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Seminarreihe Ethik und Ethos in der Klinischen Krankenhausseelsorge und in der Universitätsmedizin - Sinn, Wissenschaft, und Religion im Kontext der Suizidalität

Events

24. Jänner 2019
16:00-18:00

 

Hörsaalzentrum der MedUni Wien im AKH Wien, Hörsaal 2.

 

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3. Einheit:  Sinn, Wissenschaft und Religion im Kontext der Suizidalität

Gunter Prüller-Jagenteufel, Systematische Theologie und Ethik, Uni Wien
Das Verhältnis von Religion(en) und Suizid ist komplex. Die christlichen Kirchen lehnen den Suizid im Allgemeinen ab, obwohl sich auch hier Differenzierungen ergeben. Von der katholischen Kirche ist bekannt, dass sie im Suizid die ultimative Zurückweisung Gottes sah und daher Suizidanten die kirchliche Bestattung verweigerte. Schon weniger bekannt ist, dass dieses Verbot im 20. Jahrhundert gelockert wurde und seit 1983 überhaupt nicht mehr existiert; d.h. de iure nicht mehr existiert, weil in Ländern mit deutlich konservativer katholischer Mehrheit wird dies weiterhin so gehandhabt. Die evangelische Kirche steht dem Suizid – u.a. auch der Beihilfe zum Suizid, wesentlich liberaler gegenüber. Noch vielgestaltiger wird die Landschaft, wenn man die anderen monotheistischen Religionen in den Blick nimmt, oder fernöstliche Religionen.

Weniger bekannt ist, dass der Hintergrund für diverse religiöse Argumentationen für bzw. gegen den Suizid auf die antike Philosophie zurückgeht: Platon und Aristoteles lehnten den Suizid bedingungslos ab – für Platon war es ein Verbrechen gegen "das Göttliche", von dem her den Menschen das Leben zukommt, für Aristoteles ein Verbrechen gegen den Staat, gewissermaßen "Fahnenflucht" vor den Verpflichtungen, die man für die Gemeinschaft trägt. Im Gegensatz dazu sahen etliche Vertreter der Stoa, am bekanntesten wohl Seneca, im Suizid einen durchaus eleganten Ausweg vor drohendem Siechtum und begründeten das Recht auf den Suizid mit der Berufung auf die Freiheit des Menschen.
Zwischen diesen Polen geht auch heute noch die religiöse und philosophische Auseinandersetzung: Die einen sehen im Suizid das ultimative Sakrileg, die anderen die ultimative Freiheit. Die mittlere realistische Position sieht im Suizid vor allem die menschliche Tragödie, die dahinter steckt und investiert nicht wenig (Personal-)Ressourcen zur Suizidprävention (z.B. Telefonseelsorge, die von professionellen Psychotherapeuten begleitet wird).

Im Referat werden die verschiedenen Aspekte dargestellt und die zugrundeliegenden Menschen- und Gottesbilder beleuchtet, um zu einer – hoffentlich lebhaften und auch kontroversen – Diskussion zu kommen.

 

Ethische Betrachtungen auf den Suizid aus einer persönlichen Sicht, gründend auf den Reflexionen des Psychotherapeuten Erwin Ringel
Johannes A. Hainfellner, MedUni Wien

„Das geknickte Rohr zerbricht er nicht,
und den glimmenden Docht löscht er nicht aus“ (Jesaja 42,5)

Es kann angenommen werden, daß jeder Mensch grundsätzlich leben will.
Aufgrund der Fähigkeit zur Selbstreflexion kann der Mensch aber die Begrenztheit seiner Existenz erfassen, und auch die Möglichkeit erwägen, diese selbst zu beenden. Demgemäß ist die persönliche Auseinandersetzung mit dem Suizid dem selbstreflektierenden und freidenkenden Menschen naturgegeben, und wohl auch gar nicht vermeidbar.

Einen gemeinsamen Nenner bei der Entwicklung suizidaler Tendenzen dürften persönliche Einengungen mit subjektiver Ausweglosigkeit in Verbindung mit Sinnentleerung und persönlicher Identitätskrise finden.

Die Medizin ist wohl in besonderer Weise berufen, im Sinne einer Lebenshilfe nach Ansatzpunkten zu suchen, welche Suizid-gefährdeten Personen helfen, Wege aus ihrer persönlichen Krise zu finden, und neue Lebensfreude wiederzugewinnen, und zudem auch Ansatzpunkte zu finden, die der Entwicklung suizidaler Tendenzen vom Grundsatz her entgegenwirken.

Anknüpfpunkte dafür finden sich a) im Bereich der Persönlichkeitsbildung und Sozialisierung, b) im Bereich der medizinischen Wertehaltung, und c) im geistigen Klima des jeweiligen Lebens- und Arbeitsumfeldes.

Ad a): Im Bereich der Persönlichkeitsbildung ist es wichtig, die Bereitschaft und die Fähigkeit zu entwickeln, sich und sein Leben kritisch zu reflektieren. Es soll dabei die Ausformung des persönlichen Willens unterstützt werden, der „Leber“ des eigenen Lebens zu sein. Zudem bedarf es auch der Vermittlung von Vertrauen und Selbstvertrauen, daß Probleme im Leben, auch wenn sie noch so groß erscheinen, grundsätzlich lösbar sind.
Bei der Sozialisierung unserer Kinder und Jugendlichen (z.B. in Kindergärten und Schulen) ist es wohl von zentraler Bedeutung, ein menschliches Miteinander einzuüben, und Verständnis und einen Blick für das anders geartete Wesen und die Bedürfnisse der Kollegen und Kolleginnen zu entwickeln. Es soll dadurch insbesondere zur Ausformung von gemeinschaftlicher Solidarität und eines „Ohres“ für Hilfesignale der Nächsten kommen. Auf diese Weise besteht die Chance, gemeinschaftlich eine grundsätzliche Liebe zum Leben zur Entfaltung zu bringen, welche auch in nicht so günstigen Lebenslagen Wirkung zeigen kann.

Ad b): In der medizinischen Wertehaltung dürfte von zentraler Bedeutung sein, sich klar auf die Seite des Lebens zu stellen, und das menschliche Leben, das eigene, wie auch das des anderen, egal in welcher Lage und Existenzweise, als grundsätzlich wertvoll zu betrachten. Diese medizinische Wertehaltung bedarf einer klaren Kommunikation in unsere Gesellschaft hinein.

Ad c): In unserem jeweiligen Lebens- und Arbeitsumfeld bedarf es eines benevolenten, das Leben unterstützenden anti-suizidalen Klimas, welches jedem Mitglied in glaubhafter Weise die Botschaft vermittelt, daß die jeweilige Person und ihr Platz in der Gemeinschaft Wert und Bedeutung hat.
Zudem bedarf es einer kultivierten Sensibilität in bezug auf Hilfesignale Suizid-gefährdeter Menschen, die wahrgenommen und gegebenfalls aktiv adressiert werden müssen.
Weiters sollte eine professionelle Unterstützung für Krisenintervention und Suizidprävention verfügbar sein, die allgemein und niederschwellig zugehbar ist.
Schließlich bedarf es einer kontinuierlichen Auseinandersetzung im jeweiligen Lebens- und Arbeitsumfeld mit der Frage: habe ich / haben wir das getan was ich / wir tun können, um die Suizid-Gefährdung unseres Nächsten zu erkennen, und ihm / ihr aus der persönlichen Krise herauszuhelfen?

 

Weitere Informationen zur Seminarreihe

 

» 4. Einheit: 21. Februar 2019

 

Programm

 

Hörsaalzentrum der MedUni Wien im AKH Wien.