(Wien, 27-08-2026) Rund 400.000 Kinder und Jugendliche weltweit erkranken jedes Jahr an Krebs. Während viele Tumorarten in dieser Altersgruppe heute gut behandelbar sind, bleiben Hirntumoren weiterhin für die meisten krebsassoziierten Todesfälle bei Kindern und Jugendlichen verantwortlich. Entsprechend hoch ist der Forschungsbedarf auf diesem Gebiet, um die Überlebenschancen und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Anlässlich des „Golden September“ genannten Awareness-Monats für Krebs bei Kindern und Jugendlichen informiert Johannes Gojo (Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde von MedUni Wien und AKH Wien) über aktuelle Entwicklungen und die Wichtigkeit einer interdisziplinären Versorgung der jungen Patient:innen. An MedUni Wien und AKH Wien wurde dafür das international beachtete Hirntumorzentrum für Kinder und Jugendliche eingerichtet.
In den vergangenen Jahren konnten Wissenschafter:innen bereits zeigen, dass es mehr als 100 verschiedene Arten von Hirntumoren bei Kindern und Jugendlichen gibt – eine wichtige Erkenntnis, die die Behandlung grundlegend verändert hat. So weiß man heute, dass die Prognose entscheidend von Tumorart, Lokalisation, molekularen Eigenschaften und den entsprechenden Therapiemöglichkeiten abhängt. Und doch bleibt sie in vielen Fällen schlecht: Für alle Hirntumoren des Kindesalters zusammen liegen die 5-Jahres-Überlebensraten in Europa und Nordamerika zwar heute bei etwa 75 bis 80 Prozent. Diese Zahl verdeckt jedoch große Unterschiede: Kinder mit niedriggradigen Gliomen erreichen häufig langfristige Überlebensraten von über 90 Prozent. Dagegen zählen z. B. hochgradige Gliome und diffuse intrinsische Ponsgliome (DIPG) zu den aggressivsten Tumorerkrankungen im Kindesalter mit durchschnittlichen Überlebenschancen von nur zwölf Monaten.
„Der enorme Forschungsbedarf bei Hirntumoren ergibt sich aber nicht nur aus der hohen Mortalität“, verdeutlicht Johannes Gojo, Professor für Pädiatrische Neuro-Onkologie an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde von MedUni Wien und AKH Wien, die Situation. „Auch die hohe Morbidität stellt die Wissenschaft weiterhin vor große Herausforderungen. Kinder und Jugendliche, die einen Hirntumor überlebt haben, leiden oft unter Spätfolgen, die entsprechende professionelle Betreuung brauchen.“
Forschung mit Fokus auf Präzisionsmedizin
Aktuelle Forschungen zu Hirntumoren im Kindes- und Jugendalter verfolgen zunehmend den Ansatz der Präzisionsmedizin. Ziel ist es, die molekularen Eigenschaften einzelner Tumoren besser zu verstehen und daraus personalisierte Therapiemaßnahmen abzuleiten. Die MedUni Wien ist dabei maßgeblich an zahlreiche internationalen Studien und Forschungsnetzwerken beteiligt – unter anderem als koordinierendes Zentrum der sogenannten MEMMAT-Studie, in deren Rahmen Kinder und Jugendliche mit rezidivierten Medulloblastomen und anderen Tumorarten behandelt werden. Weitere Schwerpunkte liegen auf besonders aggressiven Hirntumortypen sowie auf der Entwicklung neuer Tumormodelle, mit denen Therapieansätze im Labor gezielter untersucht werden können. Auch Liquid Biopsy-Verfahren, bei denen Tumorbestandteile aus Körperflüssigkeiten analysiert werden, um Erkrankungen besser zu charakterisieren, stehen im Fokus von Wissenschafter:innen der MedUni Wien. Da die Erkrankung das Gehirn betrifft, wird auch der neuropsychologischen Forschung besondere Beachtung geschenkt.
Interdisziplinäre Versorgung der Patient:innen
„Hirntumoren sind besonders komplexe Erkrankungen, deren Behandlung eine enge Verzahnung unterschiedlicher Fachrichtungen und Berufsgruppen erfordert“, weist Johannes Gojo auf eine weitere Herausforderung hin. An der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde von MedUni Wien und AKH Wien wurde dafür das international beachtete Hirntumorzentrum für Kinder und Jugendliche eingerichtet, das von Johannes Gojo koordiniert wird. Dort arbeiten Spezialist:innen der Kinderonkologie, Neurochirurgie, Radiologie, Strahlentherapie, Neuropathologie, Klinischen Psychologie und anderer Fachrichtungen in einem integrierten Versorgungsmodell zusammen, um Diagnostik, Therapie und Nachsorge individuell abzustimmen. „Neben der Tumorkontrolle geht es in unserem Zentrum auch um die langfristige Gesundheit, Entwicklung und Lebensqualität der Patient:innen“, sagt Gojo. Darum wird auch Unterstützung bei psychosozialen und funktionellen Folgen der Krebserkrankung geboten. Darüber hinaus besteht ein intensiver Austausch mit Patient:innenvertreter:innen und -organisationen.
„Die vergangenen Jahre haben gezeigt, wie entscheidend ein tiefes Verständnis der biologischen Vielfalt von Kinderhirntumoren für Fortschritte in der Behandlung ist. Gleichzeitig bleiben insbesondere aggressive Subtypen eine große Herausforderung. Deshalb müssen wir Forschung, internationale Kooperationen und klinische Expertise weiter eng verbinden. Unser Ziel muss es sein, schneller neue Therapien zu entwickeln, um die Überlebenschancen und Lebensqualität der betroffenen Kinder und Jugendlichen zu verbessern“, sagt Johannes Gojo.
„Golden September“ – Childhood Cancer Awareness Month:
Mit goldfarbenen Schleifen und Beleuchtungen wird weltweit jedes Jahr im September die Aufmerksamkeit auf Krebs bei Kindern und Jugendlichen gerichtet, um die Öffentlichkeit über die besonderen Herausforderungen für Betroffene und deren Familien zu informieren. Auch MedUni Wien und AKH Wien setzen in diesem Monat mit goldfarbener Beleuchtung im AKH-Eingangsbereich von 1. bis 7. September ein sichtbares Zeichen der Solidarität.