(Wien, 03-09-2026) Ralf Schmidt (Klinisches Institut für Labormedizin) und Vlad Tereshenko (Universitätsklinik für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie) haben renommierte „Starting Grants“ des Europäischen Forschungsrats (ERC) erhalten. Während Schmidt mit seinem Projekt „A-to-B direct“ den Weg in eine neue Generation von Zell- und Gentherapien ebnen möchte, entwickelt Tereshenko mit „VisceraLink“ eine bionische Schnittstelle zu inneren Organen, um ihre neuronale Steuerung gezielt und schonend zu modulieren.
„A-to-B direct“
Das Projekt „A-to-B direct“ (Langtitel „A-to-B: Direct Identity Reprogramming to Overcome Scarcity in Cell Therapies“) von Ralf Schmidt widmet sich einer zentralen Hürde moderner Zelltherapien: Die für die Behandlung wertvollsten Immunzellen sind im Körper von Natur aus selten oder durch Krankheit und Alter erschöpft. Gerade bei Krebs, Autoimmunerkrankungen und in der Transplantationsmedizin sind häufig jene Immunzellen entscheidend, die nur in geringer Zahl vorkommen. Bisherige Ansätze, solche Zellen anzureichern oder herzustellen, sind aufwendig und stoßen rasch an ihre Grenzen.
Das Projekt verfolgt einen Ansatz, um häufig vorkommende Immunzellen gezielt in seltene, therapeutisch besonders wertvolle Zelltypen umzuwandeln. Im Zentrum steht die Idee, Zelleigenschaften durch gezielte genetische Programmierung neu zu gestalten. Langfristig soll daraus eine sichere, präzise und breit anwendbare Plattform entstehen, die den Weg für eine neue Generation von Zell- und Gentherapien ebnet.
Zu Ralf Schmidt
Ralf Schmidt studierte Medizin an der Medizinischen Universität Wien und war bereits während des Studiums wissenschaftlich im Bereich Immunologie tätig. Nach seiner Promotion absolvierte er seine Facharztausbildung an der Universitätsklinik für Labormedizin und setzte parallel seine wissenschaftliche Arbeit im PhD-Programm Immunologie fort. 2019 wechselte er als Postdoc ins Marson Lab an der University of California, San Francisco (UCSF) und den Gladstone Institutes, wo er Hochdurchsatz-CRISPR-Screeningverfahren für primäre humane T-Zellen entwickelte. Seit 2023 ist er wieder an der MedUni Wien am Klinischen Institut für Labormedizin und führt dort eine Forschungsgruppe für Genomeditierung in primären humanen T-Zellen.
„VisceraLink“
Die meisten Vorgänge in unseren Organen laufen unbemerkt ab: Unser Herz schlägt, der Blutdruck passt sich an, Magen und Darm arbeiten – gesteuert über feine Nervensignale, die selten unser Bewusstsein erreichen. In vielen Volkskrankheiten wie Bluthochdruck und Adipositas gerät diese innere Steuerung aus dem Gleichgewicht: Reflexe, die Herz-Kreislauf- und Stoffwechselfunktionen stabilisieren sollen, sind dauerhaft fehlprogrammiert und sprechen oft nur unzureichend auf Medikamente oder Lebensstiländerungen an.
Mit dem ERC-Projekt „VisceraLink“ (Langtitel: Selective Sensory Vagal Interface: a bionic platform for internal organ modulation) entwickelt Vlad Tereshenko eine neuartige, sensorische Schnittstelle zum Inneren des Körpers. An ausgewählten Ästen des Vagusnervs entsteht eine biohybride Verbindung, gekoppelt an ein implantierbares Modul, das kontrollierte biomechanische Dehnungssignale erzeugt – Signale, die das autonome Nervensystem bereits kennt und verarbeitet. So sollen gezielt Reflexbahnen im Herz‑Kreislauf‑System und im Magen‑Darm‑Trakt angesprochen werden, um Blutdruck, Sättigungsempfinden und Stoffwechsel nachhaltiger zu stabilisieren, insbesondere bei Patient:innen mit therapierefraktärer Hypertonie und Adipositas.
Das Projekt verbindet präzise Nervenanatomie, biohybride Implantate und moderne Steuerungsprinzipien in einem klar translationalen Programm: von der Auswahl geeigneter Vagus-Äste und dem Aufbau einer stabilen sensorischen Schnittstelle über die Integration eines implantierbaren, programmierbaren Aktuators bis hin zu vorklinischen Funktionstests unter realistischen Einsatzbedingungen. Gelingt dieser Ansatz, könnte „VisceraLink“ den Ausgangspunkt für eine neue Klasse organspezifischer, neuromodulatorischer Therapien bilden, die gezielt dort ansetzen, wo viele Volkskrankheiten ihren Ursprung haben – in der gestörten Kommunikation zwischen Gehirn und inneren Organen.
Zu Vlad Tereshenko
Vlad Tereshenko kam aus Minsk, Belarus, für das Medizinstudium nach Wien. An der Medizinischen Universität Wien absolvierte er ein kombiniertes MD/PhD-Exzellenzprogramm an der Clinical Laboratory for Bionic Extremity Reconstruction. Nach der klinischen Tätigkeit in der Orthopädie und Unfallchirurgie ist er derzeit als Assistenzarzt an der Universitätsklinik für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie der Medizinischen Universität Wien tätig. Für ein zweijähriges Forschungsstipendium in den USA wurde Vlad Tereshenko mit dem Schrödinger Fellowship Award des FWF ausgezeichnet. Während dieses Forschungsaufenthalts arbeitete er am Massachusetts General Hospital, an der Harvard Medical School sowie am Massachusetts Institute of Technology. Seine Forschung konzentriert sich auf periphere Nerven, neuromuskuläre Schnittstellen, bionische Rekonstruktionen und biohybride Implantate. Er ist Autor zahlreicher wissenschaftlicher Publikationen und wurde für seine Arbeiten mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem PhD Award der Österreichischen Gesellschaft für Chirurgische Forschung und dem Global Nerve Foundation Young Researcher Award.
Förderung für wegweisende Projekte
Die ERC Starting Grants des Europäischen Forschungsrats (European Research Council, ERC) fördern exzellente Wissenschafter:innen am Beginn ihrer unabhängigen Forschungskarriere bei der Etablierung eines eigenen Forschungsprogramms oder Forschungsteams. Die Förderung ist themenoffen und richtet sich an Forschende aller Nationalitäten, die ein wissenschaftlich wegweisendes Projekt an einer Forschungseinrichtung in Europa durchführen möchten. Starting Grants sind mit bis zu 1,5 Millionen Euro für eine Laufzeit von bis zu fünf Jahren dotiert.