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Nürnberger Ärzteprozesse als wichtiger Meilenstein für die Entwicklung bioethischer Grundlagen in der Medizin

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(Wien, 01-03-2017) Vor 70 Jahren fanden in Nürnberg die Prozesse gegen 20 angeklagte Ärzte des nationalsozialistischen Regimes in Deutschland statt, die Urteile wurden im August 1947 gesprochen. Die Prozesse und deren Schlussfolgerungen im Nürnberger Kodex waren ein wichtiger Meilenstein als Initiative und für die Umsetzung bioethischer Grundlagen in der Medizin, die bis heute international weiter entwickelt und angewendet werden. Im Rahmen eines Pressegesprächs wurde diese Bedeutung von MedUni Wien-Rektor Markus Müller, Paul Weindling (Oxford Brookes University), Herwig Czech vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands und Christiane Druml, UNESCO Lehrstuhl für Bioethik an der Meduni Wien und Vorsitzende der Bioethikkommission beim Bundeskanzleramt, am Mittwoch betont und unterstrichen. 

Gegenstand der Anklage waren medizinische und pseudomedizinische Experimente, die an Häftlingen in den Konzentrationslagern ohne Rücksicht auf deren Gesundheit und Leben vorgenommen worden waren. „Im Nürnberger Kodex wurde erstmals festgehalten, dass kein Mensch ohne sein Einverständnis für Experimente zur Verfügung stehen darf“, sagte Christiane Druml. „Und seither gelten Bioethik, Menschenwürde und Menschenrechte gemeinsam als Grundlage jeder medizinischen Forschung.“ Es sei wichtig, auch heutzutage, 70 Jahre nach den Prozessen, dieser zu gedenken und sich allen Anfängen zu verwehren, betonte Druml.

Aus dem Nürnberger Kodex mit zehn Punkten resultierten in der Folge weitere medizinethische Kodizes der UNESCO, des Weltärztebundes (Deklaration von Helsinki) und des Europarates. „Damit ist gesichert, dass die heutige Medizin auf bioethischen Grundlagen basiert und das auch bleibt“, sagte Druml. Man dürfe aber dennoch nicht vergessen, was damals passiert ist – umso wichtiger sei es, das den jüngeren Generationen aufzuzeigen und die Bioethik besonders in Zeiten von immer neuen ethischen Fragestellungen wie Big Data,  embryonaler Stammzellenforschung und genetischer Eingriffe in der Natur oder dem Einsatz der Genschere (CRISPR/Cas9) begleitend zu beachten.  

Am 2. und 3. März findet dementsprechend ein Symposium an der MedUni Wien mit internationalen ReferentInnen zu diesem Thema statt (Van Swieten Saal der MedUni Wien, Van Swieten-Gasse 1a, 1090 Wien, 2.3. ab 10.30 Uhr, 3.3. ab 8.30 Uhr).

Nürnberger Ärzteprozess und Nürnberger Kodex
Im Einzelnen ging es bei den medizinischen Experimenten in den Konzentrationslagern um Höhenversuche in Unterdruckkammern, Unterkühlungsversuche sowie Fleckfieber-, Sulfonamid- und Gift-Experimente sowie Experimente zur Trinkbarmachung von Meerwasser.

Als bedeutendstes Ergebnis des Ärzteprozesses wird die Verabschiedung des zehn Punkte umfassenden Nürnberger Kodex angesehen, der neue medizinethische Standards einleitete. Der Nürnberger Kodex ist eine zentrale, ethische Richtlinie zur Vorbereitung und Durchführung medizinischer, psychologischer und anderer Experimente am Menschen und besagt insbesondere, dass die betroffene Person ihre freiwillige Zustimmung geben und dazu auch unbeeinflusst in der Lage sein muss.  


Termin: Medical Ethics in the 70 years after the Nuremberg Code, 1947 to the Present

Das Symposium findet am 2. und 3. März 2017 im Van Swieten Saal der MedUni Wien mit zahlreichen renommierten internationalen ReferentInnen statt, der Eintritt ist frei, um Registrierung wird gebeten: josephinum@meduniwien.ac.at. U.a. referieren Volker Roelke, Universität Gießen; Sabine Hildebrandt, Harvard University; William E. Seidelman (University of Toronto and Beer-Sheva, Israel); Andrew Weinstein (Department of the History of Art, New York); Urban Wiesing (Universität Tübingen); Jonathan Moreno (University of Pennsylvania); Michael Makanga (European and Developing Countries Clinical Partnership, Den Haag) und Renzong Qui (Institute of Philosophy, Chinese Academy of Social Sciences, Peking), Träger des Avicenna Preises der UNESCO für Wissenschaftsethik. Die Veranstaltung findet in Kooperation mit dem Bundeskanzleramt, dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes und der Ärztekammer für Wien statt.

Alle Infos & Programm: www.josephinum.ac.at