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Seminarreihe Ethik und Ethos in der Klinischen Krankenhausseelsorge und in der Universitätsmedizin - Mit-Menschlichkeit in Technologie und Digitalisierung

Events

28. November 2019
16:00 PM-18:00 PM

23. January 2020
16:00 PM-18:00 PM

 

Hörsaal 5 im Hörsaalzentrum der
MedUni Wien im AKH Wien

 

Information und Programm Add event to the calendar (ICAL)

 

Transdisziplinäre Seminarreihe zum Thema: Ethik und Ethos in der Universitätsmedizin – Mit-Menschlichkeit in Technologie und Digitalisierung

 

Weitere Informationen

 

Eine gemeinsame Veranstaltungsreihe der Universitätsmedizin Wien und der Klinischen Seelsorge im AKH Wien. Weiterführende Infos folgen zeitgerecht vor den jeweiligen Seminareinheiten per Veranstaltungskalender der MedUni Wien (www.meduniwien.ac.at) bzw. der Website des Doktoratsstudiums Clinical Neurosciences (www.meduniwien.ac.at/clins).

 

zum Bild: Homo Cyberneticus (Aron Cserveny, Univ.Klinik für Chirurgie)
Das Bild des “Homo Cyberneticus” ist ein Versuch, die menschliche Interaktion mit der Technologie im 21. Jahrhundert darzustellen. Der Mensch, im Zentrum, befindet sich im Spannungsfeld von positiven sowie negativen Aspekten der Technologie. Das Spektrum reicht dabei von Hilfsmitteln, die den biologischen Menschen unterstützen, verlorene Funktionalität wiederherstellen, bis hin zu stark invasiven, militärischen oder überwachungstechnischen Anwendungen; letztendlich aber auch zum Versuch, die Grenze zwischen Mensch und Maschine verschwimmen zu lassen, um ein transhumanistisches Hybridwesen zu erschaffen. Das humanistische Bild von Da Vincis “Vitruvischem Mann”, wird also zum transhumanistischen “Homo Cyberneticus”. Die Reichweite dieser Verwandlung wird sich in Zukunft nur durch tiefgreifende ethische Diskussionen definieren lassen.

 

Program

 

1. Einheit: Do., 19. September 2019, 14:30–16:00 Uhr
Menschenbild und Körperbild im digitalen Raum
Referenten: Thorsten Benkel und Matthias Meitzler, Universität Passau

Die Bedeutung der Digitalisierung für das gesellschaftliche Leben ist mittlerweile unbestritten. Weniger intensiv wird bislang betrachtet, inwiefern auch Sterben, Tod und Trauer online thematisiert werden. Ein entscheidender Grund dürfte die scheinbare Körperferne der Internet-Kommunikation sein; sie macht den Eindruck, als wäre Datenaustausch ein Geschehen ohne tiefere Verbindung zur körperlichen Alltäglichkeit der Nutzer. Gleichwohl wird der Körper in multimedialer Form nachgeahmt und damit in gewisser Hinsicht als 'zweiter Körper' reproduziert. Dabei entsteht ein Spannungsverhältnis, das Einblicke in den generellen Wandel des Umgangs mit dem Körper verspricht.
Dr. Thorsten Benkel und Dr. Matthias Meitzler - Universität Passau - Lehrstuhl für Soziologie - Dr. Hans-Kapfinger-Str. 14 - 94032 Passau - Tel. 0851/509/2685 -
Email: Thorsten.Benkel@uni-passau.de

2. Einheit: Do., 24. Oktober 2019, 16:00–18:00 Uhr
Der alte und gebrechliche Mensch: Nutzung von Technologie und Digitalisierung im Sinne der Lebensstützung und Menschenwürde

Referentinnen:
Prof. Dr. Tanja Stamm, Dr. Claudia Oppenauer, Institut für Outcome Research, Zentrum für Medizinische Statistik, Informatik, und Intelligente Systeme

Abstract:
Digitale Innovationen sind aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken und bestimmen den Alltag der meisten Menschen. Von assistiven Technologien wird erwartet, dass sie die Selbstständigkeit älterer Menschen erhöhen und ihnen ermöglichen, länger im häuslichen Umfeld zu verbleiben. Zukünftig sollen technologische Innovationen kosteneffektiv zu einer nachhaltigen medizinischen und pflegerischen Versorgung beitragen. Trotzdem sind ältere Menschen derzeit nicht ausreichend mit diesen Technologien versorgt. Die Gründe dafür sind vielfältig und reichen von ungünstigen Technologieentwicklungen ohne die Bedürfnisse älterer Menschen berücksichtigt zu haben bis zu ethischen Fragestellungen, wie Nutzung von und Zugriff auf personenbezogene Daten, Angst vor Überwachung durch Datenmessung und Missbrauch, sowie ungeklärten Fragen der Finanzierbarkeit der Technologien. Die Nutzung der Technologien durch ältere Menschen mit chronischen Erkrankungen und/oder kognitiven Einschränkungen erfordert eine wechselseitige Einbeziehung von Perspektiven der primären BenutzerInnen, des sozialen Umfelds, der EntwicklerInnen, der Policy Maker und der rechtlichen und ethischen ExpertInnen. Aus diesen Gründen ist es essentiell, dass wir als Gesellschaft ethische und spirituelle Überlegungen zu diesen offenen Fragen anstellen, diese interdisziplinär diskutieren und die Zielsetzungen für assistive technologische Innovationen mitbestimmen.

Buddhistischer Input
Gerhard Weißgrab
Präsident der Österreichischen Buddhistischen Religionsgemeinschaft
Die großen technischen Fortschritte unserer Zeit nähren die Idee grenzenloser Möglichkeiten. In der Realität leben wir aber in einer begrenzten Welt. Daher stehen wir ständig vor neuen Entscheidungen, wie dieser wachsende Fortschritt heilsam eingesetzt werden kann. Ziel dieser Entscheidungen muss aus ethischer Sicht immer das Wohl des einzelnen betroffenen Menschen sein. Hier kann es leicht zu einem Konflikt mit den heute gängigen Zielvorgaben für Wirtschaftlichkeit und Profitabilität kommen. Gerade beim alten und gebrechlichen Menschen droht da leicht ein Interessenkonflikt – welcher technische oder digitale Einsatz rechnet sich? Und es ist immer die Kernfrage zu stellen: Welcher Einsatz stärkt oder schwächt Lebensqualität und Menschenwürde? Empathie, Mitgefühl und Wissen sowie Weisheit zählen hier sicher zu den wichtigsten Werkzeugen der Entscheidungsfindung.  
Christlicher Input
Dr. Matthias Geist
Superintendent der Evangelischen Kirche A.B. Wien
Technik als Ersatz einer Sozialstruktur
Je stärker die Technologie zur pflegerischen Begleitung von Menschen im Alter eingesetzt wird, desto wichtiger sind drei Dimensionen ethischen Handelns zu betrachten: Was Technik ermöglicht, ist Betroffenen nicht immer zugänglich und verständlich. Was Digitalisierung letztlich auslöst, führt zu einer Auslagerung einer sozialen „Sorge“-Struktur. Wo immer (ökonomischer) Nutzen zu holen ist, droht vermeintliche Selbst- in strukturelle Fremdbestimmung zu kippen. Ein Gefüge, das sich in sozialer Sorge und Schutz des Individuums übt, entspricht dem ethisch-religiösen Bild der „Unverfügbarkeit“ des Lebens. Im anderen Fall der technischen Sorge bedient sich „Gott Mensch“ letztlich des „Gottes“ digitaler Datenerfassung. So sollte sich jede Technologie in all ihrem großartigen Nutzen für Betroffene auch der veränderten Bedeutung für bedürftige Menschen und ihre Angehörigen bewusst sein.

Klinische Krankenhausseelsorge:

Islamische Perspektive

Dr. Abdurrahman Reidegeld
Dozent am Institut Islamische Relgion an der KPH Wien/Krems
Erkan Erdemir, MA
Leiter der Islamischen Spitalseelsorge in Österreich
Die Technik und Technologie begleitet uns seit Jahrzehnten in allen medizinisch ausgerichteten und Pflegerberufen. Manche technologischen Möglichkeiten stellen die Ärzte, Betreuer und Pflegepersonal vor neuartige Herausforderungen, die nicht mehr rein technischer Natur sind, sondern nur im ethisch-religiösen Kontext angegangen werden können.
Dazu hat jede Weltanschauung bzw. Religion eigene Systeme entwickelt; im islamischen Bereich sind dies die sogenannten „Zielsetzungen der islamischen Lebensweise“.
Betrachten wir diese hinsichtlich des menschlichen Lebens, so geben sie unter anderem als unveräußerliche Aspekte vor:

-    Der Schutz des eigentlichen Lebens: Der Schutz des Lebens umfasst neben einer operativen Lebenserhaltung auch das Recht auf angemessene Versorgung, die ja für die Aufrechterhaltung des Lebens unabdingbar ist. Diese Versorgung umfasst aber nicht nur körperliche, sondern auch seelische und spirituelle Betreuung, da der Mensch in seiner Schöpfungsart aus Körper, Seele und geistiger Kraft besteht.
-    Der Schutz der menschlichen Würde: dadurch werden alle Aspekte betroffen, die - gemäß allgemeiner, aber auch gemäß kulturell-traditioneller Sicht die Würde des Menschen ausmachen.

Von daher bedarf es einer eingehenden Untersuchung, um Chancen und Risiken der Lebensstützung und Digitalisierung im ethischen Licht und gemäß der religiösen Normen abzuwägen.

Jüdische Perspektive

Dr. Willy Weisz
Jüdische Patientenbetreuung am AKH Wien
Dass die Informationstechnik bei der Behandlung und Betreuung alter und kranker Menschen eine immer wichtigere Rolle spielt und spielen muss, ist unbestritten.
Sich auf sie als letztentscheidendes Kriterium zu verlassen, ist jedoch ethisch und fachlich nicht zulässig. Der Arzt oder sonstige Betreuer können für die Entscheidungen zum Wohle von Menschen nicht aus der Verantwortung entlassen werden.
Auch die Überforderung alter und gebrechlicher Menschen durch die auf Informationstechnologie basierenden Aktivitäten kann durch eine sanfte auf „trial and error“ basierende Schulung des Verständnisses für die „modernen Methoden“ gemildert werden.
Der Schutz der Privatsphäre ist ein wertvolles Gut, das jedoch in sein Gegenteil verkehrt wird, wenn eine am Buchstaben klebende oder gezielt zur Förderung von Intransparenz eingesetzte Interpretation der vorhandenen Vorschriften angewendet wird. Auch hier muss das Wohl der zu Betreuenden im Vordergrund stehen.

Christliche Perspektive

Katharina Schoene M.Ed. M.A.
Diakonin der Evangelischen Kirche A.B.
Klinische Krankenhaus- und Geriatrieseelsorgerin
Psychotherapeutin in Ausbildung
Abstract:
Technologische Innovationen helfen uns, bis in hohe Alter aktiv zu bleiben und unser Leben selbstbestimmt unseren Gewohnheiten entsprechend zu gestalten. Wir erleben, dass fast alle unserer „Verluste“ durch technische Hilfen kompensiert werden können. Doch ist das für Menschen im Alter wirklich so? Erleben Sie sich noch als vollständige und innerlich heile Menschen? Welche Rolle spielt der innere Rückzug bei älteren Menschen? Und wie steht es mit der Würde jedes Einzelnen? Sind manche technologischen Fortschritte nicht auch menschenunwürdig und machen Menschen zum Objekt? In der seelsorgerlichen Begleitung geht es immer um die unmittelbare Begegnung zwischen Menschen – mit Allem und ohne Allem. Einige diesbezügliche Gedanken sollen im Rahmen des Seminars zur Anregung mitgegeben werden.
Ort: Hörsaal 5 im Hörsaalzentrum der MedUni Wien im AKH Wien

 

 

3. Einheit: Do., 28. November 2019, 16:00–18:00 Uhr

Digital Natives – Einfluss von Technologie und Digitalisierung auf das sich entwickelnde Kind
Ort: Hörsaal 5 im Hörsaalzentrum der MedUni Wien im AKH Wien

Referenten:Prof. Dr. Christoph Aufricht, Dr. Lukas Kaltenegger, beide Universitätsklinik für Kinder und Jugendheilkunde Wien, Prof. Dr. Christian Popow, Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie

Abstract:
„Digital Natives“ (Mark Prensky) beschrieb 2001 die Generation von Kindern, die in einer digitalisierten Welt aufwachsen, in der Computer und Smartphones vom Babyalter an „dazugehören“. Heute, 18 Jahre später, sehen wir Vor- und Nachteile aus einer differenzierteren Perspektive, und neue Begrifflichkeiten wie „Digital Orphans“, „Digital Exiles“ und „Digital Heirs“ kategorisieren die sozialen Phänomene der Digitalisierung im Alltag.Vor diesem Hintergrund wird Christian Popow versuchen, Wirkung und Gefahren der Digitalisierung,  insbesondere die Veränderungen von Freizeitverhalten, Interaktion, Kommunikation, Kulturverständnis usw. aus der Sicht eines Kinderarztes und Kinderpsychiaters darzustellen. Die Faszination der digitalen Spielwelt und ihre Folgen stehen dabei im Mittelpunkt. In Folge wird Lukas Kaltenegger aus Sicht eines jungen Arztes die Bedeutung und Chancen der Digitalisierung in der medizinischen Betreuung von Kindern und Jugendlichen an der MedUni anhand aktueller Projekte darstellen, sowie als Vater sehr junger Kinder seine persönlichen Gedanken zum Umgang mit der Digitalisierung aus Sicht des Kinderarztes mit dem Publikum teilen. Selbst zur Zeit des Erwachens des World Wide Webs aufgewachsen wird er außerdem über die Erfahrungen mit seiner eigenen "Digitalisierung des Erwachsenwerdens" reflektieren.Auf Basis dieser Vorträge von medizinisch-wissenschaftlichen Experten können weitere ethische und spirituelle Überlegungen interdisziplinär diskutiert werden, um aus eventuell unterschiedlichen Ansichten lernen zu können.

Christlicher Input

Vikar Jörg Kreil, Mth, evangelische Pfarrgemeinde Wien-Ottakring und evangelische klinische Seelsorge im AKH

You only live online
Eine schöne, neue Welt hat sich der Mensch selbst erschaffen. In dieser digitalen Schöpfung kann er sich selbst zu einem gottartigen Wesen emporschwingen. Gerade die Möglichkeit, hier alles sein zu können, was und wie man möchte, birgt aber auch die Gefahr, der analogen Welt gänzlich den Rücken zuzukehren. Auch wenn sich die Seelsorge meist in der analogen Welt ereignet, sollte die Lebenswelt der digital Natives ernst genommen werden. Damit geht für die Seelsorge die Erkundung in einer neuen, digitalen Welt einher, ebenso wie die Frage wie und wo sie dort ihren Platz finden wird. All die Errungenschaften der Technologisierung, der Digitalisierung und der Erschaffung einer Welt, die gänzlich dem Menschen untersteht, wirft aber ebenso einige Fragen auf. Werden, mit all den Vorteilen der digitalen Schöpfung, nicht auch gleichzeitig genau die Werkzeuge erschaffen, mit denen sich der Mensch selbst ablöst? Das richtige Verhältnis vom Leben in der analogen und digitalen Welt muss noch gefunden werden, aber genau diese Entdeckungsreise bietet das Potenzial, das Beste aus zwei Welten zu vereinen.

Buddhistischer Input

Gerhard Weißgrab
Präsident der Österreichischen Buddhistischen Religionsgemeinschaft
Digitalisierung ist heute gewöhnlicher Alltag und die sog. „Digital Natives“ sind auch schon in die Jahre gekommen. Das heißt aber noch lange nicht, dass wir auch schon alle damit in Verbindung stehenden Fragen beantwortet und Probleme gelöst hätten. Da stehen wir noch ganz am Beginn.  Und gerade aus buddhistischer Sicht geht es da weniger um das Befolgen von Vorschriften, sondern eher um das genaue Hinschauen und Wahrnehmen, welche Folgen diese neue Technik hat. Folgen, von denen der Buddha sicher noch keine Ahnung hatte, aber sein Postulat der Allverbundenheit und der Gesetzmäßigkeit von Ursache und Wirkung lässt sich auf alles anwenden, also auch auf die Problematiken von Digitalisierung und darauf, was es bedeutet, wenn  die neue Technik und Digitalisierung unser Umfeld grundlegend verändert und fixer Bestandteil des Lebens, bereits von Geburt an, ist. Wir sollen und können uns auf keine alten Vorschriften verlassen, sondern müssen eine Bereitschaft dafür entwickeln, unser Gewahrsein auf mögliche heilsame oder unheilsame Folgen dieser neuen Wege zu fokussieren. Aus dieser Wahrnehmung heraus sind wir gefordert, Verhaltensweisen ethisch zu beurteilen und als Empfehlungen weiter zu geben. Oberster Wertmaßstab bleibt dabei immer das Wohl aller fühlenden Wesen und größtes Problem wird immer die Realität sein, dass jede Entwicklung zwischen den Polen positiv und negativ changiert. 

Jüdischer Input

Dr. Willy Weisz, Jüdische Patientenbetreuung am AKH Wien
Wie „Digital Natives“ lernen, mit sich, ihrer Umwelt und der Technik umzugehen, hängt in erster Linie davon ab, wie ihre Lehrer, sowohl die Eltern wie die Berufspädagogen, sie dabei anleiten. Das große Problem dabei ist, dass diese es im Allgemeinen nicht können, da auch sie es nicht gelernt haben.
Die radikale Methode, Smartphone und Computer nicht zu Kraken werden zu lassen, ist ihre Verwendung ganz zu unterbinden. Sie wird in einigen Gruppierungen des extrem streng observanten Judentums eingesetzt. Dort sind die einfachen Handys ohne Internetzugang auch heute noch ein Verkaufsschlager. Für Kinder bedeutet dies natürlich den großen Nachteil, dass sie immer wichtiger werdende Fähigkeiten nie erlernen. Eine mildere Form der Abschirmung der Kinder und Jugendlichen, aber auch der Erwachsenen ist der Einsatz von „religiös zertifizierten Filtern“, die „unerlaubten“ Inhalt unterbinden. Wer dabei an den gerade erst 1966 abgeschafften „Index“ der katholischen Kirche denkt, hat nicht unrecht. Die beste Methode besteht darin, gemeinsam mit Kindern die Inhalte von Informationen, die im Internet angeboten werden, zu analysieren und zu diskutieren.
Für die Folgen des exzessiven Internetkonsums wie das Verlernen, in Büchern zu lesen, oder mit Gleichaltrigen oder Familienmitgliedern zusammenzukommen und zu interagieren, hat die jüdisches Religion ein probates Mittel: Nach heutigem Verständnis umfasst das biblische Arbeitsverbot am Schabbat (vom Sonnenuntergang am Freitag bis Einbruch der Nacht am Samstag) das Schalten von elektrischem Strom, also ist auch die von Menschen ausgeführte Eingabe in elektronische Geräte verboten. Gleiches gilt zusätzlich für die anderen Feiertage. Da die „schöne elektronische Welt“ jede Woche zumindest einen Tag lang ausfällt, wird das Lesen von Büchern als Freizeitbeschäftigung auch nicht verlernt.

Islamischer Input

Dr. Abdurrahman Reidegeld, Institut Islamische Religion an der KPH Wien/Krems und Erkan Erdemir, MA, Islamische Spitalseelsorge Österreich
Der Mensch und die gesamte Weltgemeinschaft ist in einer Interaktion mit der digitalen Welt eingebunden, aber leidet zunehmend daran, dass sie sich selbst verliert. Wenn der Bezug zu den Sinnen, das Begreifen (im wahrsten Sinne „Be-greifen“) immer mehr durch eine digitale Vorspiegelung ersetzt wird, besteht die Gefahr, dass auch menschliche Gefühle sich auf die digitale Welt verschieben.
Im ehrenwerten Qur’an wird beschrieben, dass der Weg des Selbst-Verlustes mit der Selbst-Lüge und der Missachtung der Gaben beginnt, die Gott den Menschen zur Verfügung stellt („Und wenn die Bewohner der Städte geglaubt und Gottesfurcht gezeigt hätten, dann hätten Wir Ihnen die Segnungen von Himmel und Erde eröffnet, doch sie zogen es vor zu lügen, und so erfasse sie das, was sie auf diese Weise zu erwerben pflegten“) (Sure al-A‘rāf, Vers 96).
Zweifellos hat die Digitalisierung auch viele Erleichterungen gebracht und etliche Vorgehensweisen erst ermöglicht, aber sie ist auch zu einer Quelle der Scheinbarkeit und Ent-Wirklichung geworden: vielleicht hat jemand in den digitalen Socialmedia tausende von Freunden, aber wenn es mir schlecht geht, gibt es niemanden von ihnen in der festkörperlichen analogen Welt, der dem Menschen beisteht.
Auf die Frage des Warum und Wohin findet die Menschheit im Digitalen keine Antwort. Um so wichtiger, dass es zumindest weiterhin eine Welt der Innerlichkeit, der Transzendenz und Erfüllung gibt, auf die der Mensch wie eine Kompassnadel ausgerichtet bleibt, damit er in der postmodernen Umgebung seinen Lebenslauf nicht ins Sinnlose und Leere laufen lässt.
Ort: Hörsaal 5 im Hörsaalzentrum der MedUni Wien im AKH Wien

 

 

4. Einheit: Do., 23. Jänner 2020, 16:00–18:00 Uhr
Kommunikation in Gesundheitssystemen: Auswirkungen von Technologie und Digitalisierung auf das ÄrztInnen-PatientInnenverhältnis
Ort: Hörsaal 5 im Hörsaalzentrum der MedUni Wien im AKH Wien

Referentinnen:
Dr. Maria Kletecka-Pulker
Stv. Leiterin des Instituts für Ethik & Recht in der Medizin, Universität Wien
Ludwig Boltzmann Institut für Digital Health and Patient Safety Wien
UND   
Assoc.-Prof. Priv.-Doz. Dr. Eva Schaden
Universitätsklinik für Anästhesie, Allgemeine Intensivmedizin und Schmerztherapie, Medizinische Universität Wien
Ludwig Boltzmann Institut für Digital Health and Patient Safety Wien


 „Zuerst heile mit dem Wort, dann durch die Arznei und zuletzt mit dem Messer.“ (Asklepios)
Eine gelingende und vor allem qualitätsgesicherte Kommunikation ist ein zentrales Element in der Gesundheitsversorgung. Das Patientengespräch nimmt dabei eine zentrale Stellung ein, da es eines der wichtigsten Untersuchungs- und Therapieinstrumente darstellt. Durch die Digitalisierung entstehen viele neue Formen der Kommunikation und es gilt nun die Vor- und Nachteile zu evaluieren.  Die Kommunikation über Videokonferenzen bringt z.B. eindeutig Vorteile gegenüber "bloßen" Telefonaten, da rund 1/3 der Kommunikationsinhalte nonverbal übermittelt wird. Bringt die digitale Kommunikation aber auch Vorteile gegenüber der persönlichen unmittelbaren "analogen" Kommunikation? 
Viele Menschen sind skeptisch gegenüber der digitalen Kommunikation und sehen darin die Gefahr der Entfremdung. Durch die Digitalisierung wird aber auch Kommunikation, die es aufgrund fehlender Ressourcen gar nicht mehr gibt, wieder ermöglicht (z.B. ärztliche Betreuung in Pflegeheimen). Dies führt dann wieder zu einer Erhöhung der gesundheitlichen Chancengerechtigkeit, die entsprechend dem österreichischen Gesundheitsziel 2 für alle Menschen in Österreich sichergestellt werden soll. In manchen Settings kann eine nicht persönliche Anwesenheit sogar Vorteile mit sich bringen, wie z.B. Objektivität und bessere Abgrenzung.
Aus der Kommunikation mittels Maschinen wird sich unweigerlich auch die vermehrte Möglichkeit für Kommunikation mit Maschinen entwickeln (Stichwort Pflegeroboter). Hier gilt es vorzusorgen, dass die Menschlichkeit in der Betreuung nicht verloren geht.
Bei aller  Begeisterung für die neuen Technologien darf nicht außer Acht gelassen werden, dass das Aufwachsen mit diversen neuen Medien auch die kommunikative Entwicklung der nächsten Generationen (sog. Digital Natives) stark beeinflusst. Das Gespräch (conversation)  tritt zugunsten des schriftlichen „in Verbindung stehens“ mittels email, SMS, WhatsApp etc. (connection) in den Hintergrund. Die Fähigkeit zuzuhören und nonverbale Signale zu interpretieren geht zunehmend verloren. Damit reduziert sich auch die Empathiefähigkeit deutlich. Zukünftig muss daher auch die Vermittlung von Basics der Kommunikation in die Ausbildung von ÄrztInnen und anderen Gesundheitsberufen integriert werden.

 

Christlicher Input

Pfr. Mag. Arno Preis, evangelische Klinische Seelsorge im AKH

Die digitale Revolution ist eine Realität, die eine offene Auseinandersetzung erfordert: von den Religionen, den Kirchen, der Gesellschaft, der Politik und jedem einzelnen Menschen. Chancen und Gefahren der digitalen Entwicklung und deren Auswirkungen auf das Menschenbild verlangen nach intensiven Nachdenk- und Diskussionsprozessen.
Eine biblische Weisheit besagt, dass der Mensch das Ebenbild Gottes sei, ausgestattet mit freiem Willen und der damit verbundenen Fähigkeit zum freien Handeln. Damit einher geht der menschliche Drang, gewonnene Erkenntnisse jeglicher Art, in die Anwendung zu überführen. Potenziert die Digitalisierung möglicherweise diese dem Menschen innewohnende Verführbarkeit, ethische Grenzen zu überschreiten?
Die Grenzen zwischen Menschen und Maschine verschwinden immer mehr. In der Medizin wird bereits mit Daten, die durch Algorithmen gewonnen werden, über Lebensschicksale entschieden. Diese Sammlung von personenbezogenen Daten begründet auch eine ökonomische Macht, die zu politischer Macht führt. Machtmissbrauch und digitale soziale Ausgrenzung können nur vorgebeugt werden, wenn neben den Algorithmen die Menschenwürde ernsthaft berücksichtigt wird.
Angesichts der computerisierten, digitalisierten Welt kann das biblische Verständnis des Menschen und des Lebens Orientierung geben. In seinem Zentrum steht die Würde des Menschen und die Freiheit der menschlichen Entscheidung. Die christlich-theologischen gedanklichen Zugänge können einen wichtigen Beitrag liefern, um die Entwicklung der Technologien unter der Prämisse voranzutreiben, dass der Mensch weiterhin im Mittelpunkt steht.   


Buddhistischer Input

Gerhard Weißgrab, Österreichische Buddhistische Religionsgemeinschaft

Es besteht kein Zweifel, dass gerade die zunehmende Digitalisierung und Technisierung einen ganz wesentlichen Einfluss darauf hat, wie wir in Zukunft miteinander kommunizieren werden. Dieser Einfluss ist schon heute unübersehbar und wird weiter zunehmen. Besonderes Augenmerk verdient hier die Entwicklung im Gesundheitssystem. Nicht nur, aber auch, durch ständig steigenden Kosten- und Leistungsdruck in diesem Bereich, lauern dort besondere Gefahren.
Die Zuwendung von Mensch zu Mensch, die besonders auch in der Form eines Gespräches von Angesicht zu Angesicht stattfindet, ist zugleich auch ein Heilmittel, das nicht hoch genug wertgeschätzt werden kann. Das zeigt sich in der Lehre des Buddha auch dadurch, dass fast wortgleich im „Edlen Achtfachen Pfad“, sowie in den „Fünf Ethikregeln“ von der Notwendigkeit einer „achtsamen Rede“ gesprochen wird.
Der Buddhismus hat sich nie gegen wissenschaftlichen Fortschritt ausgesprochen, was er aber immer fordert, ist ein Gewahrsein auf dessen Auswirkungen und Folgen für alle fühlenden Wesen und die gesamte Natur. In diesem Sinne gilt es, die zunehmende Digitalisierung und Technisierung der Kommunikation in der Medizin besonders achtsam umzusetzen. Es gilt, ein sorgfältiges Anwenden und ständiges Evaluieren sicher zu stellen. Und es gilt im Auge zu behalten, dass es immer einen Raum dafür geben muss, wo Kommunikation niemals an Maschinen delegiert werden kann, sondern ausschließlich zwischen Menschen stattfinden sollte. 


Jüdischer Input

Dr. Willy Weisz, Jüdische Patientenbetreuung am AKH Wien

In der Torah, den 5 Büchern Mose, wird die Kommunikation mit dem Ewigen immer als eine des gesprochenen Wortes allein dargestellt. Jegliche bildliche Darstellung Gottes ist nicht erlaubt, womit auch die Anbetung von Bildern oder dreidimensionalen Darstellungen verboten ist. In Dt 2,12 heißt es bezugnehmend auf die Offenbarung am Sinai: „Ihr hörtet den Donner der Worte. Eine Gestalt habt ihr nicht gesehen.“ Das zentrale Kommunikationsvehikel ist das Wort, und wenn es gesprochen wird, auch der Tonfall, aber nicht das Bild.

Auch die ersten elektrischen, als Vorgänger der elektronischen, Kommunikationsmittel waren rein akustischer Natur: Telefon, Radio, Tonträger. Man war gewohnt hinzuhören.
Bereits in der Erzählung vom Auszug aus Ägypten erweist sich das totale Bilderverbot als für die menschliche Natur schwer einhaltbar. Während Moses am Berg Sinai die Göttliche Lehre erhielt, wurde am Fuße des Berges ein goldenes Kalb gegossen und als „Darstellung“ zwar des Einen und Einzigen Gottes – aber doch verbotener Weise – angebetet, wie in Exodus 32, 1-4 berichtet wird. Die Entwicklung der Medien ging auch immer mehr zur Übermittlung von Bildern über. Selbst die Kommunikation mit Computern, die ursprünglich über Textein- und ausgaben erfolgte, wird heute hauptsächlich über das Ansteuern und Anklicken von Icons, also bildlichen Darstellungen, gesteuert und die Ausgaben sind meist Stand- oder bewegte Bilder. Ob dabei auch Texte gesprochen werden, ist oft nur nebensächlich, wichtig ist eine gute optische Aufbereitung.

Auch in der Mensch-zu-Mensch-Kommunikation wird heute zu oft nicht richtig hingehört, geschweige denn auf Nuancen der Wortwahl und akustischen Darstellung achtgegeben. Auch das Gespräch zwischen Patienten und Arzt wird schwieriger, wenn nicht genau geachtet wird, was der Gesprächspartner sagt, und wie er es sagt. Auch Rückfragen sind wichtig, kosten aber jene Arbeitszeit, die im heutigen Gesundheitssystem nicht mehr zur Verfügung steht. Ein zusätzliches Problem liegt in der Verwendung von Fachausdrücken, die dem Patienten nichts sagen, weswegen Rückfragen meist ausbleiben.

Die Beobachtung von Mimik und Körpersprache liefert zwar wichtige Zusatzinformationen, die aber das Gesprochene nicht ersetzen können. Auch das Konzept „ein Bild sagt mehr als 1000 Worte“ gilt meist nur für die Kommunikation von Leuten aus verwandten Arbeitsgebieten, die aus den Bildern die gleichen Informationen extrahieren können.

Der verbalen Kommunikation sollte in Zukunft wieder eine größere Bedeutung beigemessen werden. Wobei nicht nur auf das verständliche Vermitteln von Informationen sondern auch das Spüren-lassen von Empathie im Arzt-Patientengespräch Wert gelegt werden sollte – mit oder ohne Vermittlung durch elektronische Medien.