(Wien, 17-03-2026) – Adrenalin-Injektionen gelten als wichtigste Erstmaßnahme bei akuten, schweren allergischen Reaktionen (Anaphylaxie), die sich unter anderem durch Blutdruckabfall äußern können. Diese Empfehlung basiert bislang vor allem auf klinischer Erfahrung und Beobachtungsdaten, da Placebo-kontrollierte Studien an Menschen mit schwerer Anaphylaxie nicht durchführbar sind. Ein Forschungsteam der MedUni Wien hat nun erstmals an gesunden Proband:innen untersucht, wie Adrenalin den Blutdruckabfall durch Histamin – den zentralen Botenstoff der Anaphylaxie – beeinflusst. Die aktuell im Fachjournal „Allergy“ publizierten Ergebnisse stellen die derzeitige Empfehlung zwar nicht unbedingt infrage, unterstreichen jedoch den Bedarf an besseren Therapiemöglichkeiten.
In den Mittelpunkt der Studie stellte das Forschungsteam um Matthias Weiss-Tessbach und Bernd Jilma (beide von der Universitätsklinik für Klinische Pharmakologie der MedUni Wien) den Blutdruckabfall, der neben Atemnot, Quaddeln auf der Haut und anderen Symptomen bei einer Anaphylaxie auftreten kann. Bei schweren allergischen Reaktionen können Botenstoffe, vor allem Histamin, die Blutgefäße erweitern und den Kreislauf destabilisieren. Um diesen Mechanismus isoliert zu untersuchen, lösten die Forschenden bei gesunden Freiwilligen über eine 15-minütige intravenöse Histamin-Infusion einen kontrollierten Blutdruckabfall aus. Dabei wurden Histamin Spiegel erreicht, wie sie typischerweise bei schwerer Anaphylaxie gemessen werden. Fünf Minuten nach Beginn der Infusion wurde den Teilnehmenden entweder Adrenalin oder ein Placebo in die Oberschenkelmuskulatur verabreicht. Bei nur fünf von 20 Personen trat nach der Injektion eine kurzfristige Blutdruckverbesserung auf. Auch eine zweite Dosis führte nicht zu einer Stabilisierung des Blutdrucks. Der Unterschied zwischen Adrenalin und Placebo war sehr gering.
Adrenalin weiterhin empfohlen
„Unsere Studie ist die erste Placebo-kontrollierte Untersuchung beim Menschen, welche die Wirkung von intramuskulärem Adrenalin auf einen Histamin-bedingten Blutdruckabfall untersucht“, sagt Erstautor Matthias Weiss-Tessbach. „Die Ergebnisse zeigen, dass dieser nur durch einen einzigen Botenstoff verursachte Blutdruckabfall durch intramuskuläres Adrenalin nicht zuverlässig aufgehoben wird.“ Gleichzeitig betonen die Studienautor:innen, dass daraus keine unmittelbaren Konsequenzen für Patient:innen gezogen werden sollen: „Eine Anaphylaxie ist möglicherweise komplexer als das hier verwendete Modell, wenngleich Histamin in früheren Studien als wichtigster Botenstoff in der akuten Anaphylaxie beim Menschen identifiziert werden konnte. Adrenalin bleibt weiterhin die empfohlene Erstmaßnahme bei schweren allergischen Reaktionen“, ergänzt Studienleiter Bernd Jilma.
Eine Anaphylaxie kann unter anderem durch Nahrungsmittel, Medikamente oder Insektenstiche ausgelöst werden und lebensbedrohlich sein. Internationale Leitlinien empfehlen seit vielen Jahren die intramuskuläre Gabe von Adrenalin als wichtigste Erstmaßnahme. Häufig erfolgt diese über sogenannte Autoinjektoren, die von den Betroffenen selbst angewendet werden können. Da Placebo-kontrollierte klinische Studien in der akuten, schweren Anaphylaxie nicht durchführbar sind, spielen experimentelle Modelle eine wichtige Rolle für den medizinischen Fortschritt. Die gewonnenen Erkenntnisse zeigen, dass effektivere Therapien zur Behandlung der Anaphylaxie benötigt werden, die gezielt gegen Histamin wirken.
Publikationen:
Allergy
Effect of Intramuscular Adrenaline on Histamine-Induced Hypotension: A Randomised Placebo-Controlled Pilot Trial.
Matthias Weiss-Tessbach, Al Medina Dizdarevic, Thorsten Bischof, Christa Firbas, Alexander Taschner, Eva-Luise Ritter-Hobl, Barbara Steinlechner, Eva Fischer, Lorenz Sonnberger, Georg Gelbenegger, Jolanta M. Siller-Matula, Christian Schoergenhofer, Bernd Jilma.
https://doi.org/10.1111/all.70277
Drug Discov Today
Effectiveness of histamine receptor antagonists in the treatment of histamine-driven clinical symptoms: do we have a histamine or, better, an anti-histamine problem?
Boehm T, Jilma B.
https://doi.org/10.1016/j.drudis.2025.104383