(Wien, 26-08-2026) – Der neu veröffentlichte Baveno-VIII-Konsensus setzt international neue Standards für die Versorgung von Patient:innen mit fortgeschrittener chronischer Lebererkrankung und Pfortaderhochdruck. Die Medizinische Universität Wien war an diesem weltweit maßgeblichen Konsensus besonders stark beteiligt: Fünf Expert:innen der MedUni Wien wirkten als Vorsitzende bzw. Mitglieder der internationalen Expertenpanels mit. Zudem bilden zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten der MedUni Wien einen wichtigen Teil der Evidenzbasis für die neuen Empfehlungen.
Seit der ersten Baveno-Konsensuskonferenz im Jahr 1990 werden etwa alle fünf Jahre internationale Expert:innen zusammengebracht, um die wissenschaftliche Evidenz zum Pfortaderhochdruck und fortgeschrittenen chronischen Lebererkrankung zu bewerten und daraus Empfehlungen für die klinische Praxis abzuleiten. Die Baveno-Empfehlungen haben die Behandlung der Leberzirrhose in den vergangenen Jahrzehnten wesentlich geprägt. Frühere Konsensusberichte – insbesondere Baveno VI und Baveno VII – zählen mit jeweils mehreren tausend Zitierungen zu den international einflussreichsten Publikationen auf dem Gebiet der Hepatologie.
Nach der aufgrund der COVID-19-Pandemie virtuell abgehaltenen Baveno-VII-Konferenz fand Baveno VIII im März 2026 wieder als internationale Präsenzveranstaltung in Baveno, Italien, statt. Insgesamt waren 84 Expert:innen aus aller Welt beteiligt. In neun Panels wurden die seit Baveno VII neu gewonnenen wissenschaftlichen Erkenntnisse systematisch bewertet. Daraus entstanden 272 Konsensusstatements und Empfehlungen sowie eine Forschungsagenda mit 153 prioritären Fragestellungen für zukünftige Studien.
Früher erkennen, gezielter vorbeugen
Ein wesentlicher Schwerpunkt von Baveno VIII liegt auf der verbesserten, möglichst nicht-invasiven Risikoeinschätzung. Blutbasierte Biomarker und bildgebende Verfahren wie die Messung der Lebersteifigkeit sollen dazu beitragen, Patient:innen mit fortgeschrittener Lebererkrankung bzw. klinisch signifikantem Pfortaderhochdruck frühzeitig zu identifizieren. Gleichzeitig geht der neue Konsensus einen Schritt weiter: Im Mittelpunkt steht zunehmend die Frage, welche Patient:innen tatsächlich Gefahr laufen, eine erste schwere Komplikation ihrer Lebererkrankung zu entwickeln. Dadurch sollen präventive Therapien gezielter und früher eingesetzt werden können.
„Das zentrale Ziel ist heute nicht mehr nur, Komplikationen einer fortgeschrittenen Lebererkrankung zu behandeln, sondern sie möglichst zu verhindern“, erklärt Thomas Reiberger von der Universitätsklinik für Innere Medizin III der MedUni Wien sowie wissenschaftlicher Sekretär des Baveno VIII Konsensus Meetings. Mattias Mandorfer, Vorsitzender des Panels über nicht-invasive Risikostratifizierung, ergänzt: „Mit verbesserten nicht-invasiven Verfahren können wir das individuelle Risiko von Patient:innen besser einschätzen, womit die Präzisionsmedizin Einzug in die klinische Praxis hält. Eine medikamentöse Therapie mit Carvedilol kann bei Hochrisikopatient:innen das Auftreten von schwerwiegenden Komplikationen verhindern.“
Zu den weiteren Neuerungen gehören aktualisierte Empfehlungen zur Behandlung von Blutungen aus Krampfadern der Speiseröhre (Varizenblutungen), Bauchwasser (Aszites) und anderen Folgen des Pfortaderhochdrucks sowie zum Einsatz des transjugulären intrahepatischen portosystemischen Shunts (TIPS). Auch Kriterien für die sogenannte Rekompensation wurden weiterentwickelt – also für Patient:innen, deren zuvor dekompensierte Lebererkrankung sich nach erfolgreicher Behandlung der zugrunde liegenden Ursache langfristig stabilisiert. Erstmals enthält der Konsensus außerdem spezifische Empfehlungen für Kinder. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf seltenen Gefäßerkrankungen der Leber.
Starke Beteiligung der MedUni Wien
Die MedUni Wien war im internationalen Expert:innengremium von Baveno VIII auffallend stark vertreten. Thomas Reiberger war als wissenschaftlicher Sekretär der Baveno Cooperation und Vorsitzender eines Kapitels beteiligt, Mattias Mandorfer leitete ein weiteres Kapitel. Mathias Jachs und Georg Semmler wirkten als Experten aus dem Bereich der Hepatologie mit, Katharina Lampichler brachte ihre Expertise aus dem Bereich der Radiologie ein. Damit waren insgesamt fünf Wissenschafter:innen der MedUni Wien unmittelbar an der Erarbeitung der internationalen Empfehlungen beteiligt. Darüber hinaus waren Forschungsergebnisse der MedUni Wien zur nicht-invasiven Diagnostik, Behandlung des Pfortaderhochdrucks und zum Rückbildungspotential von schweren Komplikationen (Rekompensation), sowie Gefäßerkrankungen der Leber ein wichtiger Teil der wissenschaftlichen Evidenz, auf deren Grundlage die Empfehlungen entwickelt wurden.
„Die starke Beteiligung von fünf Expert:innen der MedUni Wien zeigt die internationale Sichtbarkeit der Wiener Forschung auf dem Gebiet des Pfortaderhochdrucks“, sagt Thomas Reiberger. „Besonders wichtig ist aber, dass Forschungsergebnisse, die auch an der MedUni Wien und am Universitätsklinikum AKH Wien erarbeitet wurden, unmittelbar in internationale Empfehlungen einfließen und damit die Versorgung von Patient:innen weltweit verbessern können.“
Von der Behandlung von Komplikationen zur Prävention
Die Baveno-Konsensuskonferenzen haben das Verständnis der Leberzirrhose und des Pfortaderhochdrucks seit mehr als drei Jahrzehnten entscheidend verändert. Während ursprünglich insbesondere die Behandlung von Blutungskomplikationen im Mittelpunkt stand, entwickelte sich zunehmend ein präventiver Ansatz: Risiken sollen möglichst früh erkannt und schwere Komplikationen verhindert werden. Baveno VIII setzt diese Entwicklung fort. Durch präzisere Risikostratifizierung soll es möglich werden, Hochrisikopatient:innen früher zu behandeln und gleichzeitig unnötige und mitunter invasive Untersuchungen bei Patient:innen mit niedrigem Risiko zu vermeiden. Damit könnten potenziell Krankenhausaufenthalte und Todesfälle reduziert und Ressourcen im Gesundheitssystem gezielter eingesetzt werden.
Publikation: Journal of Hepatology
Baveno VIII Faculty. Baveno VIII – Advancing Consensus in Portal Hypertension. Published online 19 August 2026.
DOI: 10.1016/j.jhep.2026.07.030
Weitere Information:
Presseinformation der European Association for the Study of the Liver (EASL)