Leben mit Migräne - Eine Migränepatientin berichtet
Früher Beginn
Meine ersten oder frühesten Erinnerungen an Kopfschmerzen reichen in die Volksschulzeit zurück, als ich 8 Jahre alt war. Kopfschmerzen begleiteten mich seither durch mein Leben.
Von Anfang an nahm ich mehr oder weniger regelmäßig Schmerzmittel. Einerseits um die Schmerzen zu ertragen, andererseits um die geforderten Leistungen zu erbringen.
Nach Volks- und Hauptschule, besucht ich die 5-jährige Hauswirtschaftschule, die ich mit Matura abschloss.
Meinen Eltern blieben die vielen Kopfschmerzen natürlich nicht verborgen. Auch meine Mutter und meine Schwester litten bzw. leiden an Migräne.
Ich wurde schon als Kind, so kam es mir zumindest vor, von einem Arzt zum anderen geschleppt. Die Behandlung eines Kindes wurde jedoch damals (das war in den 70iger Jahren) von den konsultierten Ärzten noch abgelehnt. Der Grund ist mir nicht bekannt.
Bereits im Teenager–Alter versuchte ich auch verschiedene alternative Behandlungen, wie z. B. Akupunktur, Fußreflexzonenmassage und über mehrere Jahre hinweg eine spezielle Diät. Es gab subjektiv punktuelle Erleichterung, aber nachhaltig hat nichts geholfen.
Ehrgeizige Berufstätigkeit
Nach der Matura habe ich im Gemeindeamt zu arbeiten begonnen, wo ich seit Absolvierung der „Amtmännerprüfung“ nach drei Jahren stellvertretende Amtsleiterin bei uns am Gemeindeamt bin. Auch bei verschiedenen Vereinen habe ich mich immer stark engagiert, und übernahm dabei immer wieder verantwortliche Positionen.
Ich möchte damit darstellen, dass ich stets bemüht war, gut zu funktionieren und mich aktiv ins Ortsgeschehen einzubinden, obwohl parallel dazu die Kopfschmerzen nicht weniger wurden. Ich schluckte brav weiter starke, mich immer mehr abhängig machende Schmerzmittel, trotzdem – oder gerade dadurch wurden die Migräneanfälle immer häufiger bis ich am Schluss bis zu fünf in der Woche hatte. Ich konnte mich in dieser Phase glücklicherweise stets auf sehr verständnisvolle KollegInnen verlassen, die immer für mich da waren und mir keine Vorwürfe machten.
„Schmerzhaftes“ Verhalten der Umwelt
Fast genauso schmerzhaft wie die Anfälle selbst habe ich aber oft das Verhalten der Umwelt empfunden. Dass Migräne nicht als Krankheit ernst genommen wird, macht mir bis heute zu schaffen. In Situationen, wo mir wirklich geholfen werden könnte, wie zum Beispiel, dass in meiner Gegenwart nicht geraucht wird, erlebe ich immer wieder wenig Verständnis. Man setzt sich, so meine Wahrnehmung, eigentlich nicht wirklich mit meiner Krankheit auseinander.
Oft hatte ich auch den Eindruck, dass Absagen wegen meiner Kopfschmerzen nicht geglaubt, sondern als Ausrede abgetan wurden. Dies setzte mich zusätzlich unter Druck.
Mit der Zeit gewöhnte ich mir dann an, die Kopfschmerzen zu verschweigen, noch mehr Schmerzmittel einzunehmen und mich, so gut es ging „drüberzuschwindeln“. Ich wollte mich nicht ständig rechtfertigen, vor allem, weil die anderen sich zumeist ja gar nicht vorstellen konnten, welche unerträglichen Schmerzen ein Migräneanfall (oft tagelang) auslöst. So musste ich den anderen und auch mir selbst oft was vorspielen.
Einer der nicht aufgibt
Eigentlich durch Zufall kam ich dann im Frühjahr 2002 an einen neuen Arzt. Ich hatte erstmals das Gefühl, auch verstanden zu werden. Vom ersten Augenblick an fühlte ich mich ernst genommen und gut aufgehoben, auch wenn es weiter Rückschläge geben sollte.
Ich musste 18 Wochen lang einen Migränekalender führen. Außerdem wurde bei mir eine Medikamenteneinstellung vorgenommen. Auf die Kombination der Medikamente reagierte ich leider nicht im erhofften Ausmaß. Die Anfälle wurden zwar etwas weniger, aber ich habe auch sehr an Gewicht zugenommen, war sehr müde und depressiv und hatte auch Konzentrationsschwierigkeiten.
Das war sicher eine der schwierigsten Zeiten meines Lebens. Ich war oft wirklich verzweifelt und hatte das Gefühl, einfach nicht mehr weiter zu können. Mein Leben war so mühevoll und die Schmerzen oft so unerträglich. In dieser Zeit hat mir mein Mann sehr geholfen.
So wurde auch ein 2-wöchiger stationärer Aufenthalt notwendig um mich zu stabilisieren. Und im Krankenhaus fernab vom Alltag, von Stress, und sonstigen, Migräne auslösenden Faktoren, ging es mir auch wirklich gut. Nur in den Alltag zurückgekehrt klappte es nicht mehr so reibungslos.
Erst nach dem Austausch eines Medikaments kam dann auch endlich der erhoffte und so sehr erwünschte Erfolg. Die Kopfschmerzen wurden deutlich weniger. Die Anfälle haben sich auf ca. 1 pro Woche verringert. Damit kann ich aus heutiger Sicht gut leben.
Aber auch jetzt gab es noch Rückschläge. Phasenweise ging es mir sehr gut und dann gab es wieder Zeiten mit sehr vielen Migräneanfällen gegen die ich wieder große Mengen Schmerzmittel einnahm.
Ein zweiter Spitalsaufenthalt wurde im Juni 2005 notwendig. Diesmal musste ich einen Schmerzmittelentzug durchführen. Auch dieser Aufenthalt dauerte 2 Wochen und war sehr schmerzhaft. Es wurde mir allerdings bewusst gemacht, dass ich zukünftig nicht nur auf Schmerzmittel setzen darf, sondern selber aktiv etwas dazu beitragen muss, damit die Anfälle weniger werden und ich die Migräne zurückdränge. Ich musste mein Leben ändern.
Wirkungsvolle eigene Veränderungen
Und ich habe auch einiges geändert. Ich nehme die regelmäßige Unterstützung einer Psychologin in Anspruch. Sie hat mir geraten, die Krankheit anzunehmen und mich nicht dagegen zu wehren, weil sie ein Teil von mir ist. Die regelmäßigen Besuche helfen mir sehr. Sie hat mir auch bei vielen Fragen und Zweifeln gute Ratschläge und Sicherheit gegeben. Mein Leben ist dadurch einfacher und ich bin auch selbstsicherer und entschlossener geworden.
Ich gehe auch mehr oder weniger regelmäßig walken und den Sommerurlaub verbringen wir im Lungau beim Wandern, was für mich eine große positive Wirkung hat.
Mein Mann und ich haben uns auch z.B. wieder ein Theaterabo genommen und gehen zu Veranstaltungen, was früher auf Grund der vielen Kopfschmerzen sehr schwierig und phasenweise unmöglich war.
Ein aktives Leben führen
Sehr wichtig war mir auch immer mein Beruf. Selbst in den Jahren, als es mir sehr schwer gefallen ist, habe ich nie daran gedacht, nicht arbeiten zu gehen. Berufstätig zu sein ist für mich wahrscheinlich auch der Beweis, dass ich trotz der Krankheit auch nützlich sein und am öffentlichen Leben teilhaben kann, noch dazu, wo ich meine Arbeit wirklich liebe.
Ein aktives Leben zu leben, sich nicht zurückzuziehen ist mir auch jetzt noch wichtig. Natürlich verlangt das von einer Migränepatientin mehr als von einem „normalen“ Menschen.
Ich muss immer gut vorplanen, da ich mich nicht auf den letzen Tag verlassen kann. Ich brauche immer einen „Zeitpolster“. Das verschafft mir Sicherheit und beugt dadurch einen Migräneanfall vor.
Ich vermeide Situationen, die Migräne auslösen könnten, so gut es geht wie z.B. grelles Licht, Wind, rauchige Umgebung, unregelmäßigen Schlaf, verschiedene Gerüche, Lärm, ich trinke keinen Alkohol.
Es gibt nach wie vor bessere und schlechtere Phasen. Wichtig ist es in den guten Phasen nicht übermütig und in den schlechten nicht zu unglücklich zu werden.
Natürlich ist das Leben vielfach eingeschränkt. Aber ich habe nur dieses eine einzige Leben und das versuche ich so gut und angenehm und aktiv wie möglich zu leben.