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MedUni Wien-Physiker vermessen menschliche Gesellschaft in Onlinewelt

(Wien, 19-07-2010) Forscher vom Institut für Wissenschaft komplexer Systeme an der Medizinischen Universität Wien berichten über einen Durchbruch in der Soziophysik: Erstmals wurden die gesamten sozio-ökonomischen Abläufe einer menschlichen Gesellschaft mit über 300.000 Individuen mit naturwissenschaftlicher Präzision vermessen.

Die Physiker Michael Szell, Renaud Lambiotte, und Stefan Thurner sammelten dazu über 4 Jahre hinweg Daten aus dem, von Szell entwickelten Onlinespiel PARDUS (www.pardus.at). Dieses ist ein Massive Multiplayer Online Game, das den Spielern  die Möglichkeit bietet ein alternatives - ein second life - zu 'leben'. Die vollständig aufgezeichneten Daten beinhalten praktisch jede soziale, wirtschaftliche, politische, altruistische oder aggressive Handlung jedes Einzelnen der 300.000 Spieler. Die ersten aus diesem gigantischen sozialwissenschaftlichen 'Experiment' gewonnenen  Erkenntnisse über soziale Netzwerke und deren Einflüsse auf gesellschaftliche Dynamik erscheinen in der jüngsten Ausgabe der renommierten Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS).

Freundschaften, Feindschaften, Handel, Aggression und Kommunikation bilden die Fundamente menschlicher Gesellschaften. Diese Beziehungen wurden mit netzwerktheoretischen Methoden analysiert. Besonders die gegenseitige Beeinflussung solcher fundamentaler Zusammenhänge zwischen verschiedenartigen sozialen Netzwerken wurde aufgeklärt. Bisher waren Aussagen dieser Art mangels ausreichender Daten nur als Spekulationen möglich. Das Forscherteam lieferte mit seinen Messungen nun erstmals präzise Aussagen zu einer Reihe von soziologischen Hypothesen. "Wir messen, wie sich soziale Spannungen aufbauen und auflösen, wie sich Freundschaften ausbreiten, wie typische Feindschaftsnetzwerke aussehen, welchen Einfluss Kommunikation auf Handel hat, wie aggressives Verhalten von der Gruppe geahndet wird, etc.", erklärt Michael Szell.

"Unser ultimatives Ziel ist es, mit Hilfe dieser Onlinewelt 'Naturgesetze' über menschliches Gruppenverhalten aufzudecken, um in der 'wirklichen Welt' besser mit Massenphänomenen umgehen zu lernen. Diese sind bis heute relativ unverstanden, und reichen z.B. von Wählerdynamik, Wirtschaftskrisen, sozialen Unruhen bis hin zu Migrationsströmen oder Seuchenausbreitung", meint Stefan Thurner. Anstelle von Umfragen - wie sie bisher in den Sozialwissenschaften benutzt werden - nützen die Wissenschafter ihre gewaltigen Datensätze aus ihrer Onlinewelt, und demonstrieren das Potential solcher 'sozio-ökonomischer Laboratorien' zur Gewinnung von Erkenntnissen über das soziologische und wirtschaftliche Verhalten der menschlichen Spezies.

Die Autoren
Michael Szell ist Forscher an der MedUni Wien sowie Entwickler/ Betreiber von PARDUS, Renaud Lambiotte ist Postdoc am Imperial College, London, Stefan Thurner ist Professor für Wissenschaft komplexer Systeme an der MedUni Wien und externer Professor am Santa Fe Institute, USA.

Die Medizinische Universität Wien errichtete im Oktober 2009 mit der Professur für Wissenschaft komplexer Systeme einen Wissenschaftszweig, bei dem auf mathematischer Grundlage die Wechselwirkungen von Einzelteilen innerhalb von lebenden Systemen erforscht werden. Die Schwerpunkte dieses neuen Wissenschaftszweigs an der MedUni Wien liegen in zwei Bereichen: Der eine ist formaler Natur, und versucht mathematisches Neuland zu ergründen, das für Kontrolle und Manipulation von komplexen Systemen unerlässlich ist. Der andere Bereich ist die direkte Anwendung dieser neuen Methoden auf Life Sciences und in geringerem Ausmaß auch auf Social Sciences.

» www.complex-systems.meduniwien.ac.at