(Wien, 26-01-2026) – Menschen mit Typ-2-Diabetes haben ein deutlich erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Frauen sind davon relativ stärker betroffen als Männer, obwohl die Erkrankung in beiden Geschlechtern ähnlich häufig vorkommt. Welche biologischen Faktoren zu diesen Unterschieden beitragen, ist bislang nur unzureichend geklärt. Im Rahmen einer aktuell in „Diabetes Care“ erschienenen Studie unter Leitung der Johns Hopkins University mit maßgeblicher Beteiligung der Medizinischen Universität Wien wurde nun der Zusammenhang zwischen Sexualhormonen und langfristigen kardiovaskulären Ereignissen bei Menschen mit Typ-2-Diabetes untersucht.
Die Forschungsarbeit basiert auf Daten der US-amerikanischen Look-AHEAD-Studie („Action for Health in Diabetes“), einer vom National Institutes of Health initiierten und ab 2001 durchgeführten randomisierten Langzeitstudie, in der die Auswirkungen einer intensiven Lebensstilintervention mit Ernährungsumstellung und körperlicher Aktivität bei Erwachsenen mit Typ-2-Diabetes untersucht wurden.
In die aktuelle Analyse wurden 2.260 Männer und postmenopausale Frauen mit Typ-2-Diabetes sowie Übergewicht oder Adipositas eingeschlossen. Bestimmt wurden die Blutspiegel von Testosteron, Östradiol sowie des Sexualhormon-bindenden Globulins (SHBG), einem Transportprotein, das beeinflusst, wie viel eines Hormons im Körper biologisch wirksam ist. Die Messungen erfolgten zu Studienbeginn und ein Jahr nach Beginn der Lebensstilintervention. Anschließend wurden die Teilnehmenden über einen Zeitraum von rund zwölf Jahre beobachtet, wobei kardiovaskuläre Ereignisse wie Herzinfarkt, Schlaganfall, kardiovaskulär bedingter Tod oder Krankenhausaufenthalte wegen Angina pectoris erfasst wurden.
Bei den Männern zeigten sich mehrere Zusammenhänge zwischen Hormonen und Herz-Kreislauf-Risiko. So war ein höheres Risiko für spätere kardiovaskuläre Ereignisse mit niedrigeren Testosteronwerten zu Studienbeginn verbunden. Zudem spielte der Grad der Gewichtsabnahme eine Rolle: Männer, die im ersten Jahr mindestens sieben Prozent ihres Körpergewichts verloren, hatten bei einem Anstieg des SHBG-Spiegels ein niedrigeres langfristiges Herz-Kreislauf-Risiko. Bei Männern mit geringerer Gewichtsabnahme war hingegen ein Anstieg des Östradiolspiegels mit einem erhöhten Risiko verbunden. Bei Frauen fanden sich keine statistisch signifikanten Zusammenhänge zwischen den untersuchten Hormonwerten und kardiovaskulären Ereignissen.
Weitere Untersuchungen nötig
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass Sexualhormone bei Männern mit Typ-2-Diabetes mit dem langfristigen Herz-Kreislauf-Risiko verbunden sein können, insbesondere im Zusammenhang mit Gewichtsveränderungen“, sagt Studienleiterin Wendy Bennett von der Johns Hopkins University in Baltimore (USA). „Sie ergänzen damit die bekannten Risikofaktoren wie Rauchen oder erhöhter Cholesterinspiegel, die in der klinischen Praxis bereits berücksichtigt werden.“
Erstautorin Teresa Gisinger von der MedUni Wien, die zum Zeitpunkt der Studie an der Johns Hopkins University tätig war, unterstreicht den vorsichtigen Interpretationsrahmen: „Die beobachteten Zusammenhänge erlauben keine Aussagen über Ursache und Wirkung. Sie zeigen jedoch, dass hormonelle Veränderungen nach einer Lebensstilintervention zusätzliche Hinweise auf das kardiovaskuläre Risiko liefern könnten.“
An der Studie war auch Alexandra Kautzky-Willer von der Medizinischen Universität Wien beteiligt, die seit vielen Jahren zu geschlechtsspezifischen Aspekten bei Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen forscht. Die Autor:innen betonen, dass weitere Untersuchungen notwendig sind, bevor Sexualhormone zur individuellen Risikobewertung in der klinischen Praxis herangezogen werden können.
Publikation: Diabetes Care
Sex Hormones and Cardiovascular Risk in Type 2 Diabetes: Cohort Study of the LookAHEAD Trial.
Teresa Gisinger, Jiahuan Helen He, Chigolum P. Oyeka, Jianqiao Ma Nityasree Srialluri, Mark Woodward, Erin D. Michos, Rita R. Kalyani, Jeanne M. Clark, Alexandra Kautzky-Willer, Dhananjay Vaidya and Wendy L. Bennett.
DOI: 10.2337/dc25-2465