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Knochenverlängerung um 26 Zentimeter: Kallusdistraktion rettet Oberschenkel

(Wien, 20-06-2011) Auf dem Gebiet der Behandlung unfallbedingter, traumatischer Knochendefekte ist die Universitätsklinik für Unfallchirurgie der MedUni Wien am AKH Wien führend. Nun konnte ein unfallbedingt stark verkürzter Oberschenkelknochen mit der innovativen NAL-Methode wieder verlängert werden – um 26 Zentimeter, in nur acht Monaten.

Gebrochene und zerstörte Knochen sind die häufige und bekannte Folge eines Unfalls. Ein weniger bekannter unfallbedingter Knochendefekt ist die Verkürzung von Röhrenknochen (zum Beispiel der Ober- oder Unterschenkelknochen). Die sogenannte Kallusdistraktion (Knochenverlängerung) ist in diesen Fällen eine effektive und sichere Therapie. Dabei wird zunächst der Knochen durchschnitten, wodurch eine künstliche Wachstumsfuge entsteht. Mit der kontrollierten Dehnung dieser Wachstumsfuge kann der Knochen auch bei Erwachsenen verlängert werden. Zur Dehnung wird ein ringförmiger, äußerer Rahmen angebracht (Fixateur externe), der mit den durchtrennten Knochen verbunden ist und sukzessive auseinanderbewegt wird.
Konventionelle Kallusdistraktion: Ein Zentimeter Knochenverlängerung pro Monat
Nach der Dehnung muss der Knochen aushärten. Bei der konventionellen Kallusdistraktion verbleibt zu diesem Zweck der äußere Rahmen auf der betroffenen Gliedmaße. Dazu Univ.-Prof. Dr. Gerald E. Wozasek von der Universitätsklinik für Unfallchirurgie der MedUni Wien am AKH Wien: „Pro Tag kann der Knochen im Idealfall um einen Millimeter gedehnt werden. Weitere zwei Tage pro Millimeter sind für das Aushärten des Knochens nötig. Als Faustregel entspricht bei der konventionellen Kallusdistraktion also ein Zentimeter Knochenverlängerung einem Monat Tragen des äußeren Rahmens. Gerade bei großen Dehnungen kann die Kallusdistraktion dadurch langwierig und unangenehm sein. Hinzu kommt ein allgemeines Infektionsrisiko, da die Eintrittsstellen des verwendeten äußeren Rahmens keimbelastet sind.“

AKH Wien und MedUni Wien weltweit Vorreiter bei schneller NAL-Methode
Als Alternative dient die innovative NAL-Methode (NAL/Nailing after Lengthening), bei der Wien weltweit zu den Vorreitern zählt. Bereits mehrfach konnte Wozasek diese Methode – bei der nach Abschluss der Knochendehnung von einem externen System (äußerer Rahmen) auf ein internes Stabilisierungssystem (Marknagel) gewechselt wird – erfolgreich anwenden. Der große Vorteil liegt in der Zeitersparnis: Der Patient muss den lästigen, weil klobigen äußeren Rahmen um zwei Drittel kürzer tragen als sonst, da der Knochen durch das Setzen eines stabilisierenden Marknagels sofort wieder voll belastet werden kann.

26 Zentimeter zerstörter Oberschenkelknochen
Die bis jetzt größte Kallusdistraktion unter Verwendung der NAL-Methode schloss Wozasek kürzlich erfolgreich ab. Im Juli 2010 wurde der linke Oberschenkel des 15-jährigen Patrick schwerstens verletzt: Auf 26 Zentimetern Länge wurde der Oberschenkelknochen über dem Knie abgetrennt und ein großes Stück des Oberschenkels herausgetrennt. Das Bein hing nur noch an einigen Muskeln, Nerven und einer Arterie. Das Kniegelenk war vollkommen zerstört. Zusätzlich war die Kniekehlenvene durchtrennt und das Gewebe stark verschmutzt.

Sofortmaßnahmen zur Stabilisierung des zerstörten Oberschenkels
Das Unfallopfer wurde von Wozasek an der Universitätsklinik für Unfallchirurgie der MedUni Wien am AKH Wien übernommen: „Die Wunde sah aus, als ob der Knochen herausgerissen wurde. In meiner gut 30-jährigen Arbeit als Unfallchirurg habe ich so etwas noch nie gesehen.“ Um das verletzte Bein zu stabilisieren, wurde nach Naht der verletzten Vene von Wozasek ein äußerer Rahmen montiert, das Bein verkürzt und an dieser Stelle eine Konstruktion aus Markdrähten und Knochenzement als Platzhalter eingesetzt. Rasch zeigte sich der Erfolg der Maßnahmen.

Amputation oder Knochenverlängerung?
In dieser Zeit diskutierte Wozasek mit Patrick und dessen Eltern die Frage einer Amputation: „Da das Knie zerstört war, musste Patrick klar sein, dass sein Bein steif bleibt. Nach einer Amputation hätte er innerhalb von drei Wochen nach Hause können.“ Für den jungen Niederösterreicher keine Option. Er wünschte sich von Anfang an die von Wozasek angebotene Alternative einer Kallusdistraktion: 26 Zentimeter Knochen sollten rekonstruiert werden, nicht nur aufgrund der Länge sondern auch aufgrund der schweren Traumatisierung des Oberschenkels ein außergewöhnliches Unterfangen. Dazu Wozasek: „Patrick traf diese Entscheidung, obwohl er wusste, dass ihm dadurch wahrscheinlich mehrere schwierige Jahre bevorstehen.“ Anfang September 2010 startete am AKH die Rekonstruktion. Zu diesem Zweck zersägte Wozasek den Knochen an zwei Stellen und setzte einen äußeren Rahmen. Damit begann die Verlängerung von Patricks Ober- und Unterschenkelknochen.

Nur acht Monate später: Knochen um 26 Zentimeter verlängert und voll belastbar
Im Mai 2011 war es so weit: Patricks Knochen war durch die Kallusdistraktion in nur acht Monaten um 26 Zentimeter länger geworden. Zum Aushärten des Knochens hätte er den klobigen Rahmen noch knapp zwei Jahre tragen müssen. Das konnte Wozasek dem inzwischen 16-jährigen Patrick durch die NAL-Methode ersparen. In einer vierstündigen Operation entfernte Wozasek vor wenigen Tagen zunächst den externen Rahmen. Die große Herausforderung war das Setzen eines 80 Zentimeter langen Marknagels, der nun den Unter- mit dem Oberschenkel verbindet und so das Bein stützt. Wozasek kurz nach der Operation: „Schon bald wird Patrick wieder voll mobil sein. Noch im Aufwachraum bedankte er sich für die Operation. Das war für mich der schönste Augenblick.“

Service:
Der ORF begleitete Patrick nach seinem Mopedunfall und die Rekonstruktion seines Oberschenkels:
„ORF1 direkt- das Magazin“, Di., 21. Juni, 22:50Uhr