Vorwort
 

 

Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Liebe Freunde!
Liebe Leser!

Nach dreijähriger Pause erlaubt es die Finanzlage des Institutes, wiederum einen Jahresbericht (im wesentlichen in dieser Homepage enthalten) zu veröffentlichen, der den Überblick über die Tätigkeiten und Entwicklungen von 1997 - 1999 bieten soll. Als strukturelle Veränderung ist zu vermerken, dass die Aufteilung des Institutes in zwei klinische Abteilungen nach dem Willen aller Mitarbeiter wieder zurückgeführt wurde. Die Zweiteilung des Institutes hatte sich in der Zeit der Übersiedlung gut bewährt, war aber nunmehr im laufenden Betrieb eher hinderlich. Die Entwicklung der Leistungen in Wissenschaft, Lehre und Diagnostik steht offensichtlich in direkter Relation zur Qualität der Arbeitsumstände, die organisatorisch und räumlich von Professor Johann Heinrich Holzner begründet wurden, der heuer als Emeritus seinen 75. Geburtstag feiert.

Die Statistik der wissenschaftlichen Tätigkeit zeigt eine erfreuliche Entwicklung mit relativ vielen Publikationen in den ersten Fachzeitschriften des Gebietes Pathologie und diverser klinischer Fachgebiete, wie Nephrologie, Hämatologie und Gastroenterologie. Auch die zunehmende Einwerbung von Drittmittel zur Finanzierung der Forschung stabilisiert den wissenschaftlichen Betrieb.

Die gegenwärtige Lehre des Faches Klinische Pathologie in ihrer traditionellen Struktur ist ein "Auslaufmodell". Ein neues Wiener Curriculum, das in zwei Jahren die gesamte Lehre der Fakultät neu organisiert, wird allerdings deutlich erkennbar die Handschrift des Faches Klinische Pathologie tragen. Unter den gegebenen Umständen ist das Fach optimal positioniert und präsentiert seinen integrativen und klinisch relevanten Charakter besser als bisher, ohne dabei die Systematik der Grundlagen der Erkrankungen zu vernachlässigen.

Angeregt durch die fünfzigste Wiederkehr des 13. März 1938 hat die Medizinische Fakultät im AKH ein Symposion über ihre Rolle von 1938-45 veranstaltet. Auch wir haben versucht, die Geschichte des Institutes für Pathologie in dieser Zeit zu rekonstruieren. Der im Jahresbericht enthaltene Beitrag ist das vorläufige Resultat einer noch laufenden zeithistorischen Aufarbeitung.

Die Leistungsfähigkeit eines akademischen klinischen Institutes mit den umfassenden Aufgaben der wissenschaftlichen Forschung, Lehre und der zentralen klinischen Versorgung wird von allen Mitarbeitern getragen. Dieser vorliegende Bericht belegt auf erfreuliche Weise die Zuwendung der gesamten Belegschaft zu den komplexen Pflichten und Aufgaben des Institutes.

Den Kollegen Dr. L. Müllauer und Hrn. A. Jäger gebührt Dank für die Erstellung dieses Leistungsberichtes.

Univ.Prof.Dr. D. Kerjaschki, FRCP (Edin)
Vorstand des Institutes f. Klinische Pathologie

 

Analyse der Obduktionsprotokolle 1938-1945

Angeregt durch die 50. Wiederkehr des 13. März (1938) haben wir uns die Frage gestellt, inwieweit sich das öffentliche Leben der Zeit bis 1945 in den Obduktionsprotokollen wiederfindet.     

Bisher wurden 11.000 (von ca. 20.000) Protokolle erfaßt. Vollständig aufgearbeitet wurden bisher das erste Jahr der Besetzung sowie das letzte Kriegsjahr.    

Ein erster Überblick zeigt, daß die Obduktionsfrequenz während des gesamten Zeitraumes unverändert hoch blieb, sie betrug ~ 98,5%. Erst im April 45 sank die Obduktionsrate auf 62% .

Vergleich 38/39-44/45    

Der Vergleich der Jahre 38/39 und 44/45 zeigt ein deutliches Ansteigen der Kinderobduktionen. Diese lagen 38/39 mit 382 Fällen bei 12% aller Obduktionen, 44/45 waren 665 bzw. 23% aller Obduzierten Kinder unter 10 Jahren. Der Anteil der unter 1-jährigen blieb dabei mit 70% aller Kinder konstant. Unverändert klein ist der Anteil der über 80-jährigen mit ~ 3,5%.Einen Anstieg verzeichnen jene Fälle, bei denen eine Operation kurz vor dem Tod vermerkt ist. Waren es 38/39 18% (548), so stieg ihr Anteil 44/45 auf 26% (846). Dieser Anstieg dürfte teilweise darauf zurückzuführen sein, daß ein Teil der Bombenopfer nach der Einlieferung Notoperationen unterzogen wurde. Die Tatsache, daß Todesursachen infektiöser Genese (im Protokoll ausgewiesene Todesursache Pneumonie / Peritonitis / Sepsis: 38/39 27%, 44/45 35%) ebenso ansteigen, weist jedoch auf einen Zusammenhang mit den Zeitumständen hin.

Kriegsopfer     

44/45 können ca. ¼ der Todesfälle als kriegsbedingt identifiziert werden, davon waren 235 (7%) zivile Bombenopfer. Im April 45 sind 170 (37%) der Obduzierten Kriegsopfer, davon 132 (29%) Bombentote. Zwei weitere Gruppen von Kriegsopfern sind die im Protokoll als „Militärobduktion“ gekennzeichneten verstorbenen Heeresangehörigen sowie die Obduktionen im Durchgangslager Straßhof.

Militärobduktion

Die Obduktion von verstorbenen Heeresangehörigen durfte nur von Militärärzten durchgeführt werden. Diese Obduktionen mußten besonders genau und mit mehreren Durchschlägen protokolliert werden. Da sie jedoch als militärische Geheimsache galten, blieb kein Durchschlag dieser Protokolle im Haus. Eine sinnvolle Bewertung dieser Protokolle ist daher mit dem bisher verfügbaren Material nicht möglich.

Durchgangslager Straßhof   

Das Durchgangslager Straßhof diente offenbar besonders in den Jahren 40-44 zur Aufnahme von zwangsrekrutierten „Ostarbeitern“, die überwiegend aus der UDSSR in das Deutsche Reich transportiert wurden. So sind in den Protokollen eine 83-jährige und eine 9-jährige „Ostarbeiterin“ enthalten.  Organisatorisch unterstand das Lager der „Deutschen Arbeitsfront“, deren Verantwortlicher für die „Ostmark“, im Zivilberuf Hygieniker, zu Recht eine möglicherweise vom Lager ausgehende Seuchengefahr befürchtete. Es wurde daher ein Obduktionsdienst mit dem Institut vereinbart. Von den 213 im Jahr 44/45 in Straßhof Obduzierten sind 135 im Protokoll als „Ostarbeiter“ ausgewiesen. Bei 50% dieser Obduktionsfälle ist als Todesursache TBC angegeben – 10 mal so häufig wie im Obduktionsgut des AKH! Weiters finden sich 18 Fälle von Ruhr sowie 13 Typhusfälle.

45 der im Jahr 44/45 in Straßhof Obduzierten zeigen in der Rubrik „Beschäftigung“ den Vermerk „Israelit“. In 6 Fällen ist die angegebene Todesursache „Insolatio“. In 3 Fällen wurde eine zuvor eingetragene Anamnese unleserlich gemacht. Bei vier Obduzierten lautet die identische Anamnese: „Wurde nach der Entlausung in moribundem Zustand vor die Krankenbaracke gelegt und hier gefunden.“ 4 weitere Protokolle stammen aus dem „Arbeitserziehungslager Oberlanzendorf“. Sie betreffen russische „Ostarbeiter“, die mit dem Verdacht auf Ruhr verstorben sind. In einem angehefteten Brief an die Gestapo weist der Verfasser ausdrücklich auf den „auffallend schlechten Ernährungszustand“ der Verstorbenen hin.Vorläufiges

Resumé

Auch nach der Aufarbeitung der restlichen Daten, die noch einige Zeit in Anspruch nehmen wird, stellen sich wohl noch zahlreiche Fragen, bevor eine endgültige Wertung der Ergebnisse möglich ist. So ist die Identität mehrerer Außeneinsender ungeklärt. Da es sich hierbei meist um Kinderspitäler oder Entbindungsanstalten handelt, sollten mögliche Verbindungen mit der Aktion T4 (Euthanasie) untersucht werden. Die erhobenen Daten sollten, da das AKH sicher ein spezielles Krankengut versorgte, mit den allgemeinen Sterbestatistiken in Beziehung gesetzt werden. Wünschenswert wäre ein Vergleich mit einem nicht-universitären Spital.

Unser herzlicher Dank gilt Prof. W.Zischka-Konorska, der einem von uns (D.K.) ein geschätzter Lehrer war und uns als Zeitzeuge mit großer Geduld wertvolle Informationen zur Verfügung stellte.

Dr. M. Rudas, cand.med. U. Unterberger, Dr. K. Vig-Kuna, Prof.Dr. D. Kerjaschki


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