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Geburtenrückgang bei benachteiligten Bevölkerungsgruppen während der Corona-Pandemie

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(Wien, Glasgow, 02-06-2022) Im Zuge der Pandemie gab es bei ärmeren, benachteiligten Bevölkerungsgruppen statistisch weniger Geburten, während es bei wohlhabenden und besser situierten Familien kaum Geburtenrückgänge zu verzeichnen gibt. Das ergab eine Auswertung administrativer Daten aus Schottland. Die ersten Ergebnisse wurden von einem Studienteam vom Zentrum für Public Health der MedUni Wien gemeinsam mit KollegInnen der University of Glasgow im European Journal of Public Health veröffentlicht.

Die Unterbrechungen des Gesundheitswesens, der Wirtschaft und des sozialen Lebens während der COVID-19-Pandemie haben möglicherweise Hindernisse für die Gründung oder Vergrößerung von Familien geschaffen. Aufgrund von Ungleichheiten in den Lebensumständen von Familien, die bereits vor der Pandemie bestanden, könnten diese neuen Hindernisse in benachteiligten Bevölkerungsgruppen größer gewesen sein als in begünstigten Familien. Dies könnte z. B. auf einen veränderten Zugang zu relevanten Dienstleistungen oder auf eine erhöhte Unsicherheit hinsichtlich des Einkommens und der Beschäftigung zurückzuführen sein.

Bei der sogenannten Lockdown-Kohorte (LoCo) handelt es sich um Babys, die etwa neun Monate nach den ersten strengen Abriegelungsmaßnahmen, die als Reaktion auf die COVID-19-Pandemie erlassen wurden, geboren wurden. In den meisten Ländern Europas bedeutet das, dass die Lockdown-Kohorte um November 2020 beginnt. Vereinfacht gesagt, besteht der wichtigste Unterschied zwischen der LoCo und allen anderen Geburtskohorten darin, dass die LoCo während der COVID-19-Pandemie gezeugt wurde.

Benachteiligte Gruppen durch COVID-19-Pandemie stärker belastet
Bereits in den ersten Monaten der COVID-19-Pandemie wurde deutlich, dass wie bei vorherigen Pandemien benachteiligte Gruppen die wirtschaftliche und gesundheitliche Belastung unverhältnismäßig stark zu tragen hatten. Die Pandemie könnte es benachteiligten Familien schwerer gemacht haben, ihre Pläne für ein Baby zu verwirklichen als begünstigten Familien, im Vergleich zu vor der Pandemie. Daher kann die LoCo aus weniger Babys bestehen, die in benachteiligten Familien geboren werden, oder aus mehr Babys, die in begünstigten Familien geboren werden. Es ist daher möglich, dass die Lockdown-Kohorte im Durchschnitt in besser gestellten Verhältnissen ins Leben startet als Babys, die vor und nach der COVID-19-Pandemie gezeugt wurden. Das führt zu dem statistischen Effekt, dass Babys, die während der COVID-19-Pandemie gezeugt wurden, und ihre Mütter wahrscheinlich im Durchschnitt gesünder sind als Babys, die vor und nach der Pandemie gezeugt wurden. Die ForscherInnen beschreiben das als den LoCo (Lockdown Cohort)-Effekt.

Deutliche Geburtenrückgänge
Das Forschungsteam analysierte mit der führenden Dateninfrastruktur Schottlands die monatliche Zahl der Geburten in Schottland bis November 2021 - etwa ein Jahr nach dem Einsetzen des LoCo-Effekts. Ab November 2020 lag die Zahl der Babys, die in den am stärksten benachteiligten 20 Prozent der schottischen Gebiete geboren wurden, deutlich unter der Zahl, die auf der Grundlage der Zahl der Geburten außerhalb des LoCo zu erwarten waren. Diese Diskrepanz erreichte ihren Höhepunkt im Februar 2021, als 727 statt der erwarteten 942 Babys in den 20 % der am stärksten benachteiligten Gebiete Schottlands geboren wurden. Das sind mehr als 20 % weniger Babys als normalerweise im Februar in diesen Gebieten geboren werden. Zwischen November 2020 und November 2021 gab es in den am stärksten benachteiligten Gebieten insgesamt etwa 10 Prozent weniger Geburten als normalerweise in diesem Zeitraum. Im Gegensatz dazu hat sich die Zahl der Geburten in den 40 Prozent der am wenigsten benachteiligten Gebiete Schottlands kaum verändert.

Weniger Kinder, aber im Lebensverlauf gesünder
Der LoCo-Effekt bedeutet also nicht, dass die COVID-19-Pandemie die Gesundheit von Schwangeren oder Säuglingen aktiv verbessert hat. „Nach dem, was wir bisher gesehen haben, hat die Pandemie jedoch deutlich verändert, wer Kinder bekommen konnte und wer nicht“, erklärt Moritz Oberndorfer vom Zentrum für Public Health der MedUni Wien, „diese Veränderungen hängen mit Faktoren zusammen, von denen bekannt ist, dass sie sich auf die Gesundheit der Kinder auswirken, und zwar nicht nur im Säuglingsalter, sondern während ihres gesamten Lebens. Diese Kombination aus plötzlichen Veränderungen bei den durchschnittlichen elterlichen Merkmalen und ihrem bekannten Einfluss auf die Gesundheit der Nachkommen kann zu einer Geburtskohorte führen, die unerwartet gesund ist, obwohl sie während einer globalen Krise geboren wurde.“

Publikation: European Journal of Public Health
The LoCo (Lockdown Cohort)-effect: why the LoCo may have better life prospects than previous and subsequent birth cohorts
Moritz Oberndorfer, Ruth Dundas, Alastair H Leyland, Anna Pearce

DOI: doi.org/10.1093/eurpub/ckac049