| State of the Art in der Kiefergelenkchirurgie
Bei
Schmerzen, die ihren Ursprung primär im Kiefergelenk haben, hat sich die
sogenannte Arthrocentese und Lavage des Gelenks bereits als initiale Therapie
bewährt. Bei der Arthrocentese wird, nach periartikulärer Infiltration
mit einem Lokalanästhetikum, zunächst der recessus posterior des oberen
Kompartments mit einer Kanüle von einem inferolateralen Zugang nach Murakami
aus punktiert. Der obere Gelenkraum wird durch forcierte Injektion von isotoner
Kochsalzlösung aufgedehnt, wobei Adhäsionen des Discus articularis mit
der Gelenkpfanne und der Kapsel gelöst werden. Ist das obere Kompartment
genügend weit, wird der Recessus anterior ebenfalls mit einer Kanüle
punktiert. Dann wird der obere Gelenkraum mit ca. 250 ml Ringer-Laktat-Lösung
gespült. Bei Vorliegen einer akuten Diskusverlagerung ohne Reposition wird
auch immer eine manuelle Reposition durch geführte Mediotrusion im betroffenen
Kiefergelenk vorgenommen. Liegen radiologisch Hinweise für degenerative Veränderungen
vor, wird vor Entfernung der im Recessus posterior liegenden Nadel Hyaluronsäure
ins Gelenk instilliert. Der Effekt der Arthrocentese beruht darauf, dass Knorpelabbauprodukte,
Schmerzmediatoren und proteolytische Enzyme aus dem Gelenk entfernt werden und
dadurch chronisch-entzündliche Veränderungen der Synovia abheilen können.
Sind diese minimal invasive Therapie und konservative Therapieformen
erfolglos, kommt an unserer Klinik als nächster Schritt arthroskopische Chirurgie
zum Einsatz. Die Technik der Kiefergelenksarthroskopie wurde in den 70er Jahren
in Japan entwickelt. Die Punktion des oberen Gelenkraums erfolgt dabei in gleicher
Weise wie zuvor beschrieben, mit dem Unterschied, dass die Optik und die Instrumente,
die eingebracht werden, einen Außendurchmesser von 1,9 mm aufweisen.
Der
Eingriff erfolgt im Gegensatz zur Arthrocentese immer in Intubationsnarkose, um
in maximaler Muskelrelaxation alle Anteile des oberen Gelenkraumes einsehen zu
können. In der Regel ist nur der obere Gelenkraum für arthroskopische
Interventionen zugänglich, eine Inspektion des unteren Kompartments ist dann
möglich, wenn eine Perforation des Diskus oder des retrodiskalen Gewebes
vorliegt, oder wenn durch Obliteration des oberen Kompartments alle Bewegungen
im unteren Kompartment stattfinden, welches sich dadurch weitaus geräumiger
als normal darstellt. Über den Arbeitskanal können verschiedene Instrumente
wie Sonden, Pinzetten, Scheren, Biopsiezangen, motorisierte Shaver oder Glasfasern
zur Laserapplikation eingebracht werden. Der Einsatz des Holmium:YAG-Lasers in
der arthroskopischen Kiefergelenkchirurgie hat entscheidende Vorteile gegenüber
anderen intraartikulären chirurgischen Techniken. Mit einer Wellenlänge
von 2100 nm weist der Laser eine Eindringtiefe von 0,5 mm auf, was zur effektiven
Vaporisation des Gewebes ausreicht, aber keine Hitzeschäden verursacht.
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Vorliegen einer anterioren Diskusverlagerung ohne Reposition werden Verwachsungen
im Recessus anterior gelöst, bis der Discus articularis befreit ist und der
Ansatz des oberen Kopfes des M. pterygoideus lateralis am Diskus durchscheint.
Im Recessus posterior des oberen Kompartments kann das elongierte Ligamentum menisco-temporale
mit reduzierter Leistung skarifiziert werden. Durch den mit dieser Maßnahme
eingeleiteten Schrumpfungsprozess des Bandes gelingt in vielen Fällen
unterstützt durch postoperative Schienentherapie und physiotherapeutische
Mobilisation die Reposition des Diskus. Aber allein die Lösung der
Verwachsungen und Vaporisation von intraartikulären Schmerzrezeptoren bringt
für den Patienten eine deutliche Besserung der Schmerzsymptomatik und eine
verbesserte Funktion des Gelenks. Liegen ausgeprägte degenerative Veränderungen
des Gelenks vor, kann ein arthroskopisches Débridement mit dem Ho:YAG-Laser
und eine Modellierung der Gelenkflächen mit dem motorbetriebenen Shaver oft
eine offene Arthroplastik ersetzen.
Eine Arthrotomie des Kiefergelenks
ist durch die Fortschritte der arthroskopischen Chirurgie unseres Erachtens nach
nur bei höhergradigen morphologischen Veränderungen des Gelenks oder
zur anatomischen Reposition von diacapitulären Gelenkfortsatzfrakturen
des Unterkiefers indiziert. Die Darstellung des Kiefergelenks erfolgt mit dem
aurikulären Zugang nach Rasse der hervorragende kosmetische und funktionelle
Ergebnisse bringt. Zur dauerhaften Behandlung der rezidivierenden kondylären
Luxation hat sich die Eminektomie bewährt, bei der die Eminentia articularis
in ihrer Höhe reduziert wird. Dadurch kann sich der luxierte Kondylus einerseits
leichter in die Gelenkpfanne zurückbewegen, andererseits wird auch die Motilität
im oberen Gelenkraum eingeschränkt, sodass der Kondylus daran gehindert wird,
vor die Eminenz zu treten
Bei Vorliegen von schweren arthrotischen Veränderungen
oder bei destruierenden Gelenkveränderungen im Rahmen von Poliarthritiden
ist eine modellierende Arthroplastik indiziert. Dabei werden in der Regel die
Reste des degenerierten Discus articularis entfernt und die Knochenflächen
der Eminentia articularis und des meist schwer deformierten Kondylus im Sinne
einer hohen Kondylektomie neu modelliert. Da durch die freien Knochenflächen
die Gefahr einer Ankylosierung gegeben ist, wird ein Ohrknorpel- oder Rippenknorpeltransplantat
zur Separierung der Gelenkflächen eingebracht. In naher Zukunft wird es auch
an unserer Klinik möglich sein, die Gelenkflächen und den Discus articularis
mit extracorporal vermehrten autologen Knorpel auf einer geeigneten Trägermatrix
aufzubauen. Auch in der chirurgischen Therapie von artikulären Ankylosen
werden diese neuen Methoden des tissue engineering in Zukunft an Bedeutung
gewinnen. Zur Rekonstruktion hochgradig deformierter Kiefergelenke stehen
uns heute ausgezeichnete Kiefergelenk-Totalprothesen zur Verfügung,
die individuell am stereolithographischen Mo-dell des Schädelskeletts des
Patienten angepasst werden.
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