Skip to main content

Zuwenig essen im Krankenhaus: Risiko-Faktoren sind weltweit gleich

Rund 92.000 Patienten-Daten in 56 Ländern analysiert
Alle News

(Wien, 03-11-2016) Erstmals wurde weltweit bei rund 92.000 stationär Aufgenommenen in 56 Ländern das Ess-Verhalten im Krankenhaus exakt analysiert: Die schwerwiegendsten Risiko-Faktoren für „Zuwenig essen im Spital“ und damit eine erhöhte Mortalität und Morbidität sind überall die Gleichen – egal ob in Europa oder den USA. Das ist das zentrale Ergebnis einer Studie von ForscherInnen der MedUni Wien an der Universitätsklinik für Anästhesie, Allgemeine Intensivmedizin und Schmerztherapie, der Universitätsklinik für Innere Medizin III und des Zentrums für Medizinische Statistik, Informatik und Intelligente Systeme. 

Unzureichende Nahrungsaufnahme und Mangelernährung bei kranken Menschen ist ein wichtiges gesundheitspolitisches und Public Health-Thema, das die Sozio-Ökonomie von Ländern mit sowohl niedrigem als auch mit hohem Einkommen beeinflusst. „Eine adäquate Ernährungsversorgung von Patienten sollte daher Teil eines ganzheitlichen Therapiekonzepts sein“, erklärt Karin Schindler, Ernährungsexpertin der Universitätsklinik für Innere Medizin III der MedUni Wien. Bei mangelernährten Patienten und Patientinnen ist die Morbidität und Mortalität bis zu 8-fach erhöht, die Krankenhausaufenthaltsdauer folglich länger. Schindler: „Dem steht aber gegenüber, dass 50-60 Prozent der Patienten und Patientinnen eine angebotene Mahlzeit nicht vollständig aufessen und diese reduzierte Nahrungsaufnahme selten ernährungsmedizinisch therapiert wird.“

Spitalsaufenthalt sorgt für deutlich weniger Appetit
Die ForscherInnen der MedUni Wien haben nun die Faktoren (und ihre Muster), die die Nahrungsaufnahme der PatientInnen an einem  bestimmten Tag, dem nutritionDay, beeinflussen und die ernährungsrelevanten Versorgungsstrukturen bei 91.245 hospitalisierten PatientInnen weltweit untersucht und die Ergebnisse im Top-Magazin „The American Journal of Clinical Nutrition“ veröffentlicht.

Das zentrale Ergebnis: Die Faktoren „geringe Mobilität“, „ungewollter Gewichtsverlust“ und „PatientIn hat in der Vorwoche nicht genug gegessen“ bedeuten ein erhöhtes Risiko, weniger zu essen. Frauen sind häufiger betroffen als Männer und ganz Junge und ganz Alte mehr als Menschen im Alter zwischen 40 und 79. Diese vier Faktoren sind überall auf der Welt praktisch gleich stark – auch in den USA, wo die PatientInnen generell mit einem höheren Body-Mass-Index ins Spital kommen. Es ist immer das gleiche Muster: Krankheit sorgt für weniger Appetit.  

Schindler: „Wenn einer dieser Faktoren erkannt wird, sollten bereits die Alarmglocken läuten.“  Diese PatientInnen sollten in ihrem Essverhalten kontrolliert, begleitet und beraten werden, so die ExpertInnen der MedUni Wien. „Die vielfach vernommene Entschuldigung des Patienten oder der Patientin‚ ‚ich bin krank, also ess‘ ich nichts‘, oder auch ‚fein, dann nehme ich wenigstens ab‘ sind nicht zulässig und schlecht für seine oder ihre Prognose. Diese Risikogruppen bedürfen einer speziellen Aufmerksamkeit.“

Eine spezielle Aufmerksamkeit, die auch in das ganzheitliche Behandlungskonzept einfließen muss. Schindler: „Einerseits sollten Patienten und ihr Ess-Verhalten systematisch bereits bei der stationären Aufnahme evaluiert werden. Die einfachen Fragen sind schnell gestellt und leicht zu beantworten. Den Patienten muss erklärt werden, warum essen wichtig ist. Man könnte auch strukturelle Anpassungen überlegen, etwa die Möglichkeit, kleinere Portionen anzubieten oder angereicherte Zwischenmahlzeiten und ganz spezielle, individuelle Speisen. Außerdem kann die Einbeziehung von Angehörigen zur Unterstützung beim Essen hilfreich sein.“

Über den „nutritionDay“
Der „nutritionDay“ wurde als weltweite Aktion gegen Mangelernährung nach einer Resolution im Europarat ins Leben gerufen und findet jährlich statt. Michael Hiesmayr, Leiter der klinischen Abteilung für Herz-Thorax-Gefäßchirurgische Anästhesie und Intensivmedizin an der MedUni Wien, und Karin Schindler haben diesen Aktionstag vor zehn Jahren initiiert. Der nächste nutritionDay findet am 10. November 2016 statt.

Service: The American Journal of Clinical Nutrition
„To eat or not to eat? Indicators for reduced food intake in 91 245 patients hospitalised on nutritionDays 2006–2014 in 56 countries worldwide - a descriptive analysis.“ K. Schindler, M. Themessl-Huber, M. Hiesmayr, S. Kosak, M. Lainscak, A. Laviano, O. Ljungqvist, M. Mouhieddine, S. Schneider, M. de van der Schueren, T. Schütz, C. Schuh, P. Singer, P. Bauer, C. Pichard, AJCN, October 2016, doi: 10.3945/ajcn.116.137125.