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Anorexie: Kein Zunehmen durch neue Antipsychotika

(Wien, 10-03-2015) Eine Pharmakotherapie mit Antipsychotika der zweiten Generation führt bei stark untergewichtigen PatientInnen mit einer Anorexia nervosa nicht zu einer Gewichtszunahme. Das konnten ForscherInnen von der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der MedUni Wien im Rahmen einer aktuellen Metaanalyse aufzeigen, die im renommierten Fachmagazin „Psychotherapy and Psychosomatics“ publiziert wurde.

Anorexia nervosa (Magersucht) tritt mit einer Häufigkeit von etwa 0,7 Prozent in der Bevölkerung auf und ist durch ein sehr niedriges Körpergewicht gekennzeichnet. Besonders gefährlich ist die Erkrankung deshalb, weil durch die Unterernährung sehr viele Folgeschäden für den Körper entstehen können. Die Anorexie weist eine der höchsten Mortalitätsraten aller psychiatrischen Erkrankungen auf.


In einer im Top-Journal „Psychotherapy and Psychosomatics“ publizierten Metaanalyse unter der Leitung von Siegfried Kasper von der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der MedUni Wien (in Kooperation mit dem Universitätsklinikum Tulln, der Stanford University und dem King‘s College London) sind die ForscherInnen der Frage nachgegangen, ob eine Pharmakotherapie mit Antipsychotika der zweiten Generation (so genannte atypische Antipsychotika) bei Anorexie-PatientInnen zu einer Gewichtszunahme führt. Einige Antipsychotika der zweiten Generation können nämlich bei PatientInnen, die an anderen psychiatrischen Krankheitsbildern (wie zum Beispiel einer Schizophrenie) leiden, als Nebenwirkung zu einer Gewichtszunahme führen.


Daher wurde angedacht, dass man diese Nebenwirkung möglicherweise therapeutisch bei EssstörungspatientInnen nutzen könne, um mittels Einsatz dieser Medikamente bei stark untergewichtigen PatientInnen eine Gewichtsnormalisierung herbeizuführen. Laut pharmakoepidemiologischen Studien sind aus diesem Grund die Verschreibungen von Antipsychotika der zweiten Generation bei Anorexie über die letzten Jahre kontinuierlich angestiegen.


Die ForscherInnen der MedUniWien in Kollaboration mit nationalen (Wien, Tulln) und internationalen (Stanford, London) Universitätskliniken konnten in ihrer Arbeit jedoch aufzeigen, dass eine Pharmakotherapie mit Antipsychotika der zweiten Generation bei Anorexie nicht zu einer signifikanten Gewichtszunahme führt. Darüber hinaus gab es auch keine positiven Effekte auf die Essstörungssymptomatik gemessen mit verschiedenen Beurteilungsskalen. Der Einsatz der so genannten Atypika bei Anorexia nervosa kann demzufolge nicht als evidenzbasiert angesehen werden, wenngleich einige PatientInnengruppen, wie zum Beispiel solche mit schizophrenen Komorbiditäten (zusätzliche Erkrankungen), dennoch von dieser pharmakologischen Option profitieren können.

 

Die Ergebnisse der Metaanalyse zeigen die Diskrepanz zwischen der häufigen Verordnung von Antipsychotika der zweiten Generation bei Anorexie und dem fehlenden Wirksamkeitsnachweis aus randomisierten kontrollierten Studien auf.


Service: Journal “Psychotherapy and Psychosomatics”
“Second-Generation Antipsychotic Drugs in Anorexia Nervosa: A Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials.“ Dold M, Aigner M, Klabunde M, Treasure J, Kasper S. Psychotherapy and Psychosomatics 2015; 84(2):110-116 [IF: 9.37]. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25722106

Fünf Forschungscluster an der MedUni Wien
Insgesamt sind fünf Forschungscluster der MedUni Wien etabliert. Dort werden in der Grundlagen- wie in der klinischen Forschung vermehrt Schwerpunkte an der MedUni Wien gesetzt. Die Forschungscluster umfassen medizinische Bildgebung, Krebsforschung/Onkologie, kardiovaskuläre Medizin, medizinische Neurowissenschaften und Immunologie. Die vorliegende Arbeit fällt inhaltlich in den Themenbereich des Clusters für medizinische Neurowissenschaften.

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