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„Die Zukunft gehört der Prävention und individualisierten, Diagnose und Therapie!“

(Wien, 03-09-2010) Krebs kennt 230 verschiedene Arten, die wiederum zehntausende Ärzte und Wissenschaftler beschäftigen. Krebs ist ein Milliardengeschäft. Und Krebs wird laut den Angaben der Amerikanischen Krebsgesellschaft (ACS) – wenn nichts geschieht – über 200 Millionen Menschen umbringen, jeden vierten heute lebenden Europäer und Amerikaner. Dennoch: Immer weniger Menschen sterben an Krebs – und das, obwohl immer mehr daran erkranken.

Wir haben mit Krebsspezialist Prof. Michael Micksche über Entwicklungen in der Krebsforschung, die Forschungsschwerpunkte des Instituts für Krebsforschung und über seine Hoffnungen für den Krebsforschungslauf am 09. Oktober gesprochen.

Erstmals seit mehr als siebzig Jahren ist der Krebstod klar auf dem Rückzug. Ist das der Beginn eines anhaltenden Sinkfluges?
Micksche: Es gibt Krebsarten, wo wir klar von einem Positivtrend sprechen, vor allem beim Brust,- Magen- und Darmkrebs. Beim Brustkrebs wurde durch die Vorsorgekampagnen der Krebshilfe eine Trendumkehr erreicht. Tumore werden heute in einem frühen Stadium entdeckt und operiert. Damit sind die Heilungschancen besser und eine radikale Brustentfernung häufig nicht mehr notwendig. Vorsorgeuntersuchungen und verbesserte Therapieformen haben bewirkt, dass diese Krebspatientinnen die Fünfjahresgrenze deutlich länger überleben.

Mit den klassischen Mitteln der Tumormedizin allein, ist der Krebstod nicht zu bezwingen. Künftig müsse man prüfen, was in der Krebstherapie sinnvoll sei, fordert etwa der Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft. Ein Großteil der Mittel sollte für Prävention und Screening eingesetzt werden.
Micksche: Das ist die kostensparendste Methode. Erkennt man den Krebs früh, kann früh operiert werden und weniger Therapien sind notwendig. Bei einer fortgeschrittenen Krebserkrankung muss schon massiv therapiert werden. Durch neue Therapieformen konnten beim Dickdarm- und Lungenkrebs auch in diesen späten Stadien große Erfolge erzielt werden.

Ist Krebs eine Krankheit, die leichter vermeidbar als therapierbar ist?
Micksche: Nein, das ist zu komplex. Es gibt derzeit nur eine einzige Krankheit, das Dickdarmkarzinom, bei der man vermeiden kann, dass der Krebs überhaupt erst entsteht. Beim Zervixkarzinom erfolgt die Prävention durch die Impfung und Vorsorgeuntersuchung. Natürlich sind auch Raucherschutz, gesunde Ernährung und Bewegung wichtige Formen der Prävention. Der Zugang zu Präventionsmaßnahmen ist aber auch von Faktoren wie Bildung und sozialem Status abhängig. Und: Sind Menschen bereit, diese Informationen aufzunehmen und ihre Lebensgewohnheiten zu ändern?

Wie steht es um die derzeit verfügbaren Mittel für Prävention und Screening?
Micksche: Schlecht, derzeit will die Kosten für Präventionskampagnen leider niemand übernehmen. Prävention bedeutet etwa die Eigenverantwortung der Bürger und auch das zur Verfügung stellen der finanziellen Mittel, wie sie etwa für ein organisiertes Mammographie-Screening dringend notwendig wären.

Bei der Früherkennung liegen Fluch und Segen nah beieinander. Auf welchem Gebiet liefert die Früherkennung derzeit eine frühere Diagnose UND senkt die Sterblichkeit?
Micksche: Beim Mammakarzinom und Zervixkarzinom und auch beim Dickdarm gibt es eine wissenschaftlich gesicherte Evidenz, bei diesen Tumoren ist ein organisiertes Screening sinnvoll. Anders beim Prostatakrebs: Hier zeigen Studien, dass die Frühdiagnose - im Rahmen von organisierten Screening - des Prostatakarzinoms noch nicht lebensverlängernd wirkt. Individuell liegt das anders.
 
Oft, und aus unbekannter Ursache, kehrt ein bereits therapierter Tumor nach 10, 15 oder mehr Jahren zurück. Häufig hat er dann Metastasen gebildet und ist nicht mehr zu kurieren.
Schlafende Krebszellen, die sich irgendwo ansetzen. Diese Zellen werden vom Immunsystem in Schach gehalten, aber dann aus einem noch ungeklärten Ereignis heraus, werden diese Zellen aktiviert. Ziel ist daher eine Operation, bei der alle Tumorzellen entfernt werden und die anschließende Chemotherapie.

Die Initiative Krebsforschung fordert die Aufrechterhaltung der Spitzenforschung unter neuen Rahmenbedingungen. Welcher konkret?
Ein neues Forschungsgebäude, unser Gebäude ist abbruchsreif. Wir haben das personelle Potenzial für eine internationale Spitzenforschung. Was uns fehlt, sind die finanziellen Möglichkeiten. Wir brauchen dringend gut dotierte Forschung und finanzielle Mittel für die Beschaffung neuer Geräte. Die Initiative will sich daher künftig, neben der Finanzierung von Forschungsprojekten, auch dafür einsetzen. Unsere Mailing-Aktion ist hier zum Beispiel sehr erfolgreich.

Was wünschen Sie sich für den Krebsforschungslauf am 09. Oktober?
Mit Hilfe der erlaufenen Kilometer konnten wir 2009 die Untersuchungen zum Lungenkrebs intensivieren, um aufzuzeigen welches Medikament bei welchem Patient eingesetzt werden kann.
2010 wollen wir mit Hilfe der Spendengelder die Bio-Marker Forschung intensivieren. Durch die Erforschung von Bio-Markern wollen wir unseren Patienten medikamentöse Therapien mit hohen Nebenwirkungen aber ohne Nutzen ersparen. Hier sind wir auf einem guten Weg!

Wo sehen Sie zentrale Herausforderungen für die Krebsforschung?
Unser Ziel ist, jedem Krebspatienten eine individualisierte Diagnose und Therapie zu bieten, etwa indem wir durch die Entwicklung von Bio-Markern sagen können, wo eine bestimmte Therapie sinnvoll ist oder nicht. Chemotherapien und neue medikamentöse Therapien wirken nicht bei jedem Patient. Darüber hinaus müssen wir unsere Forschungsergebnisse für Therapie und Prävention der Allgemeinheit zugänglich machen und mehr Menschen als bisher erreichen.

Wir müssen unsere tägliche Arbeit auf eine verständliche Sprache bringen und eine zentrale Botschaft trommeln: Krebsforschung hilft! Im Gegensatz zu den USA hinken wir bei der Spezialisierung hinterher. Operiert werden sollte nur dort, wo Expertise vorhanden ist. Das bedeutet, nicht jedes Landeskrankenhaus kann und soll alles machen. Was uns fehlt, ist eine nationale Krebsstrategie, eine politische Stabstelle zum Thema Krebs und damit die Koordination aller Forschungsprojekte – ohne Forscher zu bevormunden. Ein nationales Krebsforschungszentrum würde Sinn machen.

Vielen Dank für das Gespräch!

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