
(Wien, 20-03-2025) Menschen mit langanhaltender Kurzatmigkeit oder Müdigkeit nach einer SARS-CoV-2-Infektion gingen bereits zuvor täglich deutlich weniger Schritte und hatten einen höheren Ruhepuls als Menschen ohne diese Folgeerscheinungen, so eine Studie des Complexity Science Hub (CSH) und der MedUni Wien, die in „npj Digital Medicine“ veröffentlicht wurde. Dies könnte auf ein niedrigeres Fitnessniveau oder Vorerkrankungen als mögliche Risikofaktoren für Long-COVID hindeuten.
Von April 2020 bis Dezember 2022 haben rund 535.000 Menschen in Deutschland die Corona-Datenspende-App (CDA) heruntergeladen und aktiviert. Mehr als 120.000 dieser Personen stellten der Forschung so nahezu täglich freiwillig die Daten ihrer Smartwatches und Fitnesstracker zu Vitalfunktionen wie Ruhepuls und Schrittanzahl zur Verfügung. „Diese hochaufgelösten Daten waren der Ausgangspunkt unserer Studie“, erklärt CSH-Wissenschafterin Katharina Ledebur. „So konnten wir in 15-Minuten-Intervallen Vitalzeichen vor, während und nach einer SARS-CoV-2-Infektion vergleichen.“ Personen mit langanhaltenden Symptomen wiesen im Vergleich zu anderen deutliche Unterschiede hinsichtlich Aktivitätsniveau und Ruhepuls auf. „Schon in den drei Wochen vor einer Infektion gingen Patient:innen, die später von langanhaltenden Symptomen berichteten, im Durchschnitt täglich nur 5.075 Schritte und damit etwa 3.030 weniger als SARS-CoV-2-Patient:innen, die keine langanhaltenden Symptome hatten“, so Ledebur.
Auch der Ruhepuls unterschied sich bereits vor der Infektion: Er lag um 2,37 Schläge pro Minute höher als bei Personen, die eine SARS-CoV-2-Infektion ohne langanhaltende Symptome durchgemacht hatten. Personen mit langanhaltenden Symptomen zeigten zudem während der Infektion eine ausgeprägtere und länger anhaltende Phase mit verlangsamtem Ruhepuls – eine sogenannte Bradykardie, die bis zu 18 Tage nach der Infektion andauerte. „Überraschend war, dass sowohl bei Menschen ohne langanhaltende Symptome als auch bei jenen mit, die Herzfrequenz und die Schrittanzahl anschließend wieder das Niveau von vor der Infektion erreichten. Trotz anhaltender Kurzatmigkeit und/oder Müdigkeit legten Betroffene also genauso viele Schritte zurück wie zuvor“, so Ledebur.
Für die Studie teilten die Forschenden die Daten der Smartwatches und Fitnesstracker in vier Phasen ein: vor der Infektion, während der akuten Infektion (0 bis 4 Wochen nach positivem Test), in der subakuten Phase (5 bis 12 Wochen nach positivem Test) und in der postakuten Phase (über 12 Wochen hinaus). Zusätzlich füllten die Teilnehmenden monatliche und wöchentliche Umfragen zu COVID-19-Tests, ihrem subjektiven Wohlbefinden und bestehenden Symptomen aus. „Mithilfe dieser Symptomberichte stellten wir fest, dass unter elf untersuchten Symptomen nur Kurzatmigkeit und Müdigkeit über die akute Phase der SARS-CoV-2-Infektion hinaus anhielten. Andere Symptome wie Husten, Kopfschmerzen oder Fieber wiesen keine Langzeiteffekte auf“, so Ledebur. Insgesamt berichteten 2,6 Prozent aller SARS-CoV-2-infizierten Personen von langanhaltender Kurzatmigkeit, 10,4 Prozent von langanhaltender Müdigkeit und 1,8 Prozent von beiden Symptomen.
Erhöhte Aufmerksamkeit und Schutzmaßnahmen
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass anhaltende Symptome mit einer geringeren Fitness oder bestehenden Gesundheitsproblemen zusammenhängen könnten. „Das bedeutet allerdings nicht, dass ein erhöhter Ruhepuls, eine geringere Schrittzahl oder Vorerkrankungen allein für das Auftreten dieser Symptome verantwortlich sind. Vielmehr betonen sie die Notwendigkeit besonderer Aufmerksamkeit und Schutzmaßnahmen für betroffene Personen“, so Ledebur, die auch Doktorandin an der Medizinischen Universität Wien ist.
Dank der hochaufgelösten Smartwatch-Daten aus der Corona-Datenspende-App (CDA) konnten die Forschenden Patient:innen nicht nur miteinander, sondern auch individuell vergleichen. „Untersucht man Menschen erst, wenn sie schon eine Infektion haben, kann man individuelle Veränderungen nicht beurteilen, da man keine Informationen zur Ausgangslage hat“, erläutert Peter Klimek vom CSH und der MedUni Wien.
„Bei all den Vorteilen solcher Daten gibt es aber auch Nachteile: Männer sind insgesamt überrepräsentiert und sowohl Jugendliche als auch ältere Personen über 65 Jahren unterrepräsentiert, obwohl letztere ein höheres Risiko tragen“, so Ledebur. Außerdem könne es sein, dass Personen, die Smartwatches oder Fitnesstracker tragen, insgesamt gesundheitsbewusster sind. „Nichtsdestotrotz zeigt die Studie das enorme Potenzial von Smartwatches, wertvolle objektive Einblicke in die physiologischen und verhaltensbezogenen Auswirkungen einer Infektion zu liefern und dabei zu helfen, Personengruppen mit einem erhöhten Risiko zu erkennen“, so die Forschenden.
Die CDA wurde vom Robert-Koch-Institut unter der Leitung von Dirk Brockmann, CSH External Faculty und Professor an der TU Dresden, ins Leben gerufen.
Publikation: npj Digital Medicine
Wearable Data Reveals Distinct Characteristics of Individuals with Persistent Symptoms after a SARS-CoV-2 Infection.
K. Ledebur, M. Wiedermann, C. Puta, S. Thurner, P. Klimek und D. Brockmann.
doi: 10.1038/s41746-025-01456-x