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Vorlesungsreihe Ethik und Ethos in der Klinischen Krankenhausseelsorge und in der Universitätsmedizin: Ab heute ist alles anders – schwerste bleibende und neurologische Defektzustände

Events

25. January 2018
16:00 PM - 18:00 PM

Medizinischer Campus AKH Wien
Hörsaalzentrum, HS1
Währinger Gürtel 18-20
1090 Wien

 

Die Vorlesungsreihe "Ethik und Ethos in der Klinischen Seelsorge und in der Universitätsmedizin" widmet sich im Wintersemester 2017/18 dem Schwerpunktthema "Sterben und Tod im Krankenhaus - theoretische und praktische ethische Aspekte speziell für Studierende". Zielgruppe sind Studierende der Medizin und Medizinischen Wissenschaften (Wahlfach bzw. Seminar) und alle Personen, die sich im akademischen Sinne mit dem Schnittpunkt Medizin-Ethik-Seelsorge-Religion auseinandersetzen wollen. Für ÄrztInnen gibt es DFP-Fortbildungspunkte. Die Seminareinheiten finden am 19.10., 23.11., 14.12. und 25.1. jeweils im Hörsaal 1 des Hörsaalzentrums statt (Zeit: 16.00 - 18.00 Uhr).

 

Vorträge am 25.1.2018:

Patienteninformation, Compliance, Motivation  bzw. der Sinn des Leidens
Georg Fraberger, Klinischer Psychologe/Gesundheitspsychologe
Univ. Klinik für Orthopädie, Allgemeines Krankenhaus Wien

Die Medizin konzentriert sich bei der Behandlung auf wissenschaftliche Erkenntnisse, die logisch nachvollziehbar sind und den Patienten als sogenannte Patienteninformation weitergegeben werden. Hierbei wird leicht vergessen, dass der Körper mehr ist als blosse Materie und das Leben mehr ist als dass man es mit Logik erklären könnte. Ein lebenswertes und gutes Leben ist auch in einem kranken und behinderten Körper möglich. Wirklich lebbar wird das nur, wenn jemand da ist, der diese Art des Denkens auch vermittelt. Die veränderten Werte in unserer Gesellschaft haben den großen Vorteil, dass jeder große Freiheit für persönliche Entscheidungen hat. Der Nachteil dieser Freiheit besteht darin, dass sich kaum jemand freiwillig für ein Leben voll von Leid und chronischer Krankheit entscheidet. Die jahrelange Diskussion um die Frage ab wann jemand ein Recht dazu hat, dass sein Leben aufgrund von dauerndem Leid und lebensunwerten Umständen beendet werden darf, widerspiegelt die Logik-fokussierte einseitige Vorstellung von Leben. Die Psychologie als Lehre über die Seele des Menschen, darf bei der Vorstellung bzw. der Idee über ein gutes Leben das Denken der Menschen mitbestimmen. Nur wer einen Sinn im Leben findet wird auch bereit sein das Leiden anzunehmen und mit der Einsicht "Das Glück ist nicht immer lustig" die logischen und oft sehr unangenehmen und drastisch lebensverändernden Behandlungen annehmen können.


Ab heute ist alles anders – schwerste bleibende und neurologische Defektzustände nach protrahierter Reanimation, schwerem Schädel-Hirn-Trauma, Subarachnoidalblutung oder Insult
Christoph Baumgartner, Neurologe
Abteilung für Epileptologie und Klinische Neurophysiologie, Kopf-Nerven-Zentrum der Medizinischen Fakultät, Sigmund Freud Privatuniversität
Karl Landsteiner Institut für Klinische Epilepsieforschung und Kognitive Neurologie
Neurologische Abteilung, Krankenhaus Hietzing mit Neurologischem Zentrum Rosenhügel, Wien

Die Möglichkeiten der modernen Medizin haben dazu geführt, dass viele Menschen mit schwerwiegenden und dauerhaften Störungen wesentlicher Hirnfunktionen langfristig überleben. Diese Zustände  werfen grundsätzliche Fragen nach der Wechselwirkung zwischen Körper und Geist, der zwischenmenschlichen Kommunikation, dem emotionalem Empfinden, der Selbst- und Fremdbestimmung und letztlich dem Menschsein an sich auf. Dies betrifft freilich nicht nur die Patienten-Angehörigen-Arzt Beziehung, sondern erfordert auch eine weiterführende gesellschaftspolitische Grundsatzdiskussion.  Im Speziellen werden die folgenden Fragen behandelt:
Die Zentralität des Gehirns – ‚neuroculture‘; Formen der Neuroethik; Neuroethik des Bewusstseins; Neuroethik in der Therapie. Diese Fragen sollen im Kontext der Erkenntnisse der modernen Neurowissenschaften, aber insbesondere aus der Sicht des klinisch tätigen Neurologen beleuchtet werden. 


Extra dolore, nulla humanitatis: es gibt keine leidensfreie Welt. Verleihen die Religionen dem Leiden einen Sinn?

Alberto Marques de Sousa, Theologe und Religionswissenschaftler, klinischer Seelsorger
AKH Kirchenrektor und Leiter der kath. Seelsorge im AKH Wien

Von der Geburt an wird der Mensch mit der Realität des Leidens  konfrontiert. Trotz aller Versprechung der modernen Medizin – sie macht den Menschen zum technischen Großprojekt - kennen wir keine leidfreie Welt. Gewisse Formen des Leidens könnten notwendig sein für die menschliche Entwicklung. Viktor Frankl würde sagen dass nicht nur schöpferisches und genießendes Leben einen Sinn hat, auch Leiden haben einen Sinn, wenn Leben überhaupt ein Sinn hat. Das Leid der Welt stellt den Gottesglauben in Frage; und die Bemühung der Theologie zu klären, warum es das Leid gibt, wenn Gott die Menschen liebt und auch die Macht hat, das Übel zu verhindern (die Theodizee-Fragen),  ist keine leichtere Aufgabe. Der Versuch Leid auf traditionelle Weise zu erklären als eine Strafe Gottes und Folge der Sünde, wird entlarvt als „sadistische Theologie“ und als projektive Flucht vor der Verantwortung (Albert Camus). Anders zu verstehen ist bei der Prozesstheologie, die sich vor allen auf das Argument der Evolution stützt. Nach Auffassung der Prozesstheologie kann Gott keine Wunder wirken. Er ist jedoch beständig dabei, die leidenden Menschen zu guten Werken und Gedanken zu inspirieren. Gott kann nichts erzwingen, sondern nur motivierend wirken.  Zum letzten, haben wir die Theologie der Compassion, im Sinne von J. B. Metz, in welcher Jesu Blick galt primär nicht der Sünde, sondern dem Leid der Menschen, die übersehen wurden und vergessen waren. Diese Menschen die für sich selbst schon gar nicht mehr sprechen können, die getötet und umgebracht wurden. Compassion ist zu verstehen als Mitleidenschaft, als teilnehmende, als verpflichtende Wahrnehmung fremden Leids, als tätiges Eingedenken des Leids anderer.

 

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