(Wien, 13-10-2026) Vor zwei Jahren hat Wien begonnen, gezielt Forschung zu ME/CFS zu fördern. Heute zeigt sich, was daraus geworden ist: Der Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds (WWTF) vergibt gemeinsam mit der WE&ME Stiftung zwei Consolidation Grants mit jeweils rund einer Million Euro an Forschungsprojekte der MedUni Wien, die bisher größten Einzelförderungen für ME/CFS-Forschung in Österreich. Bürgermeister Michael Ludwig präsentierte die Projekte gemeinsam mit WWTF-Präsident Michael Häupl und Gerhard Ströck, Vorstand der WE&ME Stiftung, im Festsaal des Wiener Rathauses. Seit 2024 haben der WWTF und die WE&ME Stiftung gemeinsam rund 3,1 Millionen Euro für die ME/CFS-Forschung in Wien bereitgestellt.
„ME/CFS ist keine seltene Erkrankung“, betonte Ludwig. In Österreich sind schätzungsweise 70.000 bis 80.000 Menschen betroffen, mehr als an Multipler Sklerose. Rund 60 Prozent der Betroffenen sind teilweise arbeitsunfähig, etwa ein Viertel ist ans Haus oder ans Bett gebunden. Dennoch gebe es bisher wenig Forschung dazu. „Genau hier greift die Stadt ein. Wo Wissen fehlt, muss Forschung ansetzen. Gesundheit heißt für uns beides: exzellente Forschung und eine Versorgung, die bei den Menschen ankommt“, sagte der Bürgermeister.
Neue Köpfe für ein vernachlässigtes Feld
Der WWTF könne als lokaler Forschungsförderer schnell und gezielt dort ansetzen, wo andere Lücken lassen, erklärte WWTF-Präsident Michael Häupl. „ME/CFS war so eine Lücke: viele Betroffene, kaum Forschung, kaum Förderung.“ Auf sieben explorative Projekte im Jahr 2024 (700.000 Euro) folgten 2025 der Aufbau einer ME/CFS-Biobank an der MedUni Wien (200.000 Euro), 2026 sechs Fellowships für junge Forscher*innen (233.000 Euro) und nun die beiden Consolidation Grants.
Ein Ziel sei von Anfang an gewesen, dass ME/CFS für Forscher:innen keine wissenschaftliche Sackgasse ist. „Wir wollten neue Leute in dieses Feld holen. Das ist gelungen: Beide Projektleiter, die gefördert werden, hatten vor unserer ersten Förderrunde keinen Bezug zu ME/CFS. Heute gehören sie und ihre Teams zu sehr aktiven Gruppen in Österreich“, so Häupl.
Die Projekte wurden von einer internationalen Expert:innenjury ausgewählt. Ein besonderes Novum des Vergabeverfahrens: Erkrankte Wissenschafterinnen und Wissenschafter aus dem internationalen Science4ME Forum waren als Patienten-Expertinnen und -Experten Teil der Begutachtung.
Philanthropisches Engagement aus persönlicher Betroffenheit
Die WE&ME Stiftung der Familie Ströck ist aus persönlicher Betroffenheit – zwei erwachsene Söhne sind an ME/CFS erkrankt – und der Erfahrung entstanden, dass es für Patient:innen und Angehörige kaum Anlaufstellen, kaum Diagnostik und nur wenig Forschung gibt, die das ändern könnte, erklärte Gerhard Ströck. Deshalb habe man sich entschieden, auf Grundlagenforschung zu setzen, die versucht die zentralen Mechanismen der Erkrankung zu entschlüsseln und auch die Betroffenen selbst ernst nimmt. „Der WWTF bringt mit, was eine Stiftung allein nicht hat: Erfahrung mit Förderverfahren, internationale Begutachtung, eine transparente Auswahl. Für unsere Spenderinnen und Spender heißt das: Jeder Euro fließt in Forschung, die internationalen Standards standhält“, so Ströck.
Vom Vorprojekt zum großen Vorhaben
Wie aus einer ersten Projektförderung ein langjähriges Projekt wird, zeichnete im Anschluss Lukas Haider von der MedUni Wien nach. Er kommt ursprünglich aus der Multiple-Sklerose-Forschung. „ME/CFS hat bis heute keinen etablierten Biomarker und keine ursächliche Therapie. Ohne gezielte Förderung kommt niemand in dieses Feld, weil es keine Vorarbeiten gibt, auf denen man aufbauen kann. Der WWTF hat genau diese Vorarbeiten finanziert“, sagte Haider.
Im Vorprojekt fand sein Team Hinweise darauf, dass bei ME/CFS-Patient:innen unter kontrolliertem Sauerstoffmangel die Energieversorgung in Gehirn und Muskulatur versagt, während Gesunde dies ausgleichen. Das neue Projekt ME-RESET (Lukas Haider, Martin Krššák, Kathrin Kollndorfer; 36 Monate, 999.930 Euro) soll klären, wo genau dieses Versagen entsteht, ob es an der Durchblutung oder an den Mitochondrien liegt und ob es sich durch Sauerstoffzufuhr teilweise umkehren lässt. Dafür werden Patient:innen in einer randomisierten Studie mit Multiorgan-MRT, MR-Spektroskopie und Blutmarkern untersucht. Es geht um einen Krankheitsmechanismus, nicht um eine fertige Therapie.
Das zweite Projekt (Matthias Wielscher, Kathryn Hoffmann; 36 Monate, 999.169 Euro) geht der Frage nach, ob bei einem Teil der Menschen mit ME/CFS-Diagnose eine bisher unerkannte seltene genetische Erkrankung vorliegt. Dafür baut das Team eine österreichische Kohorte auf und untersucht sie mit Ganzgenomsequenzierung. Ein neues „ME/CFS Rare Disease Board“ bewertet die Befunde. Ziel ist eine präzisere Diagnostik.
Die MedUni Wien als Dreh- und Angelpunkt
„Uns ist wichtig, Grundlagenforschung und Relevanz für die Patientinnen und Patienten zusammenzubringen. Dafür braucht es ein Umfeld, in dem Klinik und Grundlagenforschung direkt zusammenarbeiten. Das haben wir hier“, sagte Michaela Fritz, Vizerektorin für Forschung und Innovation der MedUni Wien. Die MedUni Wien ist seit September 2024 auch Sitz des Nationalen Referenzzentrums für postvirale Syndrome, das im Auftrag des Gesundheitsministeriums Gesundheitsberufe in ganz Österreich informiert. Geleitet wird es von Eva Untersmayr-Elsenhuber und Kathryn Hoffmann.
Zu den Projekten:
Rare Variant and Epigenomic Analysis in ME/CFS
Mechanism-based Reversibility Evaluation and Stratified Endophenotyping of Treatment-response in ME/CFS
Ab 2027: PAIS-Zentrum in Wien
Mit dem PAIS-Zentrum schafft der Wiener Gesundheitsverbund eine spezialisierte, Anlaufstelle für Menschen mit post-akuten Infektionssyndromen, kurz PAIS, wie etwa Post COVID und ME/CFS. „Bisher mussten Betroffene oft aktiv nach Ärztinnen und Ärzten suchen, die die Erkrankung kennen. Das Zentrum wird die erste spezialisierte Anlaufstelle in Wien. Am Anfang stehen Diagnose, Symptommanagement und Begleitung“, sagte Michael Binder, Medizinischer Direktor des Wiener Gesundheitsverbundes.
Die Versorgung startet ab Sommer 2027 in einer ersten Ausbaustufe und steht ab Mitte 2028 in der finalen Ausbaustufe vollumfänglich zur Verfügung. Das Zentrum verbindet medizinische Versorgung und therapeutische Begleitung auf Basis der aktuellen Leitlinien.
„Wien fördert die wichtige Forschungsarbeit und unterstützt auch die Betroffenen vor Ort. „Mit dem PAIS-Zentrum greifen in Wien Forschung, Fachwissen und Versorgung an einem Standort ineinander“, sagte Bürgermeister Ludwig abschließend
Über ME/CFS
ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom) ist eine schwere neuroimmunologische Multisystemerkrankung, die von der WHO seit 1969 als neurologische Erkrankung klassifiziert ist (ICD G93.3). Kernsymptom ist die Post-Exertional Malaise (PEM): Schon nach geringer körperlicher oder geistiger Belastung verschlechtert sich der Zustand der Betroffenen deutlich, meist zeitverzögert um 24 bis 72 Stunden. Aktivierung oder Training verschlimmern die Erkrankung; empfohlen wird Pacing, also ein angepasstes Energiemanagement. ME/CFS tritt häufig nach Virusinfektionen auf, auch nach COVID-19. Eine ursächliche Therapie gibt es bisher nicht.