Prof.in Caroline Hutter
Univ.-Prof.in DDr.in
Professur für Pädiatrische Hämatologie und Onkologie
Ärztliche Direktorin St.-Anna-Kinderspital
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1. Warum haben Sie sich für eine wissenschaftliche Karriere entschieden?
Das war bei mir keine klassische Karriereentscheidung. Dass ich angefangen habe, Medizin zu studieren, war eigentlich auch Zufall – ich hatte überlegt zwischen Medizin, Architektur an der Akademie, und Musik. Dann ist es Medizin geworden. Ich bin sehr schnell hineingekippt, schon im ersten Semester. Es war für mich dann aber völlig klar, dass ich auch Wissenschaft machen möchte. Initial war es also einfach Interesse und ein natürlicher, fast schon kindlicher Spieltrieb - das hat sich dann entwickelt. Ich habe noch während des Studiums begonnen, in einem Labor zu arbeiten. Anfangs war da aber kein Karriereplan, keine bewusste Entscheidung, sondern Interesse. Wenn man dann arbeitet – auch schon als Student:in, wenn man famuliert – geht es dann nicht mehr nur um das eigene Interesse, sondern um die Notwendigkeit der Forschung. Ich persönlich könnte nicht mit so schwerkranken Kindern arbeiten, wenn ich das Gefühl hätte, das ist der Status quo – obwohl die Heilungschancen inzwischen wirklich schon sehr gut sind, sich die Therapien total verändert haben in den letzten 20 bis 30 Jahren. Ich denke, jede:r muss etwas dazu beitragen, dass man alle Kinder heilen kann und dass die Therapien weniger toxisch werden. Es ist nicht purer Selbstzweck oder weil es lustig ist, sondern weil es unsere Aufgabe ist. Medizin ohne Wissenschaft wäre dann ja auch keine Medizin.
2. Wie verlief Ihr wissenschaftlicher Weg?
Ich habe in Wien Medizin studiert. Ich habe dann schon relativ früh, etwa im 5. Semester, begonnen, an der Pharmakologie zu arbeiten. Prof. Freissmuth und Veronika Sexl, die damals noch nicht Professorin war, hatten studentische Mitarbeiter:innen gesucht. Das war klassische Signaltransduktion, Zellkultur, … es hat mir wahnsinnig viel Spaß gemacht. Während des Medizinstudiums war ich dann für ein Semester in London, weil es dort ein bestimmtes Kultursystem gab, das uns interessiert hat. Dort habe ich Paul Nurse reden gehört, der über eine Arbeit von Fiona Watt sprach. Er hat erzählt, dass sie die Haut verwendet, um die Regulation von Stammzellen zu untersuchen. In der Haut ist es so, dass die Stammzellen unten sind, und je reifer sie werden, gehen sie weiter hinauf in der Haut. Das heißt, die Topographie kann etwas über den Differenzierungsstatus einer Zelle aussagen. Das habe ich sehr interessant gefunden. Ich habe ihr dann geschrieben und bin nach Ende meines Medizinstudiums nach London gegangen, um bei ihr einen PhD zu machen. Als ich nach etwas mehr als vier Jahren nach Wien zurückkam, wusste ich schon, ich möchte in Richtung Hämato-Onkologie gehen. Das war aber noch zu einer Zeit, als man nicht so leicht Ausbildungsplätze bekommen hat, weil es damals die sogenannte „Medizinerschwemme“ gab. Ich habe dann einen PostDoc gemacht im IMP [Anm.: Research Institute of Molecular Pathology] bei Meinrad Busslinger und habe dann mit dem Turnus bei den Barmherzigen Brüdern in Wien begonnen – schon wissend, dass ich im St.-Anna-Spital eine Assistentinnenstelle bekommen werde – und dann im St. Anna mit der Ausbildung. Seitdem bin ich eigentlich im St.-Anna-Spital. Ich war dazwischen zwar auch im Ausland, aber ich bin dem Haus seit über 20 Jahren verbunden.
3. Was sind Ihre Stärken und wie konnten Sie diese für Ihre Karriere nutzen?
Ich bin eher gut im Vernetzt-out-of-the-box-Denken. Mir kommen gute Ideen und ich kann zwischen Dingen, die scheinbar nicht zusammenhängen, Verbindungen finden. Das ist eine Stärke.
Dann bin ich schon sehr driven und arbeite sehr viel, es macht mir Spaß und ich bin motiviert und diszipliniert, ich ziehe die Sachen durch. Wenn ich etwas machen möchte oder muss, dann arbeite ich dafür.
Sonst glaube ich, dass es hilfreich ist, wenn einem das Ego nicht zu sehr im Weg steht. Ich habe kein großes Ego - da trifft man glaube ich Entscheidungen besser, wenn man keine Eitelkeit hat, die gekränkt sein kann. Das ist wahrscheinlich hilfreich.
Weitere Stärken sind eine gewisse Authentizität und eine Offenheit in der Kommunikation und in der Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen. Man arbeitet lieber mit Leuten zusammen, denen man auch vertraut.
4. Welche waren Ihre wichtigsten Ressourcen, um Karriere machen zu können?
Die wichtigsten Ressourcen – wenn man das Ressourcen nennen darf – sind immer Menschen, mit denen man gearbeitet hat, Mentor:innen oder solche, die einem Sachen beibringen; die einem über eine fundierte wissenschaftliche Ausbildung oder das Wissen darüber, wie man ein gutes Experiment macht, hinaus auch zeigen, wie man sich in der Forschungslandschaft bewegt, was wichtig ist. Da hat es eine Reihe von Leuten gegeben. Wenn man mit guten Leuten zusammenarbeitet, ist der Rest, z.B. Infrastruktur, gar nicht mal so wichtig. Das ist schon auch sehr wichtig, aber die Leute sind das Entscheidende.
Ich hätte auch nie Karriere machen können ohne meine Familie: Ich hatte Eltern, die mir alles ermöglicht und mich unterstützt haben; meine Familie, mein Mann, meine Kinder – wir sind ein gutes Team. Anders geht es nicht.
5. Was war Ihr größter Misserfolg und was haben Sie daraus gelernt?
Die Wissenschaft besteht zu 90% aus Misserfolgen – das ist ein integraler Bestandteil dessen, was wir tun. Ich kann wahrscheinlich tausende Dinge aufzählen, die falsch gelaufen sind, aber das gehört so. Ich glaube, ein Misserfolg ist es dann, wenn man sich davon zu sehr beeindrucken lässt und aufgibt. Bestimmt gibt es Sachen, die würde ich jetzt vielleicht ein bisschen anders machen. Wahrscheinlich habe ich früher, als ich noch sehr jung war und begonnen habe, im Spital zu arbeiten, zu sehr akzeptiert, dass ich nicht die nötige Zeit habe, um auch Forschung zu betreiben. Ich habe dann viel an Nachmittagen, Abenden und Wochenenden gearbeitet. Das ist nicht rasend effizient. Es war auch ok, man lernt auch dabei unterschiedliche Dinge, aber das müsste man anders machen. Inzwischen ist es auch anders, mittlerweile gibt es das Konzept Physician-scientist, das war früher in den deutschsprachigen Ländern noch nicht so etabliert wie in England, als ich dort war. Meine damalige Chefin hat gesagt, ich soll nicht nach Österreich zurückkommen, weil ich das alles da nicht machen kann. Vielleicht hatte sie damit irgendwie recht. Das würde ich jetzt aber auch nicht Misserfolg nennen – rückblickend hätte ich wahrscheinlich vor 20 Jahren an einem anderen Ort effizienter forschen können als in Wien.
6. War es für Ihren Karriereverlauf hinderlich, eine Frau zu sein?
Ja und nein. Ich bin darüber froh, wie ich es gemacht habe, und bin auch froh, eine Frau zu sein. In der Medizin ist das Frausein allerdings sicher oft ein Nachteil. Auch das ist heute viel besser als vor 20 Jahren, aber es gibt das nach wie vor, dass man als Frau eher so gesehen wird: Man soll sich mal um die Kinder kümmern. Die Leute trauen sich vielleicht nicht mehr so sehr, das zu verbalisieren, wie sie das früher gemacht haben, aber manche machen es trotzdem – hinter geschlossenen Türen vielleicht. Als ich nach einer eher kurzen Karenz wieder arbeiten gegangen bin, habe auch ich gehört: Möchtest du nicht bei deinen Kindern sein? Das war von den Kolleg:innen gar nicht böse, sondern eher nett gemeint. Einem Mann würde man das aber nie sagen. Bei einem Mann ist es selbstverständlich, dass er auch mit einem kleinen Kind arbeiten geht. Bei einer Frau finden das viele ein bisschen seltsam und nicht passend. Es ist dann doch noch ein Teil unserer Gesellschaft – das muss man einfach ändern, auch durch Vorbilder, die zeigen: Man kann auch mit einer Familie Karriere machen, und die Familie funktioniert gut. Es kann auch einmal ein Mann zu Hause sein. Da ist sehr viel in Bewegung, aber es könnte noch ein bisschen besser gehen.
7. Falls Sie Kinder haben: Was ist bzw. war an Unterstützung besonders hilfreich?
Meine Eltern und mein Mann. Das wäre anders nicht möglich gewesen. Eine Familie, die zusammenhält und Kinder gemeinsam aufzieht und nicht sagt, die Frau bleibt jetzt zu Hause und macht das alleine.
8. Welchen Ausgleich suchen Sie in Ihrer Freizeit?
Natürlich mit der Familie zusammen sein, das ist einmal das Wichtigste. Ich bin sehr gern in den Bergen, im Sommer wie im Winter. Ich liebe Vögel – in den letzten Jahren interessiere ich mich zunehmend für Ornithologie, so wie viele. Dann Musik natürlich, und Bücher. Aber ich merke schon, weil ich jetzt so viel mit Menschen zusammen bin, bin ich gerne draußen.
9. Tipps und Tricks
Es gibt keine Tricks, finde ich. Man soll möglichst wenig tricksen. Ich glaube, man soll authentisch sein, offen sein; und es ist wichtig, dass man sich verändert. Man hat Grundprinzipien, ein Wertesystem, dem man treu sein soll, aber man soll zugleich offen sein.
Konkreter denke ich, man muss sich ein gutes wissenschaftliches Problem suchen, an dem man arbeiten möchte. Dann muss man schauen, dass man eine gute Infrastruktur hat, aber das Wichtigste sind wiederum die Leute – wichtiger als alles andere. Man soll sich wirklich eine gute Umgebung suchen. Ich würde mir lieber das zweitinteressanteste Problem suchen, aber dafür mit guten Leuten zusammenarbeiten. Das färbt total ab und zieht einen mit – im Endeffekt ist ohnehin jedes Problem interessant. Es geht nur um die Fragestellung, wie man das Problem sieht und wie man es angeht. Das würde ich jedem und jeder raten, dass man aufpasst, wo man anfängt zu arbeiten; nicht so sehr darauf zu schauen, ob das jetzt z.B. ein flashy Gebäude ist, sondern darauf, ob man das Gefühl hat: Das sind Leute, die einen mitziehen, die inspirieren, von denen man was lernen kann.