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Renate Kain

Ass.-Prof.in Dr.in
Researcher of the Month März 2009

 

Warum haben Sie sich für eine wissenschaftliche Karriere entschieden?
Mich hat von frühester Kindheit an jede wissenschaftliche Fragestellung interessiert, nämlich das Warum, das hinter den Dingen steht. Ich habe beispielsweise einmal gelesen, dass Regenwürmer Konkons zur Ablage Ihrer Eier bilden, die sie später abscheiden - daraufhin habe ich im Alter von 7 Jahren begonnen Regenwürmer zu züchten … Dieses Interesse ist über die gesamte Schulzeit hinweg geblieben und ich habe dann auch begonnen, als Hauptstudium Zoologie zu studieren. Um auch einen Brotberuf zu haben, inskribierte ich zusätzlich Medizin.
Medizin habe ich fertig studiert, weil ich gesehen habe, dass an der Medizinischen Fakultät die Möglichkeiten wissenschaftliche Arbeiten mit Bezug zum Menschen und zu menschlichen Erkrankungen durchzuführen viel größer waren als in der Zoologie. Die vergleichende Verhaltensforschung hat mich auch sehr interessiert; allerdings die Forschung für den Menschen brachte mich dazu, an der medizinischen Fakultät zu bleiben und meine Facharztausbildung zu machen.

 

Wie verlief Ihr wissenschaftlicher Weg?
Ich habe während des Studiums am Institut für Mikromorphologie und Elektronenmikroskopie meine ersten wissenschaftlichen Schritte gemacht. Meine Supervisoren waren damals Prof. Böck, der jetzt auf der Veterinärmedizin ist, und Prof. Mallinger. Nach Abschluss meines Medizinstudiums habe ich dann mit Hilfe eines Stipendiums des Bundesministeriums zu Prof. Kerjaschki auf die Pathologie gewechselt. Ich arbeitete an einer Studie über eine humane Erkrankung anhand eines Rattenmodells. Das waren meine ersten Laborarbeiten und Publikationen. Ich begann damals auch mit der Facharztausbildung in Pathologie.
Die Wissenschaft war zu diesem Zeitpunkt zwar schon sehr wichtig, aber doch nur nebenbei. Bis ich im Jahr 1994, zwei Jahre nach der Facharztausbildung, in die USA ging. Ich war fast 4 Jahre am Burnham Institue (früher La Lolla Cancer Research Foundation) und habe von dort Publikationen mitgebracht. Danach war ich wieder 2 Jahre in Wien. In dieser Zeit habe ich meinen Mann kennen gelernt, dem ich ins Ausland nach Aberdeen/Schottland folgte, wo ich fast 7 Jahre lebte. Ich hatte dort 5 Jahre lang ein Senior Research Fellowship von Kidney Research UK (früher National Kidney Research Foundation) und fing an, meine Arbeitsgruppe aufzubauen. 50% meiner Zeit arbeitete ich als Consultant Histopahtologist (unser Facharzt) auf der Pathologie. Ende 2006 beschlossen wir, unsere Zelte abzubrechen und nach Wien zu gehen. So entwickelte sich langsam meine wissenschaftliche Karriere über den halben Globus.
Diese Auslandsaufenthalte haben mir persönlich sehr viel gebracht, ich habe sehr viel gelernt, nur jeder Wechsel war in Bezug auf die berufliche Karriere eine Unterbrechung und ein Neuanfang. Das betrachte ich als größtes Hindernis in meiner Karriere. Denn alle KollegInnen, die mit mir gemeinsam angefangen haben, die teilweise sogar jünger sind, haben mittlerweile gefestigte Positionen, sind habilitiert und etabliert. - Ich war letzte Woche auf einem Workshop, da wurde gesagt, dass das wieder Zurückzukommen so lange dauert, wie der Auslandsaufenthalt selbst – das fand ich sehr interessant.
Ich habe jetzt von meinem Chef zwar wieder alle Möglichkeiten bekommen, aber man kennt die relevanten Personen nicht, man hat keine Netzwerke, man muss sich Leuten wieder ins Gedächtnis rufen, es müssen Dinge etabliert werden, die davor einfach gegeben waren … In den USA haben diese Dinge keine so große Rolle gespielt, denn das System dort ist darauf aufgebaut, dass Post-docs kommen und gehen und es funktioniert trotzdem.
Nach der Zeit in den USA habe ich mich überall in der Welt deplaziert gefühlt. Ich wusste nicht, was ich will und ich spürte auch, dass KollegInnen mir vorsichtiger entgegentraten, da sie mich und meine Postition nicht einordnen konnten. Auch in Schottland habe ich wieder von Neuem begonnen und musste mich und mein Können beweisen. In so ferne habe ich das, was so hoch gelobt wird – die Mobilität – eigentlich in Bezug auf die Karriere nicht nur positiv empfunden. Mit dieser Erfahrung im Hintergrund möchte ich nun aber Leute unterstützen Mobilität in einer Art und Weise umzusetzen, dass man nicht immer wieder völlig neu beginnen muss.

 

Was sind Ihre Stärken und wie konnten Sie diese für Ihre Karriere nutzen?
Ich kann sehr gut organisieren. Hauptsächlich mich selbst, bis zu einem gewissen Grad auch andere. Wie schachtle ich einen Tag so, dass ich möglichst viel unterbringe? Dinge sollen laufen, während ich gleichzeitig etwas anderes mache.
Meine zweite Stärke ist, dass ich sehr flexibel bin, wobei diese geistige Flexibilität mit zunehmendem Alter weniger wird. Ich muss mich also bewusster daran erinnern, dass Dinge anders gemacht werden können und dass diese auch aus einer anderen Perspektive betrachtet werden können.

 

Was sind Ihre wichtigsten Ressourcen gewesen, um Karriere machen zu können?
Die Belastbarkeit meiner Familie, sowie meine eigene Belastbarkeit - vorausgesetzt, ich habe genug geschlafen. Die wichtigste Ressource ist aber sicherlich der Rückhalt in der Familie, der mir zeitlich sehr viel ermöglicht hat, indem mir Dinge abgenommen wurden.
Meine Eltern haben mich finanziell auch sehr stark unterstützt, vor allem während des USA Aufenthaltes. Von dem Fellowship konnte ich zwar leben, aber laufende Kosten, die zu Hause anfallen, müssen auch abgefangen werden. Ich denke nicht, dass das ohne Familie oder größere Kredite funktioniert hätte.

 

Was war Ihr größter Misserfolg und was haben Sie daraus gelernt?
Ein Misserfolg ist sicherlich, dass ich das Gefühl habe, in Bezug auf meine Karrieremöglichkeiten Zeit verloren zu haben. Das ist nicht nur durch die Kinder bedingt, die sicherlich eine Unterbrechung darstellen, sondern auch mein Wandern durch die Welt. Die Übersiedlungen und Übergänge von einer Position zur nächsten haben viel Zeit gekostet. Da ich die Aufenthalte in verschiedenen Ländern und Kulturen trotz allem als eine enormen persönliche Bereicherung erlebt habe, habe ich mir vorgenommen, meine Erlebnisse zu nutzen, anderen, jüngeren Kollegen mit einer Erfahrung zur Seite zu stehen um ihre Auslandsaufenthalte effizienter gestalten zu können.
Mein Mann hat ein Initial Training Network mit 4 akademischen und 3 industriellen PartnerInnen von der EU zugesprochen bekommen. Die Mobilität steht bei diesem internationalen Doktoratskollege an vorderster Stelle. Es ist so aufgebaut, dass die Leute mobil sind, sie sollen kurze Zeit bei KooperationpartnerInnen im Ausland verbringen, um komplementäre Stärken ausnützen zu können. Ich möchte ein Programm ausarbeiten, das den Personen ermöglicht ohne persönlichen oder finanziellen Verlust, sowie ohne Verlust von Arbeitszeiten leicht wechseln zu können. Also kleine Grants zu ermöglichen, Regulierungen bezüglich Health and Safety in anderen Ländern transparent zu machen etc. Infos zu diesem Programm sind zu finden unter: meduniwien-TranSVIR.

 

War es für Ihren Karriereverlauf hinderlich, eine Frau zu sein?
Nein. Für mich persönlich nicht, weil ich einen Chef habe, der eine Mitarbeiterin/einen Mitarbeiter als ein non-gender Wesen sieht, solange diese Person ihre Arbeit macht, gut ist und sich in das Gefüge einpasst. Ich wurde von meinen Eltern unterstützt, das zu machen was ich möchte. Ich hatte auch nie das Gefühl, dass ich Grenzen hätte, weil ich eine Frau bin. Das habe ich erst später gelernt, dass das so sein kann. Für mich war es nicht hinderlich eine Frau zu sein, es war aber auch kein Vorteil.

 

Falls Sie Kinder haben: Was ist bzw. war an Unterstützung besonders hilfreich?
Mein Mann betrachtet es nicht als Frauenaufgabe, sich um Kinder zu kümmern und wir teilen uns die Kinderbetreuung. Das funktioniert wirklich partnerschaftlich, er springt immer wieder ein, wenn es meine Arbeit erfordert. Er macht das gerne und unterstützt mich. Meine Mutter ist eine begeisterte Großmutter, die es fast als Nachteil empfindet, wenn sie einen Tag von den Kindern ferngehalten wird. In Großbritannien hatten wir eine Nanny, die aber aus gesundheitlichen Gründen ausgefallen ist. Meine Eltern haben sich kurzerhand entschlossen, nach Schottland zu ziehen und übernahmen die Kinderbetreuung. Anders wäre es nicht möglich gewesen, sonst hätten ich oder mein Mann aufhören müssen zu arbeiten. 

 

Welchen Ausgleich suchen Sie in Ihrer Freizeit?
Ich gärtnere sehr gerne. Eine halbe Stunde Unkraut zu jäten ist eine Genugtuung und ich freue mich wenn der Garten schön wächst. Und es freut mich, wenn ich den eigenen Salat ernten und essen kann.
Ich mache gerne Sport, nur mache ihn zu wenig, weil mir die Zeit fehlt. Und ich lese sehr gerne. Ich lese viele Romane, quer durch den Gemüsegarten und auch wahnsinnig gerne Krimis.

 

Tipps und Tricks
Jede Person muss mit den Möglichkeiten, die sie hat, den eigenen Weg finden. Es ist wichtig, herauszufinden, was man wirklich möchte und dann eben das zu tun. Und wenn man daran zweifelt, dass man es kann, muss man auch rechtzeitig aufgeben können um etwas anderes zu machen. Wir sind viel zu sehr darauf programmiert, dass wir unseren Weg auf jeden Fall zu Ende gehen müssen, egal ob es gut geht oder nicht, oder egal, ob es uns gut damit geht oder nicht. Aber wenn man selbst daran glaubt, dann sollte man es nicht aufgeben.