Unterkiefer-Gelenkfortsatzfrakturen
Definition
Unter dem Unterkiefer-Gelenkfortsatz versteht man den Anteil
des Unterkiefers der den Gelenkfortsatz bildet und von der
Incisura semilunaris bis einschließlich zum Gelenkköpfchen
reicht. Man unterscheidet eine tiefe, mittlere und hohe Gelenkfortsatzfraktur,
sowie die Kapitulum-Fraktur als intraartikuläre Fraktur
des Gelenkköpfchens.
Abb. 6 Schemazeichnung. Bei einer Sturz kann es, wie in dieser
Abbildung dargestellt, zu einem Bruch in der Mitte des Unterkiefers
als auch beider Gelenksteile kommen.
Therapieziele
Die Diskussion um die adäquate Therapie der Gelenkfortsatzfrakturen
ist durch die verbesserten Methoden der Osteosynthese mit
Miniplatten und Zugschrauben sowie resorbierbare Materialien
neu angefacht worden. Im Zusammenhang mit den unbefriedigenden
Ergebnissen der konservativen Therapie bei Luxationsfrakturen,
die sich durch apparative Funktionsuntersuchungen objektivieren
ließen, hat sich besonders bei dieser Indikationsstellung
ein Trend zugunsten der operativen Behandlung eingestellt.
Dies war auch mit dem besseren Verständnis der Wachstumsprozesse
des Unterkiefers einhergegangen. Diese werden nicht mehr als
vom Kondylus wie von einer Wachstumsfuge gesteuert gesehen.
Die erhöhte Beachtung funktioneller Störungen des
Gelenks, wie der Diskusverlagerung und auch deren operative
Therapie, lenkt das Interesse auch auf die begleitenden Weichteilverletzungen
und die Wiederherstellung intraartikulärer Frakturen
(M. Rasse, Neuere Entwicklungen der Therapie der Gelenkfortsatzbrüche
der Mandibula in Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, Volume
4 Issue 2 (2000) pp 69-87).
Im Allgemeinen besteht das Ziel der Therapie darin, die Funktion
des Unterkiefers mit einer korrekten Okklusion, Artikulation
und Gelenkfunktion, wiederherzustellen. In der Akutphase der
Erkrankung steht auch die Schmerzbeseitigung im Vordergrund.
Wiederherstellung der Form und Funktion des Unterkiefers
Vermeidung von Wachstumsstörungen bei Heranwachsenden
und Kindern
Vermeidung von akuten und/oder chronischen Kiefergelenkerkrankungen
(Osteoarthritis, Diskusdislokation)
Verhinderung einer Infektion
Vermeidung einer Ankylose
Therapieindikationen
Klinischer und/oder röntgenologischer Nachweis einer
Fraktur
Okklusionsstörung
Abb. 7 Schemazeichnung. Bei einer verschobenen einseitigen
Fraktur des Unterkiefers (z.B. Kollum) kommt es zu einer gestörten
Okklusion auf der gegenüberliegenden Seite des Unterkiefers.
Abb. 8 Schemazeichnung. Bei einer verschobenen beidseitigen
Fraktur des Unterkiefers (z.B. Unterkieferhals) kommt es zu
einer gestörten Okklusion im vorderen Bereich der Zähne.
Komplikationen:
Funktionsstörung
Störung der Kieferrelation
Verletzung des äußeren Gehörgangs
Liquorrhoe aus dem äußeren Gehörgang
Schmerz
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Untersuchungen
Inspektion
Palpation
Röntgen in 2 Ebenen
Sensibilitätsprüfung
Funktionsprüfung
Spezielle Röntgenuntersuchungen
Computertomographie bei Mehrstückfrakturen oder starker
Dislokation des Gelenkköpfchens
Ggf. Magnetresonanztomographie bei Verdacht auf Zerstörung
der Kiefergelenkweichteile (z.B. Kapsel, Diskus)
Inspektion des äußeren Gehörgangs bei Verdacht
auf Gehörgangsvorder-wandläsion
Abformung und Modellherstellung beider Kiefer zur Simulation
der Reposition mit Okklusionskontrolle und der Möglichkeit
der Anfertigung individueller Schienen
Therapie
Konservative Therapie
Eine konservative Frakturbehandlung ist indiziert:
Bei nicht dislozierter Fraktur wenn die Form und Funktion
auch ohne chirurgische Maßnahme wiederhergestellt werden
kann.
Beim heranwachsenden Kind (disloziert und nicht disloziert)
Im Falle von medizinischen und/oder anästhesiologischen
Kontraindikationen für eine operative Frakturversorgung
Eine konservative Frakturbehandlung kann umfassen:
Reposition
Immobilisation durch intermaxilläre Fixation
Frühmobilisation
Eingliederung eines funktionskieferorthopädischen Gerätes
Diät (weiche Kost)
Operative Therapie
Eine operative Frakturversorgung ist indiziert:
Dislozierte Kondylusfraktur
Mechanische Mundöffnungsbehinderung durch die Fraktur
oder unfallbedingten Fremdkörper
Kondylusfraktur mit Verlust der anterior/posterior und vertikalen
Relation des Unterkiefers wo eine konservative Frakturbehandlung
erfahrungsgemäß keine Restutio ad integrum erbringt
(multiple Gesichtsschädelfrakturen)
Dislokation des approximalen Fragments aus der Gelenkpfanne
Kontraindikation für eine intermaxilläre Fixation/Schienung
Eine operative Frakturversorung kann umfassen:
offene Reposition
Osteosynthese
Ergänzende Maßnahmen
Schmerzbehandlung
Ggf. Antibiotikatherapie
Drainage von kontaminierten Wunden
Empfehlung
Die Entscheidung ob eine stationäre oder ambulante Behandlung
indiziert ist muß individuell getroffen werden.
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