(Wien, 11-06-2026) Mit dem Start der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 rückt ein Ereignis in den Fokus, das weltweit von Milliarden Menschen verfolgt wird und zu veränderten Verhaltensmustern führt. Frühere Untersuchungen haben gezeigt, dass große Turniere mit erhöhtem Alkoholkonsum, emotionalem Stress und einer stärkeren Inanspruchnahme von notfallmedizinischen Leistungen verbunden sind. Ein Forschungsteam der Medizinischen Universität Wien ist nun der Frage nachgegangen, ob sich diese Veränderungen auch in routinemäßig erhobenen Laborwerten einer großen Patient:innenpopulation nachweisen lassen. Dafür wurden mehr als 560.000 Laboruntersuchungen aus fast zwei Jahrzehnten analysiert. Die Studie ist aktuell im Fachmagazin „Frontiers in Public Health“ erschienen.
Das Forschungsteam um Marlene Hollenstein und Klaus Schmetterer von der Universitätsklinik für Labormedizin der MedUni Wien analysierte retrospektiv 564.316 Laboruntersuchungen, die im Zeitraum von 2004 bis 2023 rund um 19 Fußball-Europa- und Weltmeisterschaften an der Medizinischen Universität Wien durchgeführt wurden. Verglichen wurden Laborwerte während der Turnierzeiträume mit jenen aus den jeweils 30 Tagen davor und danach. Im Mittelpunkt standen Leberwerte, die unter anderem als Hinweise auf alkoholbedingte Belastungen dienen können. Untersucht wurden die Enzyme ALAT und ASAT, die bei Schädigungen von Leberzellen vermehrt ins Blut gelangen, sowie die Gamma-Glutamyltransferase (GGT), ein Laborparameter, der auf länger andauernden erhöhten Alkoholkonsum reagieren kann.
„So kollektiv und intensiv Fußball-Großereignisse auch erlebt werden – auf den Gesamtdatensatz der Laborwerte schlagen sie sich nicht nieder“, sagt Studienleiterin Marlene Hollenstein zum Ergebnis. „Wir haben natürlich vereinzelt Abweichungen bei den relevanten Laborparametern festgestellt, doch im Gesamtbild der Bevölkerung gleichen sich diese aus.“ Die Analyse ergab keine klinisch relevanten Unterschiede zwischen Turnier- und Vergleichszeiträumen. Bei GGT-Werten, ALAT und ASAT zeigten sich lediglich minimale Abweichungen. Entzündungs- und Stressmarker wie das C-reaktive Protein (CRP) und die Zahl der weißen Blutkörperchen blieben ebenfalls weitgehend unverändert.
Auch zusätzliche Analysen lieferten kein anderes Bild. Weder bestimmte Zeitfenster wie Spieltage noch verschiedene Turnierphasen wie etwa K.-o.-Runden oder Spiele mit österreichischer Beteiligung waren mit konsistenten Veränderungen der untersuchten Laborwerte verbunden. Selbst bei der UEFA EURO 2008, die in Österreich und der Schweiz stattfand, fanden sich keine Hinweise auf relevante Verschiebungen der Laborwerte. „Große Fußballturniere gehen nachweislich mit Verhaltensänderungen einher. Unsere Daten zeigen jedoch, dass diese Effekte in den routinemäßig erhobenen Laborwerten einer großen und heterogenen Patient:innenpopulation nicht in klinisch bedeutsamer Weise sichtbar werden“, so Hollenstein.
Publikation: Frontiers in Public Health
Goals, cheers, and gamma-GT: Do football tournaments affect laboratory parameters?
Marlene Hollenstein, Van-Lin Nguyen, Thomas Szekeres and Klaus G. Schmetterer
DOI: 10.3389/fpubh.2026.1839877
https://www.frontiersin.org/journals/public-health/articles/10.3389/fpubh.2026.1839877/full