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Sonnenschein kann als „Motor“ für einen Suizid wirken

(Wien, 11-09-2014) Lange Phasen von Sonnenschein sind – das ist durch viele wissenschaftliche Studien belegt – positiv für die menschliche Seele und können bei depressiv verstimmten Personen heilsam wirken. Ganz anders verhält es sich zu Beginn einer Schönwetter-Phase. In den ersten sonnigen Tagen kann die dadurch hervorgerufene innere Unruhe und erhöhte Aktivität bei gefährdeten Personen als Motor zum Suizid wirken.


Das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie unter der Leitung von Matthäus Willeit und Nestor Kapusta von der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie und der Universitätsklinik für Psychotherapie und Psychoanalyse der MedUni Wien, die nun, anlässlich des Welt-Suizidpräventionstags am 10. September, im Top-Journal JAMA veröffentlicht wurde.


Die WissenschafterInnen konnten in der Erhebung der Suizid-Daten in Österreich zwischen Jänner 1970 und Mai 2010 mittels mathematischer Modelle feststellen, dass die tägliche Sonnenscheindauer mit der Wahrscheinlichkeit eines Suizids zusammenhängt – und zwar wirkt Sonnenschein  besonders in den Tagen unmittelbar vor einem Suizidereignis als „Motor“ für den Suizid. In der Untersuchung wurden Daten zu fast 70.000 Suiziden und meteorologische Daten aus 86 Messstationen in Österreich aus den Jahren 1970 bis 2010 zueinander in Beziehung gesetzt. Um den Einfluss anderer jahreszeitlicher Rhythmen auf die Ergebnisse - wie beispielsweise saisonale Veränderungen in der Arbeitslosigkeit – auszuschließen, wurde Saisonalität aus den Daten mathematisch entfernt, sodass nur mehr der Einfluss des Sonnenlichts auf die Häufigkeit von Suiziden gemessen wurde.


„Zwischen dem 14. und 60. Tag einer Schönwetter-Phase war die Wirkung der Sonne eindeutig positiv, es gibt weniger Suizide und die Sonne schützt geradezu davor“, erklärt Willeit. „Unsere Zahlen unterstreichen aber die These, dass Sonnenschein am Tag des Suizids selbst und auch in den 10 bis 14 Tagen vor einem Suizid als Antrieb dafür betrachtet werden darf.“


Je unmittelbarer also nach einer Periode mit wenig Licht die Sonne auf die menschliche Seele einwirkt, desto gefährdeter sind vulnerable Personen. Willeit: „In den ersten Tagen führt viel Sonne bei Menschen im Allgemeinen zu einem erhöhten Aktivitätslevel. Das kann bei depressiv verstimmten Personen zu Antriebssteigerung, innerer Unruhe und vermehrter Impulsivität führen und dazu führen, dass Suizidgedanken dann tatsächlich eine Suizidhandlung auslösen.“ Das wird auch durch die Tatsache unterstrichen, dass in Österreich, aber auch in den meisten anderen Ländern, die meisten Suizide im Frühling begangen werden. „Die Erforschung der Befindlichkeit im Zusammenhang mit Jahreszeiten erlaubt einen Einblick in biologische Regelkreisläufe, die an unserer Klinik intensiv beforscht werden“ hebt der Leiter der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der MedUni Wien, Siegfried Kasper, hervor. Willeit: „Und je weiter man nach Norden kommt, desto deutlicher wird dieser Effekt.“


Insgesamt ist Suizid in der Gesamtbevölkerung glücklicherweise ein relativ seltenes Geschehen. Personen, bei denen mehrere der bekannten Risikofaktoren für einen Suizid – wie beispielsweise psychiatrische Erkrankungen, Substanzmissbrauch, Lebenskrisen oder Suizidversuche in der Vergangenheit – zusammenkommen, bedürfen in Zeiten schnell zunehmenden Tageslichts, also meist in Frühjahr und Frühsommer, einer erhöhten psychiatrischen und psychotherapeutischen Aufmerksamkeit.


Fünf Forschungscluster an der MedUni Wien

Insgesamt sind fünf Forschungscluster der MedUni Wien etabliert, in welchen in der Grundlagen- wie klinischen Forschung vermehrt Schwerpunkte an der MedUni Wien gesetzt werden. Die Forschungscluster umfassen medizinische Bildgebung, Krebsforschung/Onkologie, kardiovaskuläre Medizin, Immunologie und medizinische Neurowissenschaften. Die vorliegende Arbeit von der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der MedUni Wien fällt in den Bereich der medizinischen Neurowissenschaften.


Service: JAMA

„Direct Effect of Sunshine on Suicide“. B. Vyssoki, N. Kapusta, N. Praschak-Rieder, G. Dorffner, M. Willeit. JAMA, doi:10.1001/jamapsychiatry.2014.1198, September 10, 2014.