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Aktuelle Studie: Hans Asperger und die NS-„Rassenhygiene“

Rolle des Wiener Kinderarztes im Nationalsozialismus muss neu bewertet werden
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Bild: MedUni Wien/Josephinum

(Wien, 19-04-2018) Kinderarzt Hans Asperger, nach dem das Asperger-Syndrom benannt wurde und der während des Zweiten Weltkriegs an der Universität Wien beschäftigt war, leistete laut einer aktuellen Studie Beihilfe zum Euthanasieprogramm der Nazis. Der Zeithistoriker Herwig Czech von der MedUni Wien hat nun die Ergebnisse seiner umfangreichen Forschungen vorgelegt.

Die im Journal „Molecular Autism“ veröffentlichte Studie untersucht im Detail die wechselseitigen Beziehungen zwischen Hans Asperger und verschiedenen medizinischen Einrichtungen der NS-Zeit. Sie kommt unter anderem zu dem Ergebnis, dass Asperger schwer behinderte Kinder an die Jugendfürsorgeanstalt „Am Spiegelgrund“ überwies, von der er wissen musste, dass sie sich am Kinder-Euthanasieprogramm des Dritten Reiches beteiligte. Durch die Ermordung von angeblich „lebensunwerten“ Kindern sollte das Ziel einer erbbiologisch „reinen“ Gesellschaft verfolgt werden.
 
Herwig Czech berichtet: „Das Asperger-Syndrom ist einer der wichtigsten nach einer Person benannten medizinischen Fachbegriffe aus dem deutschsprachigen Bereich. Viele Betroffene identifizieren sich mit der Diagnose und deren Namensgeber. Auch deshalb ist es wichtig, die Geschichte der Erstbeschreibung des Autismus durch einen österreichischen Heilpädagogen im Wien der NS-Zeit bekannt zu machen.

Bei seinen Recherchen fand der Zeithistoriker belastendes Material über den Kinderarzt: „Hans Asperger wurde lange Zeit als Person angesehen, die lediglich wertvolle Beiträge auf dem Gebiet Pädiatrie und Kinderpsychiatrie sowie insbesondere der Autismusforschung geleistet hatte. Das Archivmaterial zeigt aber, dass er auch den Nazis aktiv in ihrer Eugenik- und Euthanasiepolitik zur Seite stand, indem er Kinder zur Klinik „Am Spiegelgrund“ überwies, wohl wissend, welches Schicksal sie dort erwartete.“

Die Bedeutung der Studie wird auch durch einen gleichzeitig veröffentlichten Leitartikel hervorgehoben, gezeichnet von den beiden Chefredakteuren der Zeitschrift und von zwei der drei Gutachter.

Simon Baron-Cohen, Professor für Developmental Psychopathology an der Universität Cambridge und einer der führenden Autismusexperten, sagt: Wir sind uns bewusst, dass die Veröffentlichung dieses Artikels Kontroversen auslösen wird. Die historischen Belege müssen aber der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Joseph Buxbaum, Professor für Psychiatrie und Neurowissenschaften an der Icahn School of Medicine in New York, sagt: „Der Artikel von Herwig Czech hat uns überzeugt, dass Asperger nicht bloß sein Bestes getan hat, um unter unerträglichen Verhältnissen zu überleben, sondern dass er auch an den Maßnahmen gegen die Schwächsten Mitglieder der Gesellschaft mitschuldig war.“

Gutachter Ami Klin, Leiter des Autismus-Zentrums der Emory University in Atlanta, kommentiert: „Das Ausmaß von Aspergers Beteiligung an Maßnahmen gegen die verwundbarsten Kinder Wiens ist in der Autismusforschung seit langem eine schwierige Frage. Manche werden sagen, dass viele Kollegen von Asperger vehementere Befürworter der Nazi-Rassenideologie waren als er. Andere werden auch sagen, dass er einzelne Kinder opferte, um andere zu retten. Wir sind überzeugt, dass der Wert von Czechs Forschung darin besteht, für die zukünftige Diskussion die nötige Grundlage zu schaffen.“

Gruppenbild mit Hans Asperger  (c) MedUni Wien/Josephinum
Hans Asperger (sitzend in der 1. Reihe rechts mit KollegInnen der Wiener Kinderklinik im Sommer 1933, © MedUni Wien / Josephinum)

Zu Hans Asperger
Johann „Hans“ Friedrich Karl Asperger (1906 - 1980) war ein österreichischer Kinderarzt und Heilpädagoge. Er gilt als Erstbeschreiber des später nach ihm benannten Asperger-Syndroms, einer Form des Autismus. Er studierte Medizin in Wien und arbeitete ab seiner Promotion 1931 als Assistent an der Kinderklinik der Universität Wien. Seit 1932 leitete er die heilpädagogische Abteilung der Klinik. Von 1957 bis 1962 leitete er die Innsbrucker Kinderklinik. 1962 wurde er Professor für Pädiatrie und Leiter der Universitäts-Kinderklinik in Wien, wo er im Jahr 1977 emeritierte. 1944 veröffentlichte Asperger seine Beschreibung des später nach ihm benannten Asperger-Syndroms, eine Form des Autismus. 

Service: Molecular Autism
Czech, H, (2018) Hans Asperger, National Socialism and „race hygiene“ in Nazi-era Vienna”. Molecular Autism, https://link.springer.com/article/10.1186/s13229-018-0208-6

Simon Baron-Cohen, Ami Klin, Steve Silberman, Joseph D. Buxbaum: Did Hans Asperger actively assist the Nazi euthanasia program? Molecular Autism, https://link.springer.com/article/10.1186/s13229-018-0209-5

Die Wiener Medizinische Fakultät 1938 bis 1945 – Ausstellung im Josephinum

Josephinum, Währinger Straße 25, 1090 Wien
14. März 2018 bis 6. Oktober 2018
Mi 16–20 Uhr, Fr & Sa 10–18 Uhr
Führungen: Mi, 18.00 Uhr; Fr, 11.00 Uhr; Sa, 11.00 Uhr (Englisch) & 13.00 Uhr
Website Josephinum