(Wien, 13-10-2026) Die geplanten Einsparungen bei Österreichs öffentlichen Universitäten sind mehr als eine Frage der Hochschulfinanzierung. An der Medizinischen Universität Wien drohen rund 200 ärztliche Vollzeitäquivalente wegzufallen. Die Folgen würden nicht auf Forschung und Lehre beschränkt bleiben: Sie beträfen unmittelbar die Patientenversorgung im AKH Wien, die hochspezialisierte Spitzenmedizin in Wien sowie die Ausbildung des medizinischen Nachwuchses.
Für die kommende Finanzierungsperiode 2028 bis 2030 stehen für Österreichs öffentliche Universitäten statt der von der Universitätenkonferenz geforderten 18 Milliarden Euro derzeit 15,5 Milliarden Euro im Raum. Die Medizinische Universität Wien wäre davon besonders betroffen.
„Wer bei der Universitätsmedizin spart, spart nicht an einem isolierten Forschungsbetrieb, sondern auch bei der ärztlichen Ausbildung und der medizinischen Versorgung der Bevölkerung“, sagt Johannes Steinhart, Präsident der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien. „Wenn an der MedUni Wien ärztliche Stellen wegfallen, hat das zwangsläufig Auswirkungen auf die Ausbildung und die Versorgung der Patientinnen und Patienten. Die Folge wären weniger Behandlungskapazitäten, längere Wartezeiten und damit steigender Druck auf die übrigen Wiener Spitäler.“
Bis zu 200 ärztliche Vollzeitäquivalente gefährdet
Die Medizinische Universität Wien stellt derzeit 1.700 Ärztinnen und Ärzte für den Betrieb des AKH Wien und damit das gesamte ärztliche Personal. Etwa 85 Prozent des Budgets der MedUni Wien fließen in diesen Bereich.
„Die Medizinische Universität Wien ist nicht nur eine Forschungs- und Ausbildungsstätte, sondern trägt auch eine zentrale Verantwortung für die Gesundheitsversorgung. Wir stellen das gesamte ärztliche Personal im AKH Wien. Einsparungen in der derzeit diskutierten Größenordnung würden daher unmittelbar unsere drei Kernaufgaben treffen: Forschung, Lehre und Patientenversorgung. In den vergangenen Jahren ist es gelungen, die Universitätsmedizin in Wien international an die Spitze zu führen. Diesen Erfolg dürfen wir jetzt nicht durch kurzfristige Budgetmaßnahmen gefährden. Wir brauchen eine langfristig gesicherte Finanzierung, um die medizinische Versorgung auf höchstem Niveau auch in Zukunft gewährleisten zu können“, betont Markus Müller, Rektor der MedUni Wien.
Spitzenmedizin braucht universitäre Medizin
„Universitätsmedizin ist Forschung, Ausbildung und Patientenversorgung aus einer Hand. Durch Einsparungen von Struktur und Personal ist auch die hochspezialisierte Versorgung der Bevölkerung gefährdet, die es in dieser Form nur am Universitätsklinikum gibt“, erklärt Thomas Szekeres, Ehrenpräsident der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien und Facharzt für Medizinische und Chemische Labordiagnostik am AKH. „Die Bundesregierung wird nicht müde zu betonen, dass sie sich für eine Verbesserung des Gesundheitssystems zum Ziel gesetzt. Mit den Einsparungen beim Universitätsbudget wird genau das Gegenteil erreicht.“
Forschungsstandort Wien darf nicht an Wettbewerbsfähigkeit verlieren
Die Einsparungen bedrohen zudem den Forschungsstandort: „Medizinische Spitzenforschung findet in einem globalen Wettbewerb um die besten Köpfe statt. Wer Forschungsbudgets kürzt und wissenschaftliche Dienstposten abbaut, schwächt die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts. Die Gefahr ist groß, dass hochqualifizierte Forscherinnen und Forscher Wien verlassen oder sich gar nicht erst für Wien entscheiden“, führt Szekeres weiter aus.
Ein Sparkurs wäre auch strategisch ein Rückschritt. „Das AKH Wien wird als Nummer 20 der weltbesten Spitäler gelistet, die MedUni Wien befindet sich weltweit unter den besten 200 Universitäten. Unser Ziel sollte sein, diese Positionen noch weiter zu verbessern. Durch Budgetkürzungen und Personalreduktionen werden wir unweigerlich abrutschen.“
Ausbildung ist Teil der Versorgungssicherung
Neben Forschung und Patientenversorgung bildet die ärztliche Ausbildung die dritte Säule der Universitätsmedizin. „Schon heute fehlen uns Ärztinnen und Ärzte. Umso wichtiger ist es, die Ausbildungskapazitäten nicht zu reduzieren, sondern auszubauen. Die Ärztinnen und Ärzte, die heute ausgebildet werden, sind jene, die wir morgen für die Versorgung dringend brauchen“, erklärt Eduardo Maldonado-González, Vizepräsident und Obmann der Kurie angestellte Ärzte der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien.
Ärztliche Ausbildung findet wesentlich im klinischen Alltag statt. Weniger ärztliches Personal bedeutet daher auch weniger Zeit für Anleitung, Betreuung und Ausbildung des Nachwuchses. „Wien muss für junge Ärztinnen und Ärzte ein attraktiver Ausbildungs- und Arbeitsort bleiben. Wir können jetzt schon kaum mit den umliegenden Ländern mithalten“, so Maldonado-González.
Kammer fordert Gipfel für gemeinsame Lösung
Die Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien fordert daher einen gemeinsamen Gipfel von Wissenschaftsministerium, Medizinischer Universität Wien, Stadt Wien und den Vertreterinnen und Vertretern der Ärzteschaft. „Um die Leistungsfähigkeit der Universitätsmedizin langfristig zu sichern muss jetzt gehandelt werden. Wir müssen die Finanzierung von Forschung, Ausbildung und Patientenversorgung gemeinsam betrachten und eine tragfähige Lösung für die kommende Finanzierungsperiode entwickeln“, appelliert Präsident Steinhart. Notwendig sei eine gemeinsame Lösung, die anerkennt, dass die Medizinische Universität Wien gleichzeitig Forschungsstandort, Ausbildungsstätte und Teil der öffentlichen Gesundheitsversorgung ist. „Der medizinische Nachwuchs in Österreich braucht die Sicherheit, gut ausgebildet zu werden und Ärztinnen und Ärzte müssen sich darauf verlassen können, dass hier Forschung und Arbeit auf Spitzenniveau möglich sind. Denn unser Ziel muss sein, Spitzenmedizin weiterhin zu gewährleisten und die Wartezeiten nicht weiter zu steigern.“