(Wien, 09-07-2026) – Die Implantation eines transjugulären intrahepatischen portosystemischen Shunts (TIPS) wird bei Patient:innen mit fortgeschrittener Leberzirrhose zur Behandlung von Komplikationen eingesetzt, die durch einen erhöhten Druck in der Pfortader entstehen, wie beispielsweise die Ansammlung von Bauchwasser (Aszites) oder innere Blutungen (am häufigsten aus Ösophagusvarizen). Forschende der Medizinischen Universität Wien haben nun in Zusammenarbeit mit Kolleg:innen der Johannes Gutenberg-Universität Mainz bestimmte biologische Veränderungen nach einer TIPS-Implantation identifiziert, die mit dem weiteren Verlauf der Lebererkrankung in Zusammenhang stehen. Ihre Studienergebnisse, die kürzlich in der Fachzeitschrift „Liver International“ veröffentlicht wurden, erleichtern eine personalisierte Versorgung von Patient:innen nach einer TIPS-Implantation.
Im Fokus der Studie stand der Von-Willebrand-Faktor (VWF), ein Eiweiß im Blut, das unter anderem an der Blutgerinnung beteiligt ist und als Marker für abnormale Veränderungen der Gefäßinnenwand gilt. Erhöhte VWF-Werte werden bei Menschen mit Leberzirrhose häufig beobachtet. Bisher war jedoch unklar, ob Veränderungen dieses Werts nach einer TIPS-Implantation Informationen über die weitere Prognose liefern können.
Um dieser Frage nachzugehen, wurden Daten von 199 Patient:innen aus Wien und Mainz ausgewertet. Bei 118 Personen lagen Messungen des VWF sowohl vor dem Eingriff als auch drei Monate danach vor. Dabei zeigte sich, dass die VWF-Werte in der Gesamtgruppe von 313 auf 262 Prozent zurückgingen. Bei fast der Hälfte der Patient:innen war ein klinisch relevanter Rückgang zu verzeichnen, d. h. gemäß der zuvor festgelegten Definition von ≥ 5 %. Entscheidend war dabei nicht der Ausgangswert vor dem Eingriff, sondern vielmehr die anschließende Entwicklung. Patient:innen mit einer Abnahme des VWF wiesen eine signifikant niedrigere Sterblichkeitsrate auf als Patient:innen ohne eine solche Verringerung; insbesondere nach einem Jahr lag die Sterblichkeitsrate bei 4,2 % gegenüber bis zu 21,1 % bei Patient:innen ohne Rückgang des VWF. Dieser Zusammenhang blieb auch nach Berücksichtigung etablierter Risikofaktoren für die Sterblichkeit wie Alter und Schweregrad der Lebererkrankung bestehen.
Entwicklung von Markern liefert Hinweise auf Prognose
Zusätzlich untersuchte das Forschungsteam die Dynamik des Entzündungsmarkers Interleukin-6 (IL-6). Die Kombination beider Marker ermöglichte eine weitere Risikoeinteilung. Patient:innen, bei denen sowohl VWF als auch IL-6 innerhalb von drei Monaten nach TIPS abnahmen, hatten die günstigste Prognose. Bei dieser Gruppe betrug die Sterblichkeit nach zwei Jahren 10,6 %. Im Gegensatz dazu lag die Sterblichkeitsrate bei denjenigen, bei denen keiner der beiden Marker zurückging, bei bis zu 46,7 %.
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass nicht einzelne Ausgangswerte vor dem Eingriff, sondern deren Entwicklung in den ersten Monaten danach wichtige Hinweise auf den weiteren Krankheitsverlauf liefern können“, sagt Erstautorin Marlene Hintersteininger (Klinische Abteilung für Gastroenterologie und Hepatologie, Universitätsklinik für Innere Medizin III, MedUni Wien). „Da die Untersuchung des von-Willebrand-Faktors in der klinischen Praxis bereits verfügbar ist, könnten diese Informationen dazu beitragen, Patient:innen nach einer TIPS-Implantation künftig gezielter zu versorgen.“ Der Studienleiter und korrespondierende Autor Lukas Hartl fügt hinzu: „Die Ergebnisse sind sehr vielversprechend und können in die klinische Praxis einfließen – denn VWF und IL-6 sind leicht verfügbare Biomarker und können eine wertvolle Orientierungshilfe für das Patient:innenmanagement nach einer TIPS-Implantation bieten.“ Langfristig und nach weiterer Validierung sollte die Überwachung der Veränderungen der VWF- und IL-6-Spiegel flächendeckend eingeführt werden, um Hochrisikopatient:innen nach einer TIPS-Implantation früher zu identifizieren.
Interdisziplinäres Patient:innenmanagement an der MedUni Wien
Ein transjugulärer intrahepatischer portosystemischer Shunt (TIPS) ist eine künstlich geschaffene Verbindung zwischen der Pfortader und einer Lebervene. Dadurch wird der erhöhte Druck in der Pfortader gesenkt, der bei fortgeschrittener Leberzirrhose zu Komplikationen wie Aszites oder Krampfaderblutungen führen kann. TIPS gilt heute als fester Bestandteil der Behandlung ausgewählter Patient:innen mit fortgeschrittener Leberzirrhose und portaler Hypertension.
An der Medizinischen Universität Wien werden potentielle TIPS-Kandidat:innen durch eine Kooperation der Klinischen Abteilung für Gastroenterologie und Hepatologie, Universitätsklinik für Innere Medizin III, und der Klinische Abteilung für Kardiovaskuläre und Interventionelle Radiologie, Universitätsklinik für Radiologie und Nuklearmedizin, (unter der Koordination von Maria Schoder und Lukas Reider) gemanaged. Die enge Zusammenarbeit zwischen den beiden Abteilungen zeigt sich besonders deutlich im interdisziplinären PH/TIPS-Gremium (Leiter der Hepatologie: Thomas Reiberger), in dem Fälle von Patient:innen mit Komplikationen aufgrund einer portalen Hypertonie besprochen und fundierte, evidenzbasierte Behandlungsempfehlungen festgelegt werden.
Publikation: Liver International
Post-TIPS Dynamics of von Willebrand Factor for Risk Stratification After TIPS Placement
Marlene Hintersteininger, Simon Johannes Gairing, Katrin Kirsch, Theresa Müllner-Bucsics, Susanna Riegler, Lukas Reider, Mathias Jachs, Lorenz Balcar, Eva M. Schleicher, Jasmin Söhngen, Lukas Müller, Michael B. Pitton, Julia Weinmann-Menke, Christian M. Lange, Peter R. Galle, Michael Trauner, Mattias Mandorfer, Thomas Reiberger, Christian Labenz, Lukas Hartl
https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/liv.70736