass die Impfung auch in der Schwangerschaft sehr gut vertragen wird und die Nebenwirkungen nicht anders sind als bei den seit Jahren in der Schwangerschaft empfohlenen und angewendeten Influenzaimpfstoffen.
Bei Frauen, die in Unkenntnis einer bestehenden Schwangerschaft in den ersten 14 Wochen geimpft wurden, besteht kein erhöhtes Risiko für Mutter und Fötus.“
O.Univ. Prof. Dr. Arnold Pollak, Vorstand Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde:
„Wir raten allen Eltern dringend im Sinne des Schutzes der Kinder zur H1N1-Impfung. Es handelt sich um einen sicheren Impfstoff, der keinerlei zusätzliche Nebenwirkungen aufweist. Gerade junge Menschen sind von der Erkrankung eher betroffen als Erwachsene. Durch vermehrt soziale Kontakte ist das Ansteckrisiko bei Kindern weitaus höher. Es gibt überhaupt keine medizinische Grundlage, gerade Kindern diesen prophylaktischen Schutz vorzuenthalten. Anderslautende Meinungsäußerungen sind eher auf der emotionellen Ebene anzusiedeln!"
Dr.in Christiane Druml, Geschäftsführerin Ethikkommission MedUni Wien/ AKH Wien:
„Impfungen gehören zu den größten Errungenschaften der Forschung in der Vorbeugung von Krankheiten. Diese Vorbeugung vor Krankheiten schützt nicht nur den Geimpften selbst, sondern auch die anderen Menschen: ich lasse mich impfen, denn wenn ich geimpft bin, dann schütze ich auch meine Mitmenschen vor einer Infektion mit der Grippe. Und ich empfinde es als einen notwendigen Akt der Solidarität – vor allem mit Menschen, die gefährdeter sind, die Grippe zu bekommen, wie Schwangere, kleine Kinder oder Menschen mit verminderter Immunabwehr, Organtransplantierte oder KrebspatientInnen.“