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Suizid-Prävention: Wortwahl in Nachrichten beeinflusst Wahrnehmung und Bewertung des Suizids durch die LeserInnen

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(Wien, 06-03-2018) Selbstmord, Freitod oder Suizid – welches Wort in der medialen Berichterstattung über Suizid verwendet wird, hat einen entscheidenden Einfluss darauf, wie Suizid von Lesern wahrgenommen und in weiterer Folge bewertet wird. Das bestätigt erstmals eine empirische Studie, die Benedikt Till und Thomas Niederkrotenthaler (Abteilung für Sozial- und Präventivmedizin am Zentrum für Public Health) der MedUni Wien gemeinsam mit Kollegen der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) sowie der Leuven School for Mass Communication Research in Belgien gemacht haben. Die Studie ist nun im Fachjournal „Social Science & Medicine“ erschienen.

An der Studie nahmen 451 Personen teil, die in drei Gruppen aufgeteilt wurden. Sie wurden gebeten, mehrere kurze Zeitungstexte über Suizide zu lesen, die sich nur in der Wortwahl für Suizid unterschieden (d.h. „Suizid“, „Selbstmord“ oder „Freitod“). In den jeweiligen Texten kam immer ausschließlich nur einer dieser Begriffe vor. Anschließend wurden die TeilnehmerInnen gebeten, das Gelesene mit eigenen Worten zusammenzufassen, einen Lücken-Text zu ergänzen sowie einige Fragen zur persönlichen Ansicht über Suizid zu beantworten. „Es zeigt sich ganz klar ein Effekt: So verwendeten etwa die Teilnehmer überdurchschnittlich häufig jenes Wort, das sie zuvor in den Texten gelesen haben“, erklären die Studienautoren.

Zudem liefert die Studie erstmals Hinweise darauf, dass die drei Begriffe unterschiedliche gedankliche Assoziationen bei den Lesern wecken. So zeigten ProbandInnen, die das Wort „Freitod“ gelesen hatten, größeres Verständnis und „Befürwortung“ von Suizid unheilbar Kranker. Dabei wird genau dieser Begriff aus Sicht von Suizidexperten kritisch gesehen: „Der Begriff ‚Freitod‘ impliziert, dass Betroffene eine freie rationale Entscheidung treffen. Die Forschung zeigt jedoch, dass suizidale Personen typischerweise eine verengte Sicht auf sich selbst, ihr Leben und ihre Umwelt haben – etwa wie ein emotionaler Tunnelblick. Das macht es äußerst schwer, eine Entscheidung als ‚frei‘ und ‚rational‘ zu bezeichnen.“

In einer früheren Publikation war bereits gezeigt worden, dass deutschsprachige Medien am häufigsten den Begriff „Selbstmord“ verwenden, „Suizid“ jedoch inzwischen fast ebenso häufig verwendet wird. Aber auch der Begriff „Freitod“ wird in der Berichterstattung regelmäßig verwendet. Der Begriff „Selbstmord“ gilt als nicht empfehlenswert, da dieser einen vermeintlichen Bezug zu Kriminalität herstellt. Im Deutschen wird für die Berichterstattung der neutrale Begriff „Suizid“ empfohlen.

„Unsere aktuelle Studie unterstreicht, welche wichtige Rolle Medien bei der Prävention von Suiziden einnehmen können. Eine verantwortungsvolle Berichterstattung sollte auf eine möglichst neutrale Wortwahl achten“, sagen die Forscher. Die Wortwahl sei allerdings nur „ein einzelner Baustein einer verantwortungsvollen Suizid-Berichterstattung“, von der „die empirische Forschung gerade auch in Österreich gezeigt hat, dass diese Suizide verhütet“.

Die Forscher der MedUni Wien und des Kriseninterventionszentrums Wien, haben, wie auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO), Medienempfehlungen für eine umfangreiche verantwortungsvolle Suizid-Berichterstattung:

-    http://www.kriseninterventionszentrum.at/dokumente/pdf3_Leitfaden_Medien.pdf

-    http://www.who.int/mental_health/suicide-prevention/resource_booklet_2017/en/


Informationen zu Suizidprävention und Hilfseinrichtungen in ganz Österreich finden Sie unter: www.suizid-praevention.gv.at

Service: Social Science & Medicine
Florian Arendt, Sebastian Scherr, Thomas Niederkrotenthaler, Benedikt Till: The role of language in suicide reporting: Investigating the influence of problematic suicide referents. In: Social Science & Medicine 2018.