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[In German:] Ethikkommissionen als Gewissen klinischer Forschung

[In German:] (Wien, 07-02-2011) Die medizinische und medizinisch-pharmakologische Forschung steht seit jeher im Spannungsfeld zwischen wissenschaftlichem Fortschritt, rechtlichen Rahmenbedingungen, Unternehmensinteressen und letztlich dem Wohl der PatientInnen. Ethikkommissionen stellen in diesem Geflecht unterschiedlicher Interessen eine wichtige Kontrollinstanz dar. Der Tätigkeit dieser Institutionen widmete sich am 3. Februar eine ExpertInnenrunde im Rahmen einer Podiumsdiskussion im Institut Francaise de Vienne.

Anlass zur Diskussion bot die Präsentation der neuen Veröffentlichung "Ethikkommissionen und medizinische Forschung" der Vorsitzenden der österreichischen Bioethikkommission und Geschäftsführerin der Ethik-Kommission der Medizinischen Universität Wien, Dr.in Christiane Druml. Zusammen mit Univ. Prof. Dr. Markus Müller, Leiter Forschungssupport und Leiter der Universitätsklinik für Klinische Pharmakologie der Medizinischen Universität Wien und dem Rektor der medizinischen Universität Innsbruck, Univ. Prof. Dr. Herbert Lochs, erörterte Druml die Aufgaben und Arbeitsweisen von Ethikkommissionen im modernen Forschungsumfeld.

Feedbackgeber und Kontrollinstanz
Lochs betonte, dass die Kommissionen nicht nur in Bezug auf die Einhaltung gesetzlicher Rahmenbedingungen wichtige Arbeit leisten, sondern sieht sie auch als kompetente Rat- und Feedbackgeber bei der Planung klinischer Studien, sowie als erste, inoffizielle Instanz des Peer-Review-Prozesses. Einig waren sich Lochs und Müller, dass sich das Spannungsverhältnis zwischen der Forschung und der Kontrollinstanz in den letzten 20 Jahren deutlich verbessert hat.
Auch hinsichtlich der Frage, inwieweit die klinische Forschung äußerem Druck ausgesetzt ist und welche Rolle starke Ethikkommissionen in diesem Zusammenhang spielen können, zeichneten die Diskutanten ein deutlich positiveres Bild im Vergleich zu vorangegangenen Jahrzehnten. "Es ist enorm wichtig, dass Ethikkommissionen darauf bestehen, dass auch negative Ergebnisse publiziert werden", betonte Lochs. Einer möglichen Evidenzverzerrung, die durch Nicht-Veröffentlichung solcher Forschungsergebnisse entstehen könnte, wirken Ethikkomissionen entgegen, so der Wissenschafter.

Wissenschaftliches Outsourcing
Die Gefahr der Abwanderung teurer klinischer Forschung in Entwicklungs- und Schwellenländer mit teilweise weniger etablierten Kommissionen, ist für Lochs schon lange Realität. Aufgrund großer internationaler Anstrengungen der WHO und der UNESCO gleichen sich die Standards und Richtlinien laut Druml aber immer mehr an. "Mittlerweile hat man seitens der Unternehmen gelernt, dass Qualität das Um und Auf ist", so Müller, der trotz globalem Wettbewerb und Kostendrucks hier einen Lerneffekt seitens der Industrie sieht.
Bezüglich des Selbstbewusstseins der österreichischen klinischen Forschung sah das Podium großen Aufholbedarf. Lochs beschreibt die Einstellung in Österreich so: "Erfunden werden die Dinge ohnehin woanders und bei uns geschieht nichts wissenschaftlich Bedeutsames". Dieses Denken müsste man "ein bisschen ändern", denn es gebe "ganz exzellente WissenschafterInnen", die vor den Vorhang geholt werden sollten. Ins gleiche Horn stieß auch Müller, der in Österreich sehr viel Skepsis gegenüber Forschung und vor allem hinsichtlich des Stellenwerts der Grundlagenforschung ortet. "Österreich gibt in etwa nur halb so viel pro Kopf für Grundlagenforschung aus wie die Schweiz", so Müller. Das wäre vor allem im Hinblick darauf bedeutsam, da sich manche Firmen wichtige wissenschaftliche Fragen aus wirtschaftlichen Gründen gar nicht stellen und daher auch nicht beantworten. Hier gelte es, "das Primat der Themenwahl wieder zurück zur Gesellschaft zu holen" und dafür die geeigneten Mittel zu Verfügung zu stellen.


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