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Ursula Schmidt-Erfurth

Titel: Univ.-Prof.in Dr.in
Leiterin der Univ. Klinik für Augenheilkunde und Optometrie

 

Warum haben Sie sich für eine wissenschaftliche Karriere entschieden?
Im Vorfeld entscheiden kann man das glaube ich nicht, weil man nicht weiß, ob man ein guter Wissenschaftler wird, und man weiß auch natürlich noch viel weniger, ob man ein erfolgreicher Karrierist wird. Ich habe mich eher mit bestimmten Fragestellungen, die mir während des Studiums, eigentlich schon während der Schulzeit, aufgefallen sind, näher befasst, weil sie mir interessant erschienen, weil ich finde dass Zusammenhänge interessant sind, die intellektuell ansprechend sind, aber die auch einen praktischen Wert für die Menschheit haben. Und da liegt es natürlich nahe, dass man sich mit medizinisch-klinischer Forschung befasst. 

 

Wie verlief Ihr wissenschaftlicher Weg?
Nach außen sieht das immer sehr geradlinig aus, und wenn man sich aber dann selbst erinnert, wie sich der berufliche Lebensweg entwickelt hat, dann sind da viele Kurven und Umwege dabei. Zusammengefasst, hat sich das so ergeben, dass ich in München Medizin studiert habe. Im Anschluss habe ich in München dann ein Jahr wissenschaftlich, zunächst überbrückungsmäßig, gearbeitet, am Institut für Immunologie, weil man mir in der Augenklinik gesagt hat, wenn ihr Vater kein Ordinarius ist, dann werden wir keine Stelle für sie haben. Und so bin ich der Grundlagenwissenschaft sehr intensiv näher gekommen, was überaus nützlich war, denn ich habe damit überhaupt wissenschaftliches Arbeiten gelernt. Ich hatte dann wiederum das Glück, dass aufgrund einer verfügbaren Schwangerschaftsvertretung ich doch kurzfristig eine Stelle an der Augenklinik der Universität bekommen habe. Dort habe ich dann meine klinische Facharztausbildung an der Universität München absolvieren können. Durch die Erfahrungen in der akademischen Medizin und durch verschiedene klinische Forschungsaktivitäten während der Ausbildungszeit, war eine klare Entscheidung für einen wissenschaftlichen und universitären Werdegang getroffen. Entsprechend habe mich als Stipendiat über die deutsche Forschungsgemeinschaft für einen Forschungsaufenthalt in Boston an der Harvard Universität beworben. Ich habe dann anschließend nicht an meine alte Universität zurückkehren können, weil man dort „keine Wissenschaftler gebraucht hat“. Diese Absage war sicher eher auf meine Rolle als Frau und Familienmutter bezogen. Letztlich war dies ein Glücksfall, weil ich als aktiver Wissenschaftler gern gesehen war an einer kleineren Universität, in Lübeck, und dort konnte ich meine wissenschaftliche Arbeit dann auch klinisch umsetzten, und habe mir in den 12 Jahren, die ich dort verbracht habe, ein internationales Renommee erarbeiten können. Das war zwar sehr mühsam, weil ich an der Lübecker Klinik ein bisschen der Einzige aktive Wissenschaftler auf weiter Flur war, aber dadurch habe ich mrt den internationalen Anschluss suchen müssen und das hat natürlich den Horizont nochmals erweitert.

 

Was sind Ihre Stärken und wie konnten Sie diese für Ihre Karriere nutzen?
Hilfreich ist es, dass ich aus einer kinderreichen Familie stamme und mich deswegen, von früher Zeit an, mit den Bedürfnissen Anderer und anderweitigen Interessen arrangieren musste. Ich glaube, dass man dabei viel soziale Kompetenz und Geduld lernt. Hilfreich war es auch, dass ich mich aktiv entschlossen habe, Kinder zu haben. Ich bin auch als Wissenschaftler in den USA bereits mit Familie gewesen, und auch dadurch lernt man verstärkt Geduld und Ausdauer, weil diese Doppelfunktion eine erhebliche Belastung darstellt. Außerdem lernt man, dass eine Publikation nach der anderen kein Lebenszweck per se ist, und dass sich der zeitliche und emotionelle Aufwand nur lohnt, wenn die Projekte wirklich sinnvolle, relevante Inhalte darstellen. Zusätzlich lernt man, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren. Diese zwei Prinzipien oder auch Stärken erscheinen mir am nützlichsten: Geduld und Konzentrationsfähigkeit.

 

Was sind Ihre wichtigsten Ressourcen gewesen, um Karriere machen zu können?
Die wichtigste Unterstützung war sicher die deutsche Forschungsgemeinschaft, die mir den wissenschaftlichen Aufenthalt als Fellow in Amerika ermöglicht hat. Dadurch konnte ich effizientes wissenschaftliches Arbeiten lernen. Ich habe auch durch das Kennen lernen des amerikanischen Systems ein anderes Selbstbewusstsein als medizinischer Akademiker entwickelt. Man erfährt in den USA sehr unmittelbar, dass alles möglich ist, wenn man sich intensiv genug darum bemüht. Es herrscht dort sehr viel mehr Flexibilität, und man lernt, verschiedenste „opportunities“ zu nützen. Wesentlich war für meine Situation auch die Erfahrung, als berufstätige Frau nicht gebrandmarkt““ durch die Welt zu gehen, sondern es durchaus als normal zu empfinden, Familie zu haben und so Karriere zu machen. Diese normale Empfinden und Umgehen mit der eigenen Rolle habe ich von meinen amerikanischen Kolleginnen sehr viel intensiver gelernt als von meinen europäischen. Man lernt dort nicht, dass berufstätige Frauen mit Familie etwas Besonderes sind, sondern man lernt, dass es umgekehrt unangemessen wäre, wenn man sich nach einem langen, qualifizierten Studium entweder komplett gegen eine Familie entscheidet oder ausschließlich für die Familie.
Was mir im zweiten Schritt erheblich geholfen hat war, dass man mir in Wien, an der Wiener Fakultät die Chance gegeben hat, Verantwortung für eine universitäre Klinik zu übernehmen. Obwohl ich ein offensichtlicher „Außenseiter“ war: Eine Frau, relativ jung und auch keine Österreicherin. Diesen Auftrag betrachte ich als ein ganz großes Privileg. Und das ist im eigentlich Sinne das Karriereniveu, das Karriereziel, das man anstrebt: Die Chance sich für sein Fach und die eigene Universitätsklinik einsetzen zu können. Denn geht es ist nicht mehr nur um eine persönliche Karriere, sondern um eine Gruppenverantwortung. Dies sehe ich nicht nur als Krafteinsatz, sonders auch als stärkende Ressource.

 

Was war Ihr größter Misserfolg und was haben Sie daraus gelernt?
Im Einzelnen sicherlich zahlreiche! Aus einem einzelnen Misserfolg habe ich vielleicht nicht so viel gelernt, sondern mehr aus der generellen Erfahrung, dass aus manchen Unternehmungen etwas wird, und aus Anderen eben nichts. Letztlich kommt es auf die Summe an. Keinesfalls ist es nützlich, persönlich gekränkt zu sein, wenn ein Anliegen oder Vorhaben nicht funktioniert. An welchen Widerständen eine Sache auch immer scheitern mag, führt der Umgang damit meistens zu noch mehr Flexibilität und noch mehr kreativem Nachdenken. Dadurch ist der Karriereweg nicht so langweilig, sondern ein bisschen farbiger. Und auch das kann man, in der Rückschau zumindest, schätzen, wenn nicht immer alles stromlinienförmig und vorbereitet funktioniert. Misserfolge gibt’s schon, viele, aber das werden oft Korrekturen und Neuanfänge, in vielerlei Hinsicht.

 

War es für Ihren Karriereverlauf hinderlich, eine Frau zu sein?
Bei meiner ersten Bewerbung an einer städtischen Augenklinik in einer deutschen Kleinstadt habe ich folgenden Absagebrief bekommen: „Liebe Frau Doktor, wir danken Ihnen sehr für Ihr Interesse, müssen Ihnen aber leider mitteilen, dass wir Söhne von Kollegen in erster Linie berücksichtigen müssen.“ Und so ist es geblieben. Die Aussage enthält natürlich zwei Aspekte: Erstens, dass Männer weiter kommen, und zweitens, dass es auf politische Verbindungen ankommt. Beides hatte ich nicht, aber auch das macht kreativ. Und ich glaube, dass es auch nützlich ist, wenn man eine Frau ist, gerade mit Familie. weil das zwar oberflächlich natürlich Energie nimmt, aber auf der anderen Seite schon immer eine gute Erdung und einen guten Schwerpunkt neben allen anderen Dingen, bereitstellt. Ich denke, das ist im Prinzip ein Vorteil, aber es wird allgemein nicht als Vorteil erkannt, und auch zu wenig als Motor benützt. Gender Mainstreaming als Bewusstseinserweiterung ist hier erforderlich, damit die Möglichkeiten, die das Frau-Sein hat, auch zu Chancen werden. Und das kann man nicht als Einzelperson erreichen, sondern dafür ist eine „Bewegung“ erforderlich. Vernetzung und Kommunikation sind gerade für Frauen das A und O. Einzelne Märtyrer haben selten gesellschaftliche Realitäten verändert. 

 

Falls Sie Kinder haben: Was ist bzw. war an Unterstützung besonders hilfreich?
Hilfreich ist es sicher, wenn man von der eigenen Familie nicht das Gefühl bekommt, dass man eine Rabenmutter ist, wenn man sich nicht 24 Stunden täglich selbst um die Kinder kümmert. Und das war bei uns immer so: Auch meine Großmutter war bereits berufstätig, freiwillig berufstätig und hatte halt Erzieherinnen für ihre Kinder. Das zweite war, dass ich viel Solidarität unter Frauen, auf anderer Ebene gefunden habe, zum Beispiel bei Tagesmüttern, die meistens selber schon Kinder großgezogen hatten. Ich hatte immer zwei Kinderfrauen, weil ich ja ein größeres Arbeitspensum hatte, und das waren in der Regel sehr lebenserfahrene Frauen, die nicht nur mir geholfen haben, meine Kinder artgerecht zu betreuen, sondern die auch ein guter psychologischer Rückhalt waren, weil die halt selber im Leben schon viel mitgemacht hatten an großen und kleinen Krisen, und die haben mich, obwohl sie ja in einer ganz anderen Lebenssituation waren, auch immer sehr bestärkt, durchzuhalten.
Der andere wichtige Punkt den wir jetzt genießen ist, dass es in Österreich so viele gute Ganztagsschulen gibt. Das gibt es in Deutschland nicht, und das ist für Kinder generell und für Kinder berufstätiger Frauen ein großer Nutzen. Insofern ist auch der Standtort Österreich günstig für mich. Ganztagsschulen gab es in Lübeck beispielsweise keine Einzige, und Lübeck ist nicht so eine kleine Stadt.

 

Welchen Ausgleich suchen Sie in Ihrer Freizeit?
Das sind vor allem Unternehmungen mit meinen Kindern und gemeinsames Reisen mit den Kindern, die ich auch öfter mitnehme, wenn ich auf Kongresse fahre, an interessante Plätze der Welt. Und da denke ich, profitieren die Kinder auch wieder sehr davon, z.B. von einem internationalen Freundeskreis, von der Begegnung mit interessanten und engagierten Persönlichkeiten. Als „Hausfrau“ hätte ich nicht die Möglichkeit, meine Kinder an solchen, großzügigen und anregenden, persönlichen Verbindungen teilnehmen zu lassen. Das ist das, was ich in der jetzigen Lebensphase machen kann.
Auch Sport ist ein wichtiger Ausgleich und ein langbestehendes Hobby, besonders Tennis. Außerdem bin ich ein begeisterter und beharrlicher Theatergänger, eine Leidenschaft, die in Wien besonders gut zu genießen ist.

 

Tipps und Tricks
Ganz wichtig ist sicher das Schlüsselwort Mentorenschaft. Ich habe zwar selbst nie einen Mentor gehabt, aber ich sehe generell, das ist nicht unbedingt frauenspezifisch, dass junge Menschen Orientierungen brauchen, da man selber nicht leicht langfristig steuern kann, wohin die Entwicklung gehen wird, und dann ist es gut, wenn man einen erfahrenen Begleiter und Berater hat. Die Förderung von jungen Mitarbeitern sehe ich deshalb als eine meiner Hauptaufgaben, und das ist auch eines meiner Hauptvergnügen, Jenen jungen Mitarbeitern die Möglichkeiten und Perspektiven, die realistisch verfügbar sind, aufzuzeigen. Sie müssen dann allerdings schon selbst die Kraft entwickeln, aus dem Angebotenen etwas zu machen. Hier ist der Tipp ganz klar: Durchhalten und Konzentrieren. Ein wichtiger Verstärker ist es, sich, wenn man jung ist, jemanden zu suchen, der ein bisschen Vorbildfunktion hat. Der frauenspezifische Aspekt daran ist, das ist ja auch in diversen Studien untersucht worden, dass Frauen sehr viel mehr an persönlichen Vorbildern lernen, und Männer lernen in der Regel an Prinzipien und Strukturen.