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Neue Erkenntnisse auf dem Gebiet der Kardiologie

Forscher der MedUni Wien präsentieren Studienergebnisse auf internationalem Herz-Kongress in Rom
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Bild: Fotolia

(Wien, 29-08-2016) Aktuelle Studienergebnisse präsentierten ForscherInnen der MedUni Wien beim Kongress der European Society of Cardiology (ESC). So gibt es Erkenntnisse zum Einsatz von extrakorporaler Membranoxygenierung (ECMO) bei postoperativem kardiogenen Schock sowie zur Schockleber als Risikomarker für das Langzeitüberleben. Der ESC 2016 findet von 27. bis 31. August 2016 in Rom statt.

Extrakorporale Membranoxygenierung: Herz-Kreislauf-Stillstand hat keinen Einfluss auf das Überleben bei postoperativem kardiogenem Schock

Ein Herz-Kreislauf-Stillstand beeinflusst weder das Kurz- noch das Langzeitüberleben von PatientInnen im therapierefraktären postoperativen kardiogenen Schock, die einer extrakorporalen Membranoxygenierung (ECMO) mittels Herz-Lungen-Maschine zugeführt werden. „Entgegen unseren Erwartungen befürworten unsere Ergebnisse, dass die Entscheidung zur ECMO-Implantation in dieser spezifischen Patientenpopulation nicht vom Auftreten eines Herz-Kreislauf-Stillstandes beeinflusst werden sollte“, so die Studienautoren Klaus Distelmaier und Georg Goliasch (klinische Abteilung für Kardiologie der MedUni Wien im AKH Wien) in einer in Rom vorgestellten Studie.
Die Häufigkeit eines Herz-Kreislauf-Stillstandes in der Phase nach einer Herzoperation liegt bei 8 Prozent und ist damit eine häufige und schwerwiegende Komplikation, die mit einer hohen Sterblichkeit einhergeht. In ihrer Arbeit evaluierten die Forscher den Einfluss eines Herz-Kreislauf-Stillstandes zum Zeitpunkt der ECMO-Implantation auf das Kurz- sowie Langzeitüberleben. Das untersuchte Patientenkollektiv bestand aus 385 PatientInnen, die nach erfolgter Herzoperation eine Kreislaufunterstützung mittels ECMO-Therapie benötigen. Bei dreißig PatientInnen erfolgte die ECMO-Implantation unter Reanimation im Herz-Kreislauf-Stillstand.
Ein kardiogener Schock wird durch eine starke Verringerung des Herzzeitvolumens ausgelöst, das Herz pumpt dabei nicht genügend Blut in den Kreislauf.
Die Extrakorporale Membranoxygenierung (ECMO) ist eine intensivmedizinische Therapieoption für PatientInnen, die ohne dieses Herzkreislauf-unterstützende Verfahren nicht überleben würden. Diese Therapie ist eine Herz-Lungen-Maschine, die über einen längeren Zeitraum sowohl die Pumpfunktion des Herzens als auch den Gasaustausch der Lunge unterstützt.

Quelle: Distelmaier et al.: Cardiac Arrest Does Not Affect Survival in Post-Operative Cardiovascular Surgery Patients Undergoing Extracorporeal Membrane Oxygenation

Bessere Risikoabschätzung: Schockleber ist wichtiger Risikomarker bei maschineller Herz-Kreislauf-Unterstützung nach Herzoperation

Eine maschinelle Herz-Kreislauf-Unterstützung mittels extrakorporaler Membranoxygenierung (ECMO) ist bei PatientInnen mit Herz- und Lungenversagen nach einer Herzoperation oft die einzige Möglichkeit zur Kreislaufstabilisierung. Bei diesen kritisch kranken PatientInnen liegt das 30-Tages-Überleben zwischen 31 Prozent und 42 Prozent, die Risikoabschätzung ist schwierig. Forscher der MedUni Wien haben jetzt herausgefunden, dass die Entwicklung einer Schockleber („hypoxische Hepatitis“) nach dem Einbau der Herz-Lungen-Maschine ein bedeutender Risikomarker bei herzchirurgischen PatientInnen ist. „Eine Schockleber ist ein starker und unabhängiger Prädiktor für das 30-Tages- und Langzeitüberleben“, so die Studienautoren Klaus Distelmaier und Georg Goliasch. „Mit diesem Nachweis konnte das eingeschränkte Wissen im Bereich der Risikoabschätzung dieses Patientenkollektivs erweitert werden.“
Eine bessere Risikoabschätzung dieses Hochrisikopatientenkollektivs könnte in Zukunft signifikanten Einfluss auf Therapiestrategien sowie die Beurteilung der Prognose haben, ist ein Ergebnis der Studie: „Da die Bestimmung der Leberenzyme kostengünstig ist und auf der Intensivstation ohnehin routinemäßig regelmäßig erfolgt, hat das Screening nach einer Schockleber hohes Potential, im klinischen Alltag unmittelbar Anwendung zu finden.“
Da eine Schockleber in Folge einer gestörten Organdurchblutung bei IntensivpatientInnen mit einer hohen Sterblichkeit einhergeht, untersuchten die Wiener Forscher in ihrer Arbeit die Inzidenz einer Schockleber bei PatientInnen mit ECMO Unterstützung und deren Einfluss auf das Kurz- sowie Langzeitüberleben. Das untersuchte PatientInnenkollektiv bestand aus 240 PatientInnen, die nach erfolgter Herzoperation zur Kreislaufunterstützung eine ECMO Therapie erhielten. Bei 35 (15%) wurde eine Schockleber identifiziert. In einer mittleren Beobachtungszeit von 37 Monaten verstarben 156 der PatientInnen (65%). Die Entwicklung einer Schockleber war unabhängig von vorbestehenden Lebererkrankungen.
Eine Schockleber wurde definiert als eine Auslenkung der Lebertransaminasen Glutamat-Oxalacetat-Transaminase und Glutamat-Pyruvat-Transaminase um mehr als das 20fache über dem oberen Normalwert in den ersten 72 Stunden nach ECMO Einbau.

Quelle: Distelmaier et al: Impact of hypoxic hepatitis on mortality in patients undergoing extracorpoeal membrane oxygenation following cardiovascular surgery

Herzinsuffizienz: hormonelle Veränderung durch Medikamente – Ein Schritt in Richtung personalisierte Kardiologie

Forschern der MedUni Wien ist es erstmals gelungen, den Wirkmechanismus einer auf bestimmte Hormone wirkenden Wirkstoff-Kombination gegen Herzinsuffizienz (HI) im Detail zu analysieren und damit Einblicke in die erzielten hormonellen Veränderungen zu gewinnen. „Die teilweise unerwarteten Resultate werden die Forschung in diese Richtung hoffentlich weiter stimulieren, um die Therapie der Zukunft zu verbessern“, so Studien-Co-autor Raphael Wurm von der Universitätsklinik für Innere Medizin II der MedUni Wien und des AKH Wien. „Unsere Ergebnisse könnten auch dabei helfen, die Behandlung der chronischen HI weiter zu personalisieren. Das Ziel ist, dass wirklich nur jene ein Medikament erhalten, die davon möglichst viele positive Effekte und möglichst wenig Nebenwirkungen erwarten können.“
Der Hintergrund: Zur HI-Behandlung stehen mehrere Medikamente zur Verbesserung der Lebensqualität und Verlängerung des Überlebens zur Verfügung. Gemeinsam ist den meisten, dass sie auf ein bestimmtes Hormonsystem („Renin-Angiotensin-System“) im Körper zielen. Diese Hormone werden in der Niere gebildet, wenn dort eine zu geringe Durchblutung festgestellt wird. Das ist bei der HI, wo die Pumpkraft des Herzens verloren geht, der Fall. Anfänglich verbessern diese Hormone die Herz-Leistung, allmählich kommt es jedoch zu negativen Effekten, die mit Medikamenten blockiert werden können. Ein im Vorjahr neu zugelassenes Kombinations-Medikament mit zwei Wirkstoffen wirkt auch auf das Renin-Angiotensin-System, die ersten Ergebnisse sind vielversprechend, allerdings herrscht noch Unklarheit darüber, wie es genau wirkt.
Um den Wirkmechanismus besser zu verstehen, wandte die Forschergruppe rund um Martin Hülsmann das Messverfahren der Massenspektrometrie an. Das Gewicht von chemischen Stoffen kann damit so genau bestimmt werden, dass sich ein Stoff präzise identifizieren lässt. Untersucht wurde das Blut von sechs Patienten kurz vor der Umstellung auf das neue Medikament und einige Wochen danach. „Damit konnten wir einen genauen Überblick über die Veränderungen bekommen, die durch das Medikament ausgelöst wurden“, so Raphael Wurm. „Eine Überraschung zeigte sich in einem bisher wenig beachteten Bereich in diesem Hormonsystem, wo sich entgegen den Erwartungen unter dem neuen Medikament ein höherer Hormon-Spiegel als zuvor einstellte. Nur wenn wir mehr über die genaue Wirkweise wissen, können wir in Zukunft speziell jene Patientinnen und Patienten finden, die von einer Behandlung besonders stark profitieren würden.“
Allerdings stehe die Forschung auf diesem Gebiet noch am Anfang, so Raphael Wurm: „Es wird noch einige Jahre dauern, bis diese Ergebnisse tatsächlich bei den Patientinnen und Patienten und in den Krankenhäusern angekommen sind.“

Chronische Herzmuskelschwäche betrifft in Österreich bis zu 200.000 PatientInnen. Die Erkrankung ist oft die Folge eines unbehandelten Bluthochdrucks oder eines Herzinfarkts und betrifft damit hauptsächlich Menschen ab dem 60. Lebensjahr. Durch den chronisch voranschreitenden Verlauf kann es zu einer dramatischen Einschränkung der Lebensqualität und auch der Lebenserwartung bei den Betroffenen kommen.

Quelle: Pavo, Wurm, et al: Fingerprint of the renin-angiotensin-system during ARNI therapy in patients with systolic heart failure.