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Rheumatologen: Knorpelstatus und Gelenkschwellung bisher unterschätzt

(Wien, 22-08-2011) Das könnte zu einem Paradigmenwechsel bei der Behandlung von rheumatoider Arthritis führen: Rheumatologen an der Medizinischen Universität Wien haben in einer Sekundärstudie mit 3.000 Patientinnen herausgefunden, dass man dem Knorpelstatus bei entzündlichem Gelenksrheuma mehr Beachtung schenken muss als bisher angenommen. Bisher war vorrangig die Schädigung des Knochens untersucht worden. Zudem fanden sie heraus, dass den Zeichen der Gelenkschwellung ein größerer Stellenwert zukommt als den Blutbefunden.  

„Wichtig ist, die Funktionsfähigkeit des Gelenks zu bewahren. Das ist unser Ziel, damit die Fähigkeit erhalten bleibt, sich ein Glas Milch einzuschenken, aus dem Auto auszusteigen oder sich selbst waschen zu können. Unsere Studie hat gezeigt, dass der Erhalt der Knorpelstruktur für dieses Funktionieren wichtiger ist als jener der Knochenstruktur. Den Knochen wieder aufzubauen, ist grundsätzlich möglich, beim Knorpel ist die Schädigung unwiderruflich. Der Knorpel ist daher das viel größere Problem bei der rheumatoiden Arthritis“, sagt Josef Smolen, Vorstand der klinischen Abteilung für Rheumatologie der Universitätsklinik für Innere Medizin III.

Smolen war erst Mitte Juli 2011 vom „Laborjournal online“ als meistzitierter deutschsprachiger Rheumatologe ausgezeichnet worden. In der Rheumatologie an sich lässt Europa die sonst in der medizinischen Forschung oft führende USA hinter sich – und in Europa gilt Wien als „das“ führende Zentrum.

Frühere Therapie des Knorpels
Das Ergebnis der Studie: Dem Knorpel muss künftig einerseits bei der Diagnose mehr Beachtung geschenkt werden, etwa beim Röntgen, und andererseits muss mit der Therapie früher begonnen werden, auch präventiv. Dazu stehen derzeit rund 15 hochpotente, entzündungshemmende Medikamente zur Verfügung. Daniel Aletaha, der Erstautor der Studie: „Wir müssen beides, den Knorpel und den Knochen, vor Zerstörung schützen. Bei der Röntgenuntersuchung etwa hat man aber bisher weniger Wert auf die Knorpeldestruktion gelegt. Das wird nun auf Basis unserer Studie weltweit überdacht werden müssen.“

Etwa ein Prozent der Bevölkerung weltweit ist von rheumatoider Arthritis betroffen, an der Universitätsklinik der MedUni Wien am AKH Wien werden derzeit rund 2.000 PatientInnen – 75 Prozent davon sind Frauen – behandelt. Die im renommierten europäischen Fachmagazin „Annals of the Rheumatic Diseases“ veröffentlichte Studie dauerte knapp zwei Jahre.

PatientInnen-Untersuchung wichtiger als Blutbefund
In einer weiteren Studie der Wiener Rheumatologen, die ebenfalls in „Annals of the Rheumatic Diseases“ erschienen ist, stellten die ForscherInnen fest, dass die Beurteilung der entzündlichen Aktivität mittels Blutbefund nicht immer als bedeutsam anzusehen sind. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn im Blutbefund keine Entzündungszeichen erkennbar sind, jedoch gleichzeitig entzündete Gelenke in der klinischen Untersuchung vorliegen. „In diesem Zusammenhang übertrumpft die klinische Untersuchung des Patienten den Blutbefund, der dann zweitrangig ist“, sagt Studienleiter Aletaha. „Denn in einer solchen Situation gehen auch bei einem ‚guten’ Blutbefund jene Prozesse weiter, die das Gelenk kaputt machen.“

Dieses Phänomen ist insbesondere in jenen Situationen wesentlich, in denen die Krankheit durch die Behandlung weitgehend, aber noch nicht vollständig, zurückgedrängt wurde. Da dies bei rund zehn Prozent der Patienten der Fall ist, müssen trotz unauffälligem Blutbefund weitergehende therapeutische Überlegungen angestellt werden.

Service
» “Physical disability in rheumatoid arthritis is associated with cartilage damage rather than bone destruction” veröffentlicht in Annals of the Rheumatic Diseases (http://www.ard.bmj.com) Autoren: Daniel Aletaha, Julia Funovits, Josef Smolen.
» “Rheumatoid arthritis near remission: clinical rather than laboratory inflammation is associated with radiographic progression” veröffentlicht in Annals of the Rheumatic Diseases. Autoren: Daniel Aletaha, Farideh Alasti, Josef Smolen.