(Wien, 26-01-2026) Ein wissenschaftliches Team unter Leitung von Judit Simon, Professorin für Gesundheitsökonomie der MedUni Wien, hat im Rahmen des WWTF-geförderten Projekts STREAMLINE erstmals Angebot, Nutzung und Kosten von psychischen Gesundheitsdienstleistungen in Wien umfassend untersucht. Die Ergebnisse zeigen strukturelle Ungleichgewichte im Versorgungsangebot, regionale Unterschiede in der Inanspruchnahme sowie fehlende Transparenz bei den tatsächlichen Kosten einzelner Leistungen.
In einem ersten Schritt des 2023 gestarteten Projekts wurden alle verfügbaren Angebote für Menschen mit psychischen Erkrankungen in Wien systematisch erhoben und analysiert. Identifiziert wurden 368 Organisationen sowie rund 6.900 individuelle Leistungsanbieter:innen, etwa Psychotherapeut:innen, Psycholog:innen und Fachärzt:innen für Psychiatrie. Der Großteil der Angebote entfällt auf ambulante Leistungen mit direktem Kontakt, also Behandlungen ohne stationären Aufenthalt. Spezialisierte Angebote für bestimmte Altersgruppen oder klar definierte Zielgruppen sind vergleichsweise selten. „Auffällig ist zudem die starke räumliche Konzentration individueller Leistungsanbieter:innen in innerstädtischen Bezirken, während periphere Bezirke deutlich geringer versorgt sind“, berichtet Studienleiterin Judit Simon, Leiterin der Abteilung für Gesundheitsökonomie des Zentrums für Public Health der MedUni Wien. Bei Fachärzt:innen für Psychiatrie überwiegen Wahlärzt:innen, deren Leistungen zunächst selbst bezahlt werden müssen, was den Zugang zusätzlich erschweren kann.
Deutliche regionale Unterschiede in Angebot und Nutzung
Auf Basis österreichweiter Verwaltungsdaten wurde zudem untersucht, wie sich die Nutzung psychischer Gesundheitsleistungen zwischen 2018 und 2023 entwickelt hat. „Dabei zeigen sich deutliche regionale Unterschiede, die sich nicht allein durch Alters- oder Bevölkerungsstruktur erklären lassen“, so Co-Studienleiter Michael Berger (Abteilung für Gesundheitsökonomie, Zentrum für Public Health, MedUni Wien). Während die Verschreibung sogenannter psychotroper Medikamente – das sind Arzneimittel, die auf das zentrale Nervensystem wirken und die Psyche beeinflussen – bei Erwachsenen leicht zurückging, nahm sie bei Kindern und Jugendlichen im gleichen Zeitraum zu.
Die Analysen ergaben außerdem, dass die Inanspruchnahme stark davon abhängt, welche Angebote im Wohnbezirk verfügbar sind. Eine höhere Dichte an niedergelassenen Psychiater:innen ist mit kürzeren Spitalsaufenthalten verbunden, zugleich aber auch mit einer höheren Rate medikamentöser Behandlungen. In Wien zeigt sich ein Missverhältnis zwischen Wohnorten mit höherem Therapiebedarf und der tatsächlichen Verteilung der Leistungsanbieter:innen, insbesondere in den äußeren Bezirken.
Empirische Grundlage für Planung und Steuerung der Versorgung
Ergänzend dazu wurden erstmals sogenannte Referenzkosten für ausgewählte Leistungen im Bereich psychischer Erkrankungen berechnet. Referenzkosten beschreiben die durchschnittlichen tatsächlichen Kosten einer Leistung auf Basis des eingesetzten Personals, der Infrastruktur und weiterer Ressourcen und unterscheiden sich damit von bloßen Tarif- oder Erstattungssätzen. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass bestehende Tarife die tatsächlichen Kosten der Leistungserbringung nicht immer abbilden“, betont Co-Studienleiterin Susanne Mayer (Abteilung für Gesundheitsökonomie, Zentrum für Public Health, MedUni Wien). Gleichzeitig wurde deutlich, dass fehlende oder schwer zugängliche Kostendaten die gesundheitspolitische Planung erschweren.
„Insgesamt zeigen unsere Analysen, dass verlässliche, harmonisierte und öffentlich zugängliche Informationen zu Angebot, Nutzung und Kosten eine zentrale Voraussetzung für eine bedarfsgerechte Planung und Steuerung der psychischen Gesundheitsversorgung sind. Die STREAMLINE-Ergebnisse liefern dafür eine neue empirische Grundlage und machen sichtbar, wo bestehende Strukturen den Zugang zu Leistungen erschweren oder regional unausgewogen sind“, fasst Judit Simon die Bedeutung der in Zusammenarbeit mit dem Austrian Institute for Health Technology Assessment (AIHTA), der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) und der Universität von Loyola durchgeführten Analysen zusammen.