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Krebstherapie: Innovative Substanzen verbessern Prognose und Lebensqualität

Paradigmenwechsel in der zielgerichteten Krebstherapie
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(Wien, 31-01-2017) Die medizinische Forschung hat in der Krebstherapie in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte erzielt. Fast vierteljährlich werden neue Therapien zugelassen bzw. das Einsatzgebiet der innovativen Immuntherapie um weitere Tumorarten ergänzt. Somit wird die Lebenserwartung der PatientInnen deutlich verlängert und ihre Lebensqualität signifikant verbessert. ExpertInnen sprechen von einer „Revolution in der Onkologie“. Das wurde am Dienstag bei einer Pressekonferenz an der MedUni Wien bzw. im AKH Wien und damit wenige Tage vor dem Welt-Krebstag (4.2.) betont. 

In vielen Bereichen der Tumortherapie fanden in jüngster Zeit enorme Entwicklungen statt. Beispielsweise läuft in der Behandlung von Tumoren des Urogenitaltraktes derzeit ein Paradigmenwechsel – diese Tumoren sind nun wesentlich besser behandelbar. „In Abhängigkeit von der Tumorart ist heute Langzeitüberleben auch in fortgeschrittenen Stadien möglich, die früher in kürzester Zeit zum Tod geführt haben“, berichtet Manuela Schmidinger von der  Universitätsklinik für Innere Medizin I und Klinischen Abteilung für Onkologie, Programmdirektorin Metastasiertes Nierenzellkarzinom, MedUni Wien/AKH Wien.

Aktuellstes Beispiel ist das Blasenkarzinom, der neunthäufigste Tumor des Menschen. Bisher bestand die Erstlinientherapie bei Metastasierung aus platinhältigen Chemotherapien, viele PatientInnen sind jedoch nicht einmal zu Behandlungsbeginn fit genug dafür. Nach Versagen dieser Therapie standen bisher kaum wirksame Optionen zur Verfügung. Daher war das metastasierte Urothelialkarzinom bisher mit einer schlechten Prognose verbunden.

Nach mehr als 30 Jahren ohne wesentliche Behandlungsfortschritte brachte die Entwicklung des Immuntherapeutikums Atezolizumab den Durchbruch. Der monoklonale Antikörper gegen das Protein PD-L1 bindet direkt an das auf Tumorzellen und tumorinfiltrierenden Immunzellen exprimierte PD-L1 und blockiert dessen Wechselwirkungen mit den PD-1 und B7.1-Rezeptoren. Dadurch kommt es wahrscheinlich zur Aktivierung von T-Zellen. „In Europa ist Atezolizumab derzeit noch nicht zugelassen“, so Schmidinger. Aufgrund der positiven Studiendaten aus einer Phase-II-Studie hat jedoch die US-amerikanische FDA (Food and Drug Administration) bereits erste Schritte gesetzt und eine beschleunigte Zulassung von Atezolizumab erteilt. Schmidinger ist optimistisch, dass sich die Prognose urologischer Tumoren dadurch weiter dramatisch verbessern wird: „Durch Kombination der besten Strategien wird die Zukunft urologischer Therapien noch wesentlich vielversprechender. Dabei kann die Immuntherapie sowohl mit etablierten zielgerichteten Therapien als auch mit Strahlentherapie positive, teilweise auch synergistische Effekte erzielen.“

Comprehensive Cancer Center (CCC) an der MedUni Wien und dem AKH Wien
Einen zentralen Beitrag zu den stetigen Verbesserungen in der Krebsbehandlung leistet das CCC der Medizinischen Universität Wien und des Allgemeinen Krankenhauses Wien unter der Leitung von Christoph Zielinski, zugleich Leiter der Universitätsklinik für Innere Medizin I sowie der Klinischen Abteilung für Onkologie. Das 2010 gegründete CCC vernetzt alle Berufsgruppen der MedUni Wien und des AKH Wien, die KrebspatientInnen behandeln, Krebserkrankungen erforschen und in der Lehre bzw. der Ausbildung in diesem Bereich aktiv sind. Wesentliche Pfeiler sind hierbei u.a. Tumorboards. „Diese stellen die Basis interprofessioneller Therapieempfehlungen in der Onkologie dar und sind Schlüssel zu einer individuellen, bestmöglich abgestimmten Versorgung jeder einzelnen Patientin und jedes einzelnen Patienten unter Einschluss des Wissens aller um die jeweilige Erkrankung sich rankenden Disziplinen“, erklärt Zielinski.

Des Weiteren wurden sogenannte „Units“ errichtet, die den Bogen zwischen der klinischen Versorgung von PatientInnen mit bestimmten Krebsarten, der klinischen Forschung und der Grundlagenforschung spannen sollen. Darüber hinaus wurde die Plattform für „personalisierte Medizin in der Onkologie“ (Molecular Diagnostics and Treatment in Oncology) etabliert. Diese bündelt die Expertise zur individualisierten Behandlung und fördert die Forschungsbemühungen auf diesem Gebiet.

Unterstützung im Berufsleben
PatientInnen leben trotz bzw. mit ihrer Tumorerkrankung deutlich länger als vor zehn, zwanzig Jahren. Moderne personalisierte Therapien werden die Chancen auf ein Langzeitüberleben weiter steigern. „Und damit rückt – neben dem Überleben – ein neuer Aspekt immer mehr in den Blickwinkel: die Lebensqualität und das Leben mit Krebs im Alltag“, betonte Paul Sevelda, Vorstand der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe im Krankenhaus Wien-Hietzing, Präsident der Österreichischen Krebshilfe am Dienstag.

Viele Menschen mit Krebs stehen mitten im Berufsleben. Die meisten sind während der Behandlung nicht in der Lage, ihrer Tätigkeit wie bisher nachzugehen. In der ersten Zeit der Erkrankung ist es notwendig und verständlich, dass die medizinische Behandlung, der Verlauf und die Wirksamkeit der Therapie im Mittelpunkt des Interesses der PatientInnen stehen. Berufspausen sind aber meist unumgänglich. Betroffene erleben in dieser Phase existenzielle sowie berufliche Unsicherheiten. „In den Krebshilfe-Beratungsstellen verzeichnen wir ein deutliches Ansteigen an der Notwendigkeit spezieller Beratungen zum Thema ‚Krebs und Beruf‘“, so Sevelda.

Viele PatientInnen würden gerne nach der Therapie ihre Arbeit wiederaufnehmen, können aber ihre volle Leistung noch nicht erbringen. Bis dato wurden sie faktisch gezwungen, solange im Krankenstand zu verbleiben, bis sie zu 100 Prozent einsatzfähig sind. Es gab aber auch viele KrebspatientInnen die zu 100 Prozent arbeiten gingen, obwohl sie sich erst zu 50 Prozent einsatzfähig fühlten und sich damit überforderten. Die Österreichische Krebshilfe hat deshalb die Bundesregierung aufgefordert, die Möglichkeit eines „Teilzeitkrankenstandes“ in das Regierungsprogramm aufzunehmen. Nach sieben Jahren zäher Verhandlungen wurde die Wiedereingliederungsteilzeit Ende 2016 gesetzlich verabschiedet und tritt mit 1. Juli 2017 in Kraft. Damit besteht die Möglichkeit, eine Herabsetzung der wöchentlichen Normalarbeitszeit für die Dauer von ein bis sechs Monaten mit dem Arbeitgeber zu vereinbaren – mit einer einmaligen Verlängerungsmöglichkeit (bis zu drei Monaten). Patienten haben – sofern sie sich in einem privatrechtlichen Arbeitsverhältnis befinden und dieses davor mindestens drei Monate angedauert hat – die Möglichkeit, so schrittweise in den Arbeitsprozess zurückzukehren und sich stufenweise an die Anforderungen des Berufsalltages anzunähern.

Krebstag im Wiener Rathaus: 14. Februar 2017
Der Verein „Leben mit Krebs“ lädt am 14. Februar 2017 wieder zum Krebstag ins Wiener Rathaus. Von 10-15 Uhr bieten namhafte ReferentInnen bei freiem Eintritt ein umfassendes Vortragsprogramm inklusive einer Podiumsdiskussion zum Thema „Krebs 2020“. „Das breite Spektrum der Therapiemöglichkeiten bei Krebserkrankungen von Brust, Lunge, Haut, Prostata, Darm, Niere, Knochenmark und Lymphsystem stehen auf dem Programm. Aber auch begleitende Themen wie Ernährung und Rehabilitation bei Krebs werden angesprochen“, erklärt Gabriela Kornek, Präsidentin des Vereins „Leben mit Krebs“ und Ärztliche Direktorin des AKH Wien.
Weitere Infos: http://www.leben-mit-krebs.at

Ausführliche Informationen rund um das Thema „Krebs und Beruf“ sowie die Voraussetzungen und Details zum neuen „Wiedereingliederungsteilzeitgesetz“ hat die Krebshilfe in Zusammenarbeit mit dem Sozialministerium und dem Gesundheitsministerium in einer gleichnamigen, neuen Broschüre zusammengestellt. Ab Anfang März ist sie unter http://www.krebshilfe.net kostenlos bestellbar.