Interview. Rektor Wolfgang Schütz berichtet über die Zukunftsstrategien der Medizinischen Universität Wien.
Der neue Entwicklungsplan der MedUni Wien ist sozusagen der Businessplan der Universität. Er fiel sehr umfangreich aus. Warum?
Weil bei uns im Gegensatz zu nichtmedizinischen Universitäten neben den Kernbereichen Lehre und Forschung noch die Klinik dazukommt. Vor allem wollten und mussten wir auch zu einer Reihe von wichtigen Punkten Stellung nehmen, angefangen von der Personalentwicklung über wissenschaftliche Transformation nach außen, Internationalität, Mobilität und interuniversitäre Kooperationen bis hin zu gesellschaftlichen Zielsetzungen.
Welche Impulse bringt der Entwicklungsplan für die Forschung?
Der entscheidende Punkt im Forschungsbereich ist, dass wir neben fünf klinischen Schwerpunktprogrammen vier strukturierte Forschungscluster geschaffen haben und zwar in jenen Bereichen, in denen die Stärken unserer Universität liegen: Immunologie/Allergologie/Infektiologie, Krebsforschung, Neurowissenschaften und Vaskuläre Medizin. Diese Cluster sollen über einen Sprecher und einen weitgehend für das Budget und auch für Personalfragen Alleinverantwortlichen und damit über hohe Eigenständigkeit verfügen.
Wir erwarten uns von diesen neuen Strukturen, dass in der Forschung noch flexibler und effizienter gearbeitet werden kann. Und dass die Mittel dorthin gelangen, wo sie benötigt werden, um sie noch zielführender einzusetzen.
Großes Augenmerk wird auch auf verstärktes interdisziplinäres Arbeiten gelegt. Im medizinischen Bereich und auch in vielen naturwissenschaftlichen Bereichen nimmt spezifische fachdisziplinbezogene Forschung gegenüber einer disziplinären Vernetzung immer mehr ab. Dem trägt der Entwicklungsplan Rechnung.
Welche mittel- und langfristigen Ziele will die MedUni Wien im Bereich Lehre setzen?
Wir wollen verstärkt Bachelor- und Masterstudien einführen. Ideal wäre ein Bachelor für Gesundheitswissenschaften und darauf aufbauend verschiedene Masterstudien. Die wesentlichen Masterstudien wären Humanmedizin und Zahnmedizin. Aber wir können uns durchaus noch Masterstudien für biomedizinische Technik, für Pflegewissenschaft, Gesundheitsökonomie und andere Disziplinen vorstellen.
Das ist ein langfristiges Konzept, das wir dem Ministerium bereits übermittelt haben. Dort ist es sehr gut angekommen. Voraussetzung dafür wären jedoch entsprechende Räumlichkeiten. Wir hoffen, dass wir sie im AKH durch den Auszug der medizinisch-technischen Akademie bekommen. Zusätzlich werden wir neue Flächen brauchen. Nach unserem Masterplan wollen wir im AKH ein eigenes Theoretikergebäude schaffen. Dann könnten wir die Gebäude Schwarzspanier-/Währingerstraße rein für Lehrzwecke nützen.
Wie zufrieden sind Sie mit den bisherigen Reformen bei der Lehre?
In den entscheidenden Punkten gab es ganz wesentliche Verbesserungen, was die Maßzahlen belegen. Die Zahl jener Studierenden, die in der Regelzeit fertig werden, stieg deutlich an. Die Dropout-Rate, die beim alten Studium bei über 50 Prozent lag, wurde kräftig gesenkt. Im nächsten Jahr werden wir 20 Prozent erreichen. Der eigentliche Erfolg der letzten Jahre sind aber die Doktoratsprogramme, die wir vor der Ausgliederung nicht hatten. Wir haben jetzt eine Doktorandenzahl von weit über 300, von denen viele durch internationale Ausschreibungen, also in Konkurrenz mit anderen Instituten, zu uns geholt wurden.
Dritte Säule der Aufgaben der MedUni ist die Klinik und damit die Patientenbetreuung. Im Entwicklungsplan wird das dreidimensionale Modell, die Einheit von Forschung, Lehre und Patientenbetreuung, besonders betont. Warum?
Weil immer wieder versucht wird, die Patientenbetreuung von Forschung und Lehre zu trennen. Das geht in einer Medizinischen Universität nicht. Klinische Forschung und Patienten kann man nicht trennen. Eines befruchtet das andere. Man muss sie als Einheit betrachten. Ein Problem dabei ist, dass vonseiten der Stadt Wien keine Leistungsdefinition für das AKH existiert. Deshalb geht die Patientenbetreuung manchmal auf Kosten von Forschung und Lehre.
Zur Finanzierung: Drittmittel werden in Zukunft vermutlich eine noch größere Rolle spielen?
Ohne Drittmittel geht es bei dem vom Bund zur Verfügung gestellten Universitätsbudget nicht. Von den Bundesmitteln sind 91 Prozent vertraglich gebunden, also nicht disponierbares Budget. Auch das höhere Budget wird nicht viel ändern, da wir damit beispielsweise die Gehaltserhöhungen der Beamten finanzieren müssen, die uns früher extra abgegolten wurden.
Ähnlich ist es mit Investitionen für Infrastruktur, die bisher über eigene Projekte liefen und jetzt zu einem großen Teil im Budget inkludiert sind. Von der Erhöhung wird uns, wenn überhaupt, also sehr wenig bleiben. Deshalb wollen wir mit den Mitteln des Bundes unsere Forschungscluster so mit Infrastruktur ausstatten, dass sie für Forschungsaufträge und Projekte aus der Forschungsförderung attraktiv sind und wir damit mehr Drittmittel bekommen.
Wie stellen Sie sicher, dass die Ziele des Entwicklungsplans erreicht werden?
Wir haben auch diesmal wieder die wesentlichen Ziele in die Leistungsvereinbarungen mit dem Bund hineingenommen. Und wenn ich zurückblicke, haben wir uns bereits sehr gut bewährt. Es liegen jetzt die Zahlen für das Jahr 2008 vor und die meisten haben sich im Vergleich zu unserer ersten Leistungsvereinbarung im Jahr 2005 sehr gut verändert.
Sie sind optimistisch, dass Sie diesmal wieder die Ziele erreichen?
Ich bin vorsichtig optimistisch aufgrund der wirtschaftlichen Situation. Wir spüren jetzt schon einen Rückgang bei den Forschungsaufträgen und eine schlechtere Dotierung des FWF, des Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung. Und die finanziellen Mittel und die Erfolge in der Forschung hängen eng zusammen.
Vielen Dank für das Gespräch!