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Carl Djerassi, die „Mutter der Pille“, ist tot

Carl Djerassi bezeichnete sich gerne als „intellektuellen Bigamisten“ wegen seiner mannigfachen  Interessen, Aktivitäten und Errungenschaften. Als Chemiker beeinflusste er unsere Gesellschaft nachhaltig; so durch die Synthetisierung des Hormons Cortison, wodurch dessen Massenproduktion möglich wurde, und 1951 durch die Synthetisierung des Schwangerschaftshormons Gestagen, auf dessen Grundlage  er zusammen mit den Bostoner Pharmakologen Gregory Pincus und John Rock die sogenannte „Antibabypille“ entwickelte. Diese Bezeichnung hat Djerassi selbst abgelehnt, er hat die oral einzunehmende Verhütungspille nicht gegen Babys gerichtet, sondern für die Entscheidungsfreiheit der Frau verstanden.


Als bedeutender Mäzen und Kunstsammler, vor allem von Paul Klee,  erlangte er Weltruhm. Die Hälfte seiner 150 Bilder zählenden Klee-Sammlung hat er der Wiener Albertina vermacht. Weiters begründete er die Djerassi-Stiftung, eine Künstlerkolonie in der Nähe von San Francisco, und initiierte das "Djerassi Resident Artist Program" zur Förderung von Malern, Musikern, Schriftstellern und Bildhauern. Seine Leidenschaft in den letzten 30 Jahren seines Lebens galt jedoch der Literatur.  Durch seine Bücher, die er als “science in fiction” bezeichnete, hat er versucht die Welt der Wissenschaft einer breiten Öffentlichkeit zur Kenntnis bringen und damit ein völlig neues Genre der Literatur geschaffen.


Für Carl Djerassi war Wien und auch die Medizinische Universität ein besonderer Ort: Er war hier im Allgemeinen Krankenhaus geboren, seine Eltern waren beide Ärzte und so hätte er – wenn die Geschichte anders verlaufen wäre – wohl auch hier Medizin studiert und wäre in Wien Arzt geworden. Eine Überzeugung, auf die er auch immer gerne hinwies.  Das Ehrendoktorat der MedUni Wien wurde ihm 2012 verliehen. Auch seine Krebserkrankung wurde hier von Ärzten der MedUni Wien vor zwei Jahren diagnostiziert und behandelt. Carl Djerassi fühlte sich im Wiener AKH ausgezeichnet betreut und hatte zu seinen Ärzten eine enge Bindung.


Zu seinem Geburtsland Österreich hatte Djerassi hingegen lange Zeit ein schwieriges Verhältnis: Am 29. Oktober 1923 kam er als Sohn eines bulgarischen Vaters und einer österreichischen Mutter, die für die Heirat die bulgarische Staatsbürgerschaft annehmen musste, zur Welt. Die jüdische Familie zog alsbald nach Bulgarien, allerdings kehrte Djerassi nach der Scheidung der Eltern mit seiner Mutter nach Wien zurück. Sie bekam die österreichische Staatsbürgerschaft wieder, für den Sohn wurde dies jedoch nicht genehmigt. Im Jahr 1938 mit 15 Jahren mußte er Österreich verlassen. Das Studium und seine wissenschaftliche Karriere hat Djerassi in den USA gemacht. Er ist Autor von über 1.200 wissenschaftlichen Publikationen, hat eine Vielzahl von wissenschaftlichen Preisen und Ehrungen erhalten und ist emeritierter Professor der Chemie der Stanford University. Erst 2004 wurde Djerassi "im Republiksinteresse" Österreicher.


1992 wurde Djerassi erstmals zu einem Vortrag nach Österreich eingeladen. 1999 wurde ihm das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst,  2008 das Große silberne Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich verliehen und er  ist Träger des Ehrenringes der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Gold. Im Jahr 2005 wurde in Österreich eine Briefmarke mit Djerassis Bild herausgegeben, was ihn sehr stolz machte. Nach dem Tod seiner dritten Frau Diane Middlebrook  im Jahr 2007 hatte er sich neben seinen bisherigen Wohnsitzen London und San Francisco auch in Wien niedergelassen.


Carl Djerassi war bis zu seinem letzten Tag ein geistig hellwacher und intellektuell interessierter Workaholic und nahm auch intensiv am wissenschaftlichen und kulturellen Leben von Wien teil. Sein letzter Besuch an der MedUni Wien galt der Eröffnung der Ausstellung „Unter die Haut“ im Josephinum im vergangenen Dezember. Darüber hinaus war er bis zuletzt trotz fortgeschrittener Erkrankung auf Vortragstätigkeit international unterwegs, auch um der Einsamkeit zu entfliehen. Er folgte damit wie er in seiner „allerletzten Autobiographie“, dem Schattensammler schrieb Goethes Rat in Wilhelm Meisters Wanderjahre: „Seelenleiden zu heilen vermag der Verstand zwar nicht, die Vernunft wenig, die Zeit viel, entschlossene Tätigkeit hingegen alles.“ Carl Djerassi ist 91-jährig am 30. Jänner in San Francisco an seiner Tumorerkrankung verstorben. Nun ist Carl Djerassi zur Ruhe gekommen. Er wird uns fehlen!


Christiane Druml,
Vizerektorin für Klinische Angelegenheiten der Medizinischen Universität Wien