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Max-Planck-Gesellschaft stellt sich der NS-Vergangenheit

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(Wien, 03-08-2017) Die deutsche Max-Planck-Gesellschaft (MPG) finanziert ein Projekt zur Geschichte der Hirnforschung an Opfern des NS-Regimes im Rahmen der MPG und ihrer Vorgängergesellschaft. Auslöser war der neuerliche Fund von entsprechenden Hirnpräparaten in Archiven in Berlin und München. Das seit 1. Juli laufende Projekt wird von einem Team renommierter WissenschafterInnen durchgeführt – darunter der Zeithistoriker Herwig Czech von der MedUni Wien.

„Auf uns wartet die Aufgabe, Krankenakten von Euthanasieopfern zu lokalisieren und mit den gefundenen Präparaten zu verknüpfen“, erklärte Herwig Czech, „aufgrund von entsprechenden Vorarbeiten wissen wir, wo wir suchen müssen“. Analysiert werden z.B. Unterlagen der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften (der Vorläuferorganisation der heutigen Max-Planck-Gesellschaft) und deren Instituten, Krankengeschichten aus psychiatrischen Anstalten in ganz Deutschland und Österreich sowie Unterlagen aus dem Deutschen Bundesarchiv.

„Die Aufgabe ist es, alle Opfer von NS-Unrechtstaten namentlich zu identifizieren und dann auch eine belastbare Zahl der Opfer festzustellen“, sagte der Münchner Historiker Gerrit Hohendorf vom Institut für Geschichte und Ethik der Medizin an der TU München, der ebenfalls an dem Projekt mitwirkt. Dritter Projektleiter im Team ist Paul Weindling von der Oxford Brookes University bzw. der Leopoldina in Halle an der Saale.

Umfassende Archivbestände werden überprüft
Für die auf etwas mehr als drei Jahre angesetzte Arbeit stellt die MPG 1,5 Millionen Euro bereit. Auf die Forscher warten umfangreiche Recherchen. Tausende Hirnpräparate und die Akten von vermutlich 2.000 bis 3.000 PatientInnen müssen überprüft werden. „Anhand der Patientenakten, sofern sie noch vorhanden sind, kann man feststellen, ob es sich um Euthanasieopfer handelt oder nicht“, sagte Hohendorf.

Die Deutsche Forschungsanstalt für Psychiatrie (DFA) als Vorgänger des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie leistete Zuträgerdienste für die „Erbgesundheitspolitik“ der Nationalsozialisten. Einer der Direktoren, Ernst Rüdin, war einer der einflussreichsten Rassenhygieniker des Dritten Reiches.

Ziel ist es, die Opfer namentlich zu identifizieren, ihre Geschichte zu dokumentieren und die von ihnen stammenden Präparate beizusetzen. Zwar waren 1990 Präparate aus der NS-Zeit auf dem Münchner Waldfriedhof beigesetzt worden, in jüngster Zeit wurden jedoch weitere Hirnschnitte entdeckt.
Der Historiker Herwig Czech hat sich bereits früher mit einschlägigen Themen beschäftigt, z.B. als Kurator der „Gedenkstätte Steinhof“ im Otto-Wagner-Spital und als Autor zahlreicher Publikationen zur Geschichte der Medizin im Nationalsozialismus.

Das Projekt, das neben historischen auch medizinethische Fragestellungen zur Verwendung menschlicher Gewebe in der Forschung betrifft, wird das Profil der Organisationseinheit „Ethik, Sammlungen und Geschichte der Medizin“ mit dem UNESCO-Chair für Bioethik von Christiane Druml weiter stärken.